Es war wieder mal eine lange Clubnacht in Berlin. Der Heimweg von Peter Fox durch die Kreuzberger Morgendämmerung bietet ein Panoptikum der Metropole. „Müde Gestalten im Neonlicht, mit tiefen Falten im Gesicht. Frühschicht schweigt, jeder bleibt für sich“, heißt eine Textzeile aus der Hitsingle „Schwarz zu Blau“. Vorbei an Szenegängern, Punks und Obdachlosen geht es zum Frühstück in die orientalische Bäckerei. Was George Grosz, der Meister der Neuen Sachlichkeit, einst in Bildsujets über die Gesellschaft der Weimarer Republik festhielt, findet acht Jahrzehnte später seine musikalische Entsprechung in einem entspannten Dancehall-Rhythmus. Fox hat „Schwarz zu Blau“ für sein Soloalbum „Stadtaffe“ geschrieben, das sich seit Herbst 2008 über eine Million Mal verkaufte. Ein überaus erfolgreiches Sittengemälde der heutigen Popkultur in Deutschland.
Peter Fox ist einer von drei Sängern der zehnköpfigen Formation Seeed, die sich im stilistischen Umfeld von Hip-Hop, Dub und Reggae bewegt. Eine musikalische Mischung, die ursprünglich eher von spezialisierten Plattensammlern geschätzt wurde. Doch mit ihren deutschen Alltagstexten über das „Dicke B“ (gemeint ist Berlin) treffen sowohl Seeed als auch die Sänger Fox und Demba „Ear“ Nabé das aktuelle Lebensgefühl einer breiten Fangemeinde. Spätestens seit ihrem Auftritt bei der Eröffnungsfeier zur Fußball-WM 2006 sind Seeed dem früheren Insiderstatus entwachsen.
Die Begeisterung für die Band basiert auf ihrer langjährigen künstlerischen Integrität. Eine respektvolle Weiterentwicklung der karibischen Original-Sounds ist dabei wichtiger als das deutsch-baskische Elternhaus von Pierre Baigorry, alias Peter Fox, oder die westafrikanischen Wurzeln von Demba Nabé. Der multikulturelle Hintergrund geht in spannungsreichen Fusionen auf, die in einem vielfältigen Großstadtklima heranreifen konnten, wie man es bislang aus London, New York oder Barcelona kannte. In der deutschen Popmusik zeigen sich verstärkt integrative Modelle: ein Gegenpol zum Phänomen der abgeschotteten Parallelgesellschafen einiger migrantisch geprägter Stadtviertel in deutschen Großstädten. Der zuweilen etwas sozialromantisch wirkende Popslogan „One nation under a groove“ hat hier seine Berechtigung. Auch die Dancehall-Truppe Culcha Candela, deren sechs Bandmitglieder aus fünf Ländern stammen, schwört auf die vereinigende Wirkung treibender Rhythmen. Im Stile eines multinationalen Orchesters beherrscht die Band verschiedene Spielarten und verbindet Party-Hits wie „Hamma“ oder „Chica“ mit ausdrücklichem Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus. „Wir haben uns als verschiedene Menschen gefunden, mit dem Interesse, dass wir zusammenkommen und voneinander lernen“, sagt Sänger Johnny Strange. „Mit dem Respekt und dem Wunsch als Gesellschaft weiterzukommen, im Kleinen wie im Großen.“
Musikalische Kollektive wie Seeed und Culcha zeigen, dass einiges in Bewegung geraten ist in der deutschen Popmusik. Heute konkurrieren viele authentische Stilrichtungen mit Elektronik-Phänomenen, die lange als „typisch deutsch“ galten. Und auch die schillernde Techno-Bewegung oder die weltweit gefeierten Finstermänner von Rammstein sind heute nur Teile eines größeren Ganzen. Eine Entwicklung, die ohne einen nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel kaum möglich gewesen wäre. Seit Mitte der fünfziger Jahre sorgte eine massive (Arbeits-)Migration in die Bundesrepublik für unterschiedliche Einwandererkulturen mit eigenen Sounds und Medienstrukturen. Vom Mainstream der Gesellschaft wurden diese anfangs nur sehr zögerlich registriert – bis die Kinder der längst auf Dauer in Deutschland lebenden „Gastarbeiter“ ihre Stimmen erhoben. Anfang der 1990er- Jahre entdeckte der Nachwuchs den Hip-Hop der schwarzen US-Vorbilder für sich, und in den Jugendheimen der Vorstädte wurde der Rap zum Sprachrohr der Migranten-Kids. Viele musikalische Karrieren nahmen hier ihren Anfang; auch solche, die sich heute erfolgreich in ganz anderen Sphären bewegen.
Beispielhaft dafür steht der Weg des Musikers Xavier Naidoo. Als Kind eines deutsch-indischen Vaters und einer südafrikanischen Mutter wuchs er in der industriell geprägten, multikulturellen Rhein-Neckar-Region auf. Nach musikalischen Anfängen in einem Gospel-Chor wandte er sich der regionalen Clubkultur zu, die ihn zum Frankfurter Hip-Hop-Duo Rödelheim Hartreim Projekt brachte. Hier begann Naidoo als Hintergrundsänger der Rapper, bevor sie Mitte der 1990er-Jahre die Produktionsfirma 3p gründeten.
Später emanzipierte sich der Mannheimer Lokalpatriot Naidoo von seinen Entdeckern und entwickelte mit dem 1998er-Debütalbum „Nicht von dieser Welt“ eigene Vorstellungen einer deutschsprachigen Popmusik mit spiritueller Note. Gospel von der Neckarmündung. Beim vielköpfigen Musikkollektiv Söhne Mannheims wirkt Naidoo zudem als Sänger und Ideengeber für zahlreiche Sonderprojekte, wie 2008 beim symphonischen „Wettsingen“ des Söhne-Repertoires im Schwetzinger Schloss. Wie weitreichend diese Netzwerkstruktur ist, zeigt auch die deutschamerikanische Sängerin Cassandra Steen. 2001 brachte sie mit der 3p-Formation Glashaus und dem Song „Wenn das Liebe ist“ ein überzeugendes Soul-Gefühl in ein deutschsprachiges Liebeslied. Acht Jahre später konnte Steen diesen Erfolg gemeinsam mit dem Berliner Sänger Adel Tawil in „Stadt“ und einer ähnlich prägnanten Komposition sogar noch übertreffen. Auch Tawil, der aus einem ägyptisch-tunesischen Elternhaus in der Berliner Siemensstadt stammt, begann wie viele Kollegen mit selbst organisierten Hip-Hop-Konzerten: „Bei meinen Hip-Hop-Sachen ging nicht so richtig was. Irgendwann hatte ich die Perspektive verloren“, erinnert er sich. Tawil wechselte das Genre und gründete später mit Annette Humpe das Popduo Ich + Ich. Statt Hip-Hop ein musikalischer Generationen-Dialog mit einer 28 Jahre älteren Pop-Produzentin.
Wie in anderen Ländern Europas auch übernimmt Rap weiterhin eine große Identifikationsrolle für Jugendliche aus Migrantenfamilien. Für langfristige Künstlerkarrieren scheint das Genre jedoch zu limitiert. Selbst die Prototypen des provokativen Straßen-Raps wie Bushido oder Kool Savas wenden sich anderen Segmenten zu. Die Kooperation von Bushido mit dem tschechischen Schlagersänger Karel Gott für die Coverversion „Für immer jung“ mag eine Vermarktungsidee der Plattenfirma sein. Sie ist zudem Ausdruck einer Stilvielfalt, die auch vor Kuriositäten nicht zurückschreckt.////














