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Der Boom um den Ball

Faszination Fußball

Bundesliga, Nationalmannschaft, Frauenfußball – der Fußball in Deutschland schreibt derzeit eine einzigartige Erfolgsstory. Nie zuvor war die Begeisterung für den Sport so groß wie heute

Von Jürgen Rollmann

Für Boom (englisch: „florieren“) findet man auf der Begriffsklärungsseite der elektronischen Enzyklopädie Wikipedia Folgendes: A) eine Konjunkturphase, B) eine Stadt in Belgien, C) ein Potenzmittel, D) eine lautmalerische Beschreibung einer Explosion in Comics, E) einen Ausleger in der Satellitentechnik. Es ist nur ein Gerücht, aber die Liste soll nun um ein F) ergänzt werden, denn für Boom gibt es derzeit in Deutschland nur einen exakten Begriff: F wie Fußball. „Kein Ende des Bundesliga-Booms in Sicht“, der „FC Bayern boomt wie nie zuvor“, die „Fußball-Bundesliga erlebt derzeit einen Boom wie nie“ – nur einige Schlagzeilen, die belegen, wie der Fußball in Deutschland floriert.

Mit 37644 Besuchern pro Spiel lag die Bundesliga 2007 weltweit an der Spitze. Für die gerade abgelaufene Spielzeit hatten die 18 Erstligisten 377000 Dauerkarten verkauft und damit die Bestmarke des Jahres 2005 noch einmal übertroffen. Die Nachfrage nach Tickets war so groß, dass der deutsche Rekordmeister und Rekord-Pokalsieger FC Bayern München bereits vor Saisonstart keine Aufträge für Jahreskarten mehr annehmen konnte. Auch in Dortmund, Frankfurt am Main und Hamburg stoppten die Vereine den Verkauf vorzeitig. Neue Rekordmarken in der Saison 2008/2009 sind wahrscheinlich, da mit dem 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach zwei Traditions-Vereine in die 1. Liga aufgestiegen sind, die über großes Fan-Potenzial und große Stadien verfügen.

Die riesige Begeisterung für den Sport schlägt sich natürlich auch in der Kasse nieder. 420 Millionen Euro zahlen die Fernsehsender derzeit jährlich den 36 Klubs der Ersten und Zweiten Fußball-Bundesliga – Tendenz steigend. Über 120 Millionen Euro spülen die Trikot-Sponsoren allein in die Kassen der 18 Erstligisten. Und noch einmal weit über 100 Millionen Euro nahmen die 36 Vereine durch Merchandising ein. Insgesamt 1,75 Milliarden Euro erwirtschafteten die 36 Vereine in der Saison 2006/07– so viel wie manches Unternehmen im M-Dax. Die Bundesliga ist längst auch zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor geworden.

Ebenso beeindruckend wie bei den Männern fällt das Zahlenwerk bei den Frauen aus. Die offizielle Mitgliederstatistik des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) für 2008 ergibt, dass 1002605 Mädchen und Frauen im Verein Fußball spielen – mehr als je zuvor. Damit ist der Mädchen- und Frauenfußball das seit Jahren am stärksten wachsende Segment im Deutschen Fußball-Bund. Hannelore Ratzeburg, DFB-Vizepräsidentin für Frauen- und Mädchenfußball, ist begeistert: „Das sind natürlich erfreuliche Zahlen. Dass so viele Mädchen und Frauen im Verein aktiv sind, beweist ihren seit Jahren steigenden Stellenwert im DFB.“

Wie rasant dieser Stellenwert gestiegen ist, verdeutlicht die Tatsache, dass der DFB den Frauenfußball bis 1970 verboten hatte. Obwohl mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 auch die grundgesetzliche Gleichberechtigung von Mann und Frau festgeschrieben wurde, fanden die Frauen in dieser von Männern geprägten Fußballwelt zunächst keinen Platz. Der DFB stellte auf seinem Bundestag am 30. Juli 1955 in Berlin fest: „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden, und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.“

Erst als die Fußballerinnen Ende der 60er- Jahre die Gründung eines eigenen Dachverbandes erwogen, lenkte der DFB ein. Am 31. Oktober 1970 wurde das Verbot aufgehoben, 1974 die erste Frauenfußball-Meisterschaft ausgespielt. 1982 spielte erstmals eine DFB-Frauennationalelf, nachdem es zuvor nur inoffizielle Länderspiele gegeben hatte. Den Durchbruch des Frauenfußballs in Deutschland brachte der Gewinn der Europameisterschaft 1989.

Deutschland ist das erste und bislang einzige Land, das sowohl mit den Frauen als auch den Männern Fußball-Weltmeister bzw. -Europameister wurde. Rekordnationalspielerin und Rekordtorschützin ist Birgit Prinz (1. FFC Frankfurt), die mehrfach zur Weltfußballspielerin des Jahres gewählt wurde. Obwohl die Stürmerin 2011 bereits 34 Jahre alt sein wird, ist sie die Hoffnungsträgerin von Bundestrainerin Sylvia Neid für die Weltmeisterschaft 2011 in Deutschland, die der Welt-Fußball-Verband FIFA auch unter dem Eindruck der fantastischen Fußball-WM 2006 der Männer wiederum dem DFB als Ausrichter zugesprochen hat.

Denn auch zwei Jahre nach dem Abpfiff der WM 2006, die unter dem Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ stand, weckt das Sommermärchen bei den meisten Menschen nur positive Gefühle. Ganz Deutschland feierte mit über zwei Millionen ausländischen Gästen fröhlich und friedlich das Weltereignis. An jedem Balkon, an jedem Auto wehte eine Fahne – meist in Schwarz-Rot-Gold.

Hubert Kleinert, Professor für Politikwissenschaft an der Fachhochschule für Verwaltung des Landes Hessen, schrieb: „Als habe ein oft als verunsichert beschriebenes Volk nach vielen Jahren des Entzugs positive Identifikationschancen und gemeinschaftsstiftende Erlebnisse geradezu herbeigesehnt, ist um die deutschen Fußballer eine Welle des Fußballpatriotismus entstanden, deren kulturelle Bedeutung ganz deutlich über das rein sportliche Geschehen hinausreicht. Die Begeisterung, auch der ebenso natürliche wie ganz überwiegend freundlich-selbstverständliche Umgang mit den nationalen Symbolen – etwas Vergleichbares gab es nie.“

Was macht die neue Faszination des einstigen Arbeitersports aus, der mit der WM 2006 in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist? ,,Die Teilnahme an Erregungsprozessen als Zuschauer hat die Menschen über Jahrtausende bewegt. In der Antike waren das die Gladiatorenkämpfe, im Mittelalter die Ritterturniere, im vorigen Jahrhundert das Boxen“, sagt Professor Dieter Jütting vom Institut für Sportkultur und Weiterbildung der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. „Heute ist es der Fußball.“ Die Brutalität, das Rohe sei in langen Prozessen zurückgegangen, das Spektakel verfeinert worden, habe sich zivilisiert und schaffe ein angenehmes Gefühl für Spannung. „Fußball ist wie eine Pilgerfahrt für jedermann – ohne beten zu müssen“, sagt Professor Jütting, Mitglied der in Nürnberg beheimateten Deutschen Akademie für Fußballkultur, die aus Anlass der WM 2006 gegründet wurde.

Bei allem Drumherum: Das Spiel steht weiterhin im Vordergrund. Fernsehmoderator Ulrich Meyer, begeisterter Fan und Ehrenmitglied des 1. FC Köln, sagt: „Stadionsprecher oder Außendarstellung können noch so professionell sein. Entscheidend ist immer noch die Leistung der Mannschaft. Und wenn die nicht angemessen spielt, fällt es doppelt auf. Die Mannschaft ist die Basis für alles.“

Während diese Basis mit Bezug auf die deutsche Fußball-Nationalmannschaft jahrelang relativ instabil war, ist seit der WM 2006 dank Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann ein Team entstanden, das wieder zur Spitze gehört. Joachim Löw, der heutige Bundestrainer, führte nahtlos die Arbeit seines Vorgängers fort, absolvierte souverän die EM-Qualifikation und konservierte die durch die WM entstandene Begeisterung rund um das deutsche Team. Heute sind die Länderspiele wieder ausverkauft. Sogar zu einem Training kamen im vergangenen Jahr 40000 Zuschauer. Damit sind deutsche Spieler auch wieder in ausländischen Ligen gefragt. Michael Ballack (Chelsea London), Jens Lehmann (Arsenal London), Christoph Metzelder (Real Madrid), Timo Hildebrand (FC Valencia) oder David Odonkor (Betis Sevilla) heißen die kickenden Botschafter Deutschlands.

Im Fußballjahr 2008 beginnt eine Ära, eine andere geht zu Ende. Der ehemalige Topstürmer und Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann kehrt aus Kalifornien zurück und trainiert den FC Bayern München. Mit seiner Auffassung vom modernen Fußball will er mit dem Rekordmeister wieder die europäische Spitze erobern. Und Oliver Kahn, einer der weltbesten Torhüter, beendet seine bewegte Karriere. 20 Jahre hat „King Kahn“ die Bundesliga geprägt. Für ihn zählten nur Siege, die er mit Bayern München (Champions-League-Triumph 2001) und der Nationalmannschaft reichlich errang. Trotzdem war es eine Niederlage, die Kahn weltweit große Popularität bescherte. Im WM-Finale 2002 von Yokohama ermöglichte Kahn mit einem Fehler das brasilianische Führungstor – Brasilien besiegte Deutschland mit 2:0. Die TV-Bilder des trauernden Kahn, der nach Abpfiff einsam und allein am Torpfosten lehnte, sind unvergessen.

Jürgen Rollmann
spielte als Torwart in der Fußballbundesliga und gewann den Deutschen Pokal und den Europapokal der Pokalsieger mit Werder Bremen. Von 2003 bis 2006 war er Koordinator der Bundesregierung für die Fußball-Weltmeisterschaft. Heute arbeitet Rollmann als freier Journalist in Berlin.

26.05.2008
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