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Literatur

Zwischen den Welten

Emine Sevgi Özdamar gilt als die bedeutendste deutsche Schriftstellerin türkischer Herkunft. Sie schreibt auf Deutsch – und ist zugleich unverkennbar geprägt von ihrer anatolischen Heimat

Von Wolfgang Günter Lerch

Emine Sevgi Özdamar wurde in Deutschland einer breiteren Öffentlichkeit zuerst als Schauspielerin bekannt. Auf dem Bildschirm war sie der dunkelhaarige, mediterrane Typ oder eben die „Türkin“. Damals gab es den Bürokraten-Begriff „Migrationshintergrund“ noch nicht; man sprach vielmehr von Gastarbeitern aus der Türkei – allerdings nicht von Gastarbeiterinnen. Heute kann Emine Sevgi Özdamar als die bedeutendste deutsche Schriftstellerin türkischer Herkunft gelten.

Sie hat kulturell und literarisch einen langen Weg zurückgelegt, der mit einer Schauspiel- und Theaterausbildung, noch in der alten Heimat, begann, dann in Deutschland fortgesetzt wurde und – als Autorin und Theaterfrau – mit der Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung vor drei Jahren einen Höhepunkt fand. Weitere Höhepunkte ihrer Autoren-Laufbahn sind die Literaturpreise, die sie erhielt, vor allem der Kleist- und der Fontane-Preis. Erst im Frühjahr 2010 wurde sie mit der Carl-Zuckmayer-Medaille ausgezeichnet, Seit den frühen achtziger Jahren ist Emine Sevgi Özdamar freie Schriftstellerin.

Die deutsche Autorin Özdamar stammt aus dem Herzen der Türkei, dem kargen und melancholischen, faszinierenden Inneren von Anatolien: aus Malatya, wo sie 1946 geboren wurde. Eine Stadt der islamischen Traditionen, geprägt von den Frommen. Auch ein früherer Ministerpräsident und Staatspräsident der Türkei, der 1993 verstorbene Turgut Özal, kam von dort. Solche Prägungen bleiben erhalten und bereichern als seelischer Hintergrund, als kulturelles „Hinterland“ jegliche intellektuelle Emanzipation, selbst wenn man sie – was ja keineswegs ausgemacht ist – in dem so ganz anderen Almanya möglicherweise abstreifen will.

Das gilt wohl für alle jene Wanderer zwischen zwei Welten, die gegenwärtig oft pauschal als „deutsch-türkische Schriftsteller“ apostrophiert werden. Es gibt ungefähr ein Dutzend von ihnen. Von der einstigen „Gastarbeiter-Literatur“ haben sie sich, wie Emine Sevgi Özdamar fast von Beginn an, längst gelöst und sind eigene Wege gegangen, die die deutsche Literatur bereichert haben, wie sie umgekehrt – wenn ihre Werke ins Türkische übersetzt oder auch selbst auf Türkisch geschrieben werden – den Türken ganz neue, manchmal zwiespältige, doch auch positive Erfahrungen aus der Fremde („gurbet“) mitteilen können.

Das ist umso notwendiger, als Deutsche und Türken über die traditionellen, früher oft nur politisch und ökonomisch bedingten Beziehungen hinaus inzwischen auch auf der Ebene der Bevölkerungen eng miteinander verflochten sind. Dies gilt trotz des häufigen Nebeneinander-Lebens, das noch keinem wirklichen Miteinander Platz gemacht hat. Doch zu keinem anderen Volk haben die Deutschen – obwohl viele von ihnen das immer noch nicht realisiert haben – inzwischen so schicksalhafte Beziehungen wie zu den Türken, von denen mehr als dreieinhalb Millionen unter uns leben – als deutsche Staatsbürger oder auch nicht.

Interesse an deutscher Kultur und Literatur, an Bert Brecht vor allem, hat Emine Sevgi Özdamar früh bekundet. Schon mit zwölf Jahren stand sie in Bursa auf der Bühne. Mit neunzehn Jahren kam sie zum ersten Mal nach Deutschland, musste sich zwei Jahre durchschlagen; dann folgten eine Schauspielausbildung in Istanbul und Bühnenrollen. Seit 1976 war sie Mitarbeiterin an der Ost-Berliner Volksbühne von Benno Besson, einem Schüler Brechts. Unter dem renommierten deutschen Regisseur Claus Peymann spielte sie zwischen 1979 und 1984 am Bochumer Schauspielhaus.

Emine Sevgi Özdamar, der auch die Ehre der Stadtschreiberschaft von Frankfurt Bergen-Enkheim zuteil wurde, verfasst Gedichte, Erzählungen, Romane und Theaterstücke. Erst im Februar feierte ihr Stück „Perikizi“ im Programm der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 seine Uraufführung. Es erzählt von der Irrfahrt, die ein theaterbegeistertes Mädchen auf ihrem Weg von der Türkei nach Deutschland erlebt. Özdamars erstes Theaterstück „Karagöz in Alamania“, inspiriert von dem türkischen Schattenspiel mit seinen Helden Karagöz und Hacivat, wurde 1986 am Frankfurter Schauspielhaus aufgeführt. Da führte sie selbst Regie. Dort, wie auch in München und Paris, spielte sie zudem etliche Rollen in modernen und antiken Klassikern.

Mit dem Bändchen „Mutterzunge“ (1990) wurde sie einer größeren Leserschaft bekannt. Es kreist um die Themen Sprache, Herkunft und Identität – zwischen Türkisch, Arabisch (der Sprache des Großvaters) und Deutsch, der zweiten „Zunge“, die jedoch mehr und mehr zur neuen, ausschließlich für das literarische Schaffen verwendeten Sprache wird. Emine Sevgi Özdamar schreibt auf Deutsch. Thematisch fasziniert an ihren Werken, den Romanen und Erzählungen vor allem, das Ineinander türkischer wie deutscher Motive. Aktuelle Wirklichkeiten stoßen auf den „Fundus traditioneller orientalischer, anatolischer Mythen und Märchen“, wie es in einer Laudatio auf die Schriftstellerin einmal hieß. Sie werden miteinander in dichten Prosatexten verwoben.

Die umfangreiche Istanbul-Berlin-Trilogie schließlich, in der unter dem Titel „Sonne auf halbem Weg“ drei Romane zusammengefasst sind, entwickelt sich unter der Feder der Autorin zu einem deutsch-türkischen Kosmos, der die sich wandelnden Verhältnisse beider Länder – in jedem für sich, aber auch aufeinander bezogen – erhellend und paradigmatisch beschreibt.

26.02.2010
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