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Wie Muslime in Deutschland ihren Glauben leben

Religion mit vielen Facetten

Der Islam ist aus dem deutschen Alltag nicht mehr wegzudenken: Muslime stellen die drittgrößte Religionsgemeinschaft in der Bundesrepublik

Von Wolfgang Günter Lerch

Als bei der Fußball-Europameisterschaft 2008 Deutschland und die Türkei aufeinander trafen, fiel auf, wie unkompliziert die Fans beider Länder miteinander umgingen; und als die Deutschen das Endspiel erreichten, hörte man von vielen Türken, nun hielten sie für die Deutschen die Daumen. Zu Zusammenstößen kam es nicht, deutsche und türkische Fähnchen ergänzten sich in einem Gefühl der Zusammengehörigkeit. Die Ereignisse belehrten all jene eines besseren, die immer wieder behaupten, vor allem bei den türkischen/muslimischen Einwanderern gebe es im Blick auf die Integration keinerlei Fortschritte. Doch so richtig es sein mag, dass es schwierig ist, Angehörige des muslimisch geprägten Kulturkreises in eine westlich-durchsäkularisierte Gesellschaft zu integrieren, so falsch ist es, dies zum Dogma zu erheben. Es gab in den vergangenen Jahren große Fortschritte; von den Schwierigkeiten, die der Islam bisweilen heraufbeschwört, wird häufig ein Zerrbild gezeichnet, das der Realität nicht entspricht.

In Deutschland leben etwa 3,3 Millionen Muslime, von denen der größte Teil, 2,6 Millionen, Türken sind. Marokkaner, Afghanen und Iraner stellen die nächst größeren Gruppen. Etwa 800 000 Muslime besitzen inzwischen einen deutschen Pass. Da das Grundgesetz die Religionsfreiheit garantiert, kann der Islam in Deutschland ungehindert praktiziert werden. Es gibt rund 3000 Gebetsräume für Muslime, und inzwischen wächst auch die Zahl der Moscheen mit Kuppel und Minarett. Während in manchen Städten, wie zuletzt in Köln, lange und recht erbittert über den Bau solcher muslimischer Gebetsstätten gestritten worden ist, vollzog sich der Bau anderswo ohne größere Schwierigkeiten. Das eigentliche Problem sind weniger die Moscheen selbst, als das, was in ihnen gepredigt wird.

Als Massenphänomen ist der Islam in Deutschland neu, knapp 50 Jahre alt. Die Schwierigkeiten der Integration sind umso größer, je konservativer die Einstellung der betreffenden Muslime ist – bis hin zum Fundamentalismus und Islamismus, einer politischen Spielart des Islams. Und auch die Deutschen tun sich natürlich in der Regel schwerer, wenn sie sich nicht mit Herkunftsland und Kultur der Einwanderer ein wenig auseinandergesetzt haben. Allerdings ist das Bild des Islams in Deutschland recht vielfältig; es reicht von bloßen Kulturmuslimen, die im Grunde als assimiliert gelten können, über die ohnehin weltlich gesinnten Aleviten bis hin zu islamistisch gesinnten Muslimen, die tatsächlich in vielen Fällen ein Integrationshindernis bilden. Sie werden hauptsächlich durch die Organisation Milli Görüs repräsentiert, die bis heute auch vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Milli Görüs gilt allgemein als Ableger der von dem führenden türkischen Islamisten Necmettin Erbakan gegründeten und geführten, in der Türkei immer wieder verbotenen religiösen Parteien, die – zumindest in der Theorie – demokratischen und weltlichen Konzepten des Rechtsstaates, wie sie in Europa existieren, ihre Vorstellungen von einem „religiösen Staat“, einer gerechten islamischen Ordnung entgegensetzen. Die Zahl der Anhänger in Deutschland wird auf etwa 30 000 geschätzt, ist also überhaupt nicht repräsentativ für den Rest der Muslime, die sich zwischen wertkonservativen, traditionellen und liberalen Positionen bewegen. Es sind mehr die Mitbring-Effekte einer noch stark in hergebrachten Sitten und Gebräuchen verhafteten anatolischen Bevölkerung, die in Deutschland immer wieder zu jenen Schwierigkeiten führen, über welche die Medien berichten, weniger „islamistische“ Gesinnungen. Im Vordergrund stehen da oft Berichte über arrangierte Ehen, „Ehrenmorde“, der Kopftuchstreit, wie er ähnlich auch in der Türkei geführt wird, dazu Ängste vor sexueller Freizügigkeit, wie überhaupt vor einer ungewohnten individuellen Lebensgestaltung, die von wertkonservativen Muslimen eher als Bedrohung denn als Befreiung empfunden werden mag. Befremdend wirkt auf Muslime auch die kritische Einstellung vieler Deutscher gegenüber der Religion überhaupt, also auch gegenüber dem Islam. Integration gelingt freilich auch in jenem Maße besser, in dem man die Sprache beherrscht und bereit ist, in der Gesellschaft bis zu einem gewissen Grad mitzuspielen.

Die deutsche Regierung hat mit der von Innenminister Schäuble angeregten Islam-Konferenz ein Organ geschaffen, in dem agnostische, weltlich gesinnte und fromme Muslime sich miteinander auseinandersetzen sowie mit den deutschen Partnern über die Chancen und Grenzen debattieren, die eine demokratische Gesellschaft bietet. Dabei muss beachtet werden, dass die großen Dachorganisationen wie der Zentralrat der Muslime, der Islamrat und die „Ditib“, die eng mit dem Amt für religiöse Angelegenheiten in Ankara zusammenarbeitet, höchstens 15 Prozent der Muslime in Deutschland repräsentieren. Im übrigen ist der Islam nach dem Vereinsrecht organisiert. Neue Einrichtungen wie die Islamkonferenz zielen darauf, so etwas wie einen Euro-Islam zu schaffen, der die Substanz des Glaubens wahrt, aber überkommene Wertvorstellungen und Traditionen so verändert, dass sie mit der deutschen Rechts- und Werteordnung kompatibel sind. Dafür wird auch die Gestaltung eines künftigen Religionsunterrichtes für Muslime, der diesen Namen verdient, eine wichtige Rolle spielen, denn eine Unterrichtung durch intolerante Prediger oder durch islamische Gemeinschaften zweifelhaften Rufes soll es nach Möglichkeit nicht mehr geben. Dieser Religionsunterricht muss sich auf säkulare Interpretationen des Glaubens, verbunden mit der Vermittlung von Fakten der islamischen Religions- und Kulturgeschichte konzentrieren. Dabei bedarf es in Zukunft noch großer Anstrengungen. Immerhin sind auch auf akademischem Gebiet die ersten Anfänge gemacht. Ein Euro-Islam soll die Botschaft des Korans zeitgemäß auslegen, was ohne eine gewisse Historisierung der religiösen Quellen kaum gelingen kann. In Frankfurt unternimmt Professor Ömer Özsoy als Inhaber einer Stiftungsprofessur solche Anstrengungen, doch auch an anderen Universitäten, wie etwa Münster, hat man damit begonnen.

02.09.2008
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