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Albert Speer über Nachhaltigkeit, ­Megastädte und verlassene Ortschaften

Stadtplanung im 21. Jahrhundert

Ein Interview mit dem renommierten deutschen Architekten und Stadtplaner Albert Speer über Nachhaltigkeit, Megastädte und verlassene Ortschaften

Interview: Jeremy Gaines und Martin Orth

Herr Speer, Sie haben als einer der Ersten Mitte der 1980er-Jahre Nachhaltigkeit bei der Stadtplanung zum Thema gemacht. Wie kamen Sie darauf? Und was bedeutet Nachhaltigkeit in der Stadtentwicklung?

Wir haben damals über die Zukunft der Städte nachgedacht und dabei auch in die Geschichte geblickt. Dabei stellte sich ein Unterschied heraus. Heute haben wir weltweit alle Materialien zur Verfügung. Früher konnte man jedoch nur mit den Materialien bauen, die vorhanden waren. Fachwerkhäuser baute man ja nicht, weil sie so schön aussahen, sondern weil man außer Holz und Lehm kein anderes Material hatte. Das haben wir auf die Stadtentwicklung übertragen und so kamen wir dazu, das Thema Nachhaltigkeit zu propagieren. Nachhaltigkeit bedeutet, mit den Ressourcen sparsamer umzugehen.

Welche Bedeutung haben Städte und damit die Stadtentwicklung im 21. Jahrhundert?

Städte tragen zu einem erheblichen Teil zum Klimawandel bei. 80 Prozent aller Emissionen entstehen in Städten. Damit rückt die Stadtplanung in den Mittelpunkt der globalen Entwicklung.

Was ist zu tun?

In den europäischen Städten ist die Bausubstanz nicht klimakonform und entspricht nicht den Kriterien von Energieeffizienz. 90 Prozent aller Bauten in Deutschland sind vor 1980/1985 entstanden. Da war das noch kein Thema. Inzwischen gibt es ein Programm der Bundesregierung zur Modernisierung der Immobilien. Aber das Tempo muss sich entscheidend ­steigern.

Und was ist mit dem Verkehr?

In europäischen Städten versuchen wir, alle Funktionen mit­einander zu vernetzen, so dass sie weitestgehend fußläufig erreichbar sind. Ein schönes Beispiel dafür ist die Innenstadt von Köln, für die wir im vorletzten Jahr einen großen Masterplan gemacht haben. Da sind Wohnen, Arbeiten, Kultur und Freizeit noch eng miteinander verflochten. Und dadurch entsteht natürlich weitaus weniger Verkehr.

Im Gegensatz zu den europäischen Städten wachsen die Megastädte in Asien rasant. Wo setzt Ihre Arbeit dort an?

Die nachhaltige Stadtentwicklung hat in den vergangenen 25 Jahren weltweit Akzeptanz gefunden. In den letzten zehn Jahren hat sich zum Beispiel auch in China die Einstellung der Politik zu diesem Thema radikal verändert. Das heißt nicht, dass in allen Städten Chinas schon die nachhaltige Stadtentwicklung umgesetzt wird. Das kann man von diesem Riesenland auch nicht erwarten. Aber die Gesetze dafür sind da und in vielen Städten wird angefangen, das umzusetzen. Wir arbeiten zum Beispiel an mehreren großen Stadterweiterungsprojekten in Changchun im Norden von China. Die Verantwortlichen dort geben sich größte Mühe, nachhaltige Prinzipien umzusetzen.

Statt Nachhaltigkeit stand kürzlich die Eröffnung des Burj Dubai im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Was halten Sie von der Stadtentwicklung im Stile Dubais?

Diese Entwicklung hat zwei Seiten. Auf der einen Seite ist es Dubai in den letzten Jahren gelungen, sich auf der Weltkarte als Standort für große Events und für den Tourismus zu etablieren und sich ein hervorragendes Image zu verschaffen – zum Teil auch über hervorragende Architektur. Dieses große Hotel, dieses Segel am Strand, wunderschön. Auch der Burj Dubai ist für Dubai ein Signal für die Zukunft. Ich zweifele nicht an seinem Erfolg. Das Problem liegt woanders. Erstens sind Hochhäuser, die über eine Größenordnung von 300 bis 350 Meter hinausgehen, wirtschaftlich nicht zu bauen und auch nicht wirtschaftlich zu betreiben. Zweitens hat Dubai in der Stadt­entwicklung übertrieben. Ich hätte nur die Hälfte gebaut.

Welche Stadt kommt denn Ihren Vorstellungen von Nachhaltigkeit schon relativ nahe?

In Europa ist es Barcelona. Die Stadt kommt dem Nachhaltigkeitsgedanken sehr nahe. Sie ist dicht, gemischt. Der Hafen wurde zu einem großen Teil umgenutzt, das Meeresufer ist wieder Teil der Stadt. Barcelona geht hervorragend mit der alten Substanz um. Wenn ich weiter in die Welt hinausschaue, dann ist es Singapur. Die Stadt hat von Anfang an das Problem der zu wenigen Flächen gehabt, ist damit aber sehr vernünftig umgegangen. Das hat zu einer hohen Verdichtung geführt. Aber innerhalb dieser Verdichtung ist eine hohe architektonische Qualität entstanden. Zum Beispiel mit Wohnhochhäusern. Dennoch hat man heute das Gefühl: Singapur ist grün.

Und in Deutschland?

Hamburg macht eine sehr intelligente Stadtentwicklungspolitik auch im Sinne von Nachhaltigkeit. Das gilt nicht nur für die Hafencity. Das gilt auch für viele andere Bereiche.

Die Kehrseite wachsender Städte sind verlassene Ortschaften und Landstriche. Wie gehen Sie damit planerisch um?

Gute Frage. Auf dieses Problem sind weder Planer noch Politiker richtig vorbereitet. Das hat man im Studium nicht gelernt und war damit auch nie konfrontiert. Bisher stand immer Wachstum im Mittelpunkt. Wir wissen allerdings, dass das in anderen Ländern Europas schon seit über hundert Jahren so ist – siehe Ostfrankreich oder Nordengland. Es wird in der Zukunft Landstriche geben, die nicht mehr mit dem Standard, den wir heute haben, auf Dauer erhalten werden können, weil die Bevölkerung weggezogen ist und die Infrastruktur mit den wenigen Menschen, die noch da sind, nicht aufrechter­halten werden kann. Mit dem Thema müssen wir uns in den nächsten Jahren intensiv auseinandersetzen.

Wie könnte denn eine Lösung aussehen?

Ich glaube, dass wir in Zukunft in Deutschland unterschiedliche Lebensverhältnisse bis hin zu Einkommensverhältnissen und Versorgungsmöglichkeiten haben werden. Und dass der gleiche Lebensstandard in allen Regionen, der im Grundgesetz verankert ist, nicht durchzuhalten ist. Parallel zu dieser Entwicklung beobachten wir eine ganz starke Differenzierung und Individualisierung der Gesellschaft. Da gibt es garantiert Menschen, die sagen, ich brauche das alles nicht. Ich liebe es, in einer solchen Landschaft zu leben. Ich habe halt den Supermarkt nicht vor der Haustür, dafür pflanze ich mein eigenes Gemüse an.

Das Motto der Expo 2010 in Shanghai lautet „Better City, Better Life“. Was erwarten Sie von der Expo? Und: Werden Sie sie besuchen?

Wir haben das Grundkonzept mitentwickelt und auch schon die Weltausstellung 2000 in Hannover konzipiert. Davon haben die Organisatoren viel gelernt – zum Beispiel, die Expo auf einem ehemaligen Industriegelände am Fluss auszurichten und nicht etwa wie anfangs in Erwägung gezogen auf der grünen Wiese. So eine Weltausstellung muss man nutzen, um die Stadt nachhaltig zu entwickeln. Ich glaube, dass es eine sehr beeindruckende Weltausstellung wird mit einem schönen deutschen Pavillon. Selbstverständlich werde ich in Shanghai sein und mir das ansehen.

An welchen Projekten arbeiten Sie aktuell?

In Kairo planen wir eine Stadterweiterungsmaßnahme für 2 Millionen Einwohner und in Alexandria erarbeiten wir die Bewerbung für die Mediterranean Games 2017. Außerdem erstellen wir die Masterplanung für die Bewerbung Münchens um die Olympischen Winterspiele 2018 und sind in die Bewerbung Katars für die Fußballweltmeisterschaft 2022 maßgeblich involviert.

23.03.2010
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