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Ein Essay des japanischen Philosophen Kenichi Mishima

Zur Rezeption von Habermas in Japan

Der japanische Philosoph Kenichi Mishima ist ein ausgewiesener Habermas-Kenner. Zum 80. Geburtstag des deutschen Philosophen beschreibt er, wie Habermas in Japan rezipiert wird

Jürgen Habermas (by Wolfram Huke)

Wie liest man Habermas in Japan? Wie wird seine Theorie rezipiert, die ja dezidiert auf den Erfahrungen der in den letzten Dekaden liberalisierten westlichen Gesellschaft beruht? Gehört Japan zum politischen Westen? Oder erschwert der andere kulturelle Kontext die Rezeption der Theorie der Moderne?

Im Prinzip gibt es keinen Unterschied, ob man bedeutende philosophische Texte wie die von Jürgen Habermas in dem Land liest, in dem sie produziert wurden oder ob man sich in einem fernen Land wie Japan mit ihnen abquält.

Dennoch weiß jeder, der über den eigenen Tellerrand hinausblickt, dass er sich bei der Lektüre philosophischer Texte aus anderen Kulturen und Gesellschaften in einer komplexeren Lage befindet als der Leser, der mit dem Autor einen relativ gemeinsamen Erfahrungshintergrund teilt. Er liest sie vor dem eigenen politisch-kulturellen Hintergrund, weiß als professioneller Leser auch einiges über den Kontext, in dem die Texte entstanden sind, versucht sich deswegen als Berufsphilosoph auch über den Prozess der begrifflichen Universalisierung, die der Autor vornimmt, Klarheit zu verschaffen. Fragen nach der Genesis und die Diskussion über die Geltung sind für ihn oft unauflöslich miteinander verbunden. In seinen eigenen Kontext ragt der Kontext, in dem der Autor sich befindet, hinein. Schließlich befinden wir uns in einer gemeinsamen globalen Moderne, die inzwischen eine unüberschaubare Vielzahl von Facetten zeigt. Hier sind einzelne nationale Öffentlichkeiten miteinander verwoben, ineinander verschachtelt – trotz des immer noch vorherrschenden indifferenten Nebeneinanders von nationalen Diskussionsräumen.

So befinden sich also gesellschaftstheoretische Arbeiten von Habermas bei uns in einem dauerhaften Zusammenspiel von De-Kontextualisierungs- und Re-Kontextualisierungsprozessen. Das gilt auch für seine philosophisch-politischen Essays, erst recht für eine Reihe von oft leidenschaftlichen Stellungnahmen eines öffentlichen Intellektuellen zu zeitgenössischen Ereignissen, die vor allem seit der deutschen Wiedervereinigung bei uns aufmerksam verfolgt werden.

Die im Jahr 1953 erfolgte Auseinandersetzung von Habermas mit Martin Heidegger hat, obwohl relativ früh übersetzt, in der intellektuellen Landschaft Japans kaum Spuren hinterlassen. In dem immer noch einflussreichen germanophilen Flügel der Philosophen ist die Heidegger-Dominanz schwer zu erschüttern. Im Weihrauch der Seinsmesse, aus dem auch zenbuddhistisches Murmeln vernehmbar emporsteigt, kommt die kritische Gesellschaftstheorie aus Frankfurt schwer durch.

Dagegen ist unter den Soziologen und Politologen der „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ seit seinem Erscheinen sozusagen ein Dauerbrenner – trotz der Unterschiedlichkeit der historischen Erfahrungen des Strukturwandels der öffentlichen Foren. Man zog das Buch wahlweise zur Analyse der eigenen Strukturprobleme heran und arbeitete sich dann wieder an seiner De-Kontextualisierung ab, ganz im Sinne der zuvor angedeuteten Rezeptionsdynamik. Mit „Theorie und Praxis“, „Erkenntnis und Interesse“ und „Legitimationskrise im Spätkapitalismus“ hat Habermas in einem zum großen Teil doch gemeinsamen sozialen, wenngleich kulturell anders gefärbten Kontext wichtige Stichworte zur Diskussion geliefert. Das gilt auch für die hochdifferenzierte Modernisierungstheorie in der „Theorie des kommunikativen Handelns“ mit ihrem Paarbegriff von System und Lebenswelt, und später auch für die Konzeptualisierung der deliberativen Demokratie. Überlegungen von Habermas über das Völkerrecht sind inzwischen von bedeutenden Völkerrechtlern in Japan aufgenommen worden.

Für große weitgefächerte Diskussionen sorgte der von Habermas initiierte so genannte Historikerstreit, der kein Streit innerhalb der Historikerzunft war, sondern ein Streit über den öffentlichen Umgang mit der historischen Hypothek. Hier spielten unterschiedliche Kontexte eine besondere Rolle. Nanking ist kein Auschwitz. Massaker ist kein industrieller Mord. Dieser Sachverhalt darf keineswegs einer Relativierung der Kriegskriminalität zugunsten Japans dienen, er soll nur auf die Unterschiedlichkeit des Kontexts hinweisen. Gemeinsam ist aber die Last, die über die betreffende Generation hinaus noch die Enkel- und Urenkelgeneration bedrückt. Unterschiedlich sind die Arten des Umgangs der Nachfolgestaaten mit den Opfern der Kriege. Dahinter stehen wohl zwei unterschiedliche Auffassungen des Staates. Auf der japanischen Seite wirkt der „lange Schatten des Staatswillenpositivismus“ (Brunkhorst), der einst aus dem kaiserlichen Deutschland übernommen wurde, anhaltend weiter. Auf der anderen Seite scheint sich das kommunikativ verflüssigte Staatsverständnis der kritischen Gesellschaftstheorie unaufhaltsam durchzusetzen. Die Debatte hat zu dieser Klärung in Japan wesentlich beigetragen.

Bis zum Historikerstreit waren unsere Dekonstruktivisten und postkolonialistisch animierten Intellektuellen, die den Ton angeben, dem Habermas'schen Projekt der Moderne gegenüber nicht unbedingt freundlich eingestellt. Immerhin mussten sie aber in der Folgezeit erkennen, dass die Voraussetzung der von ihnen forcierten Erinnerungskultur darin liegt, auch in einem anders gearteten kulturellen Kontext ein moderneres Staatsverständnis zu verankern. Hier sollte der „weltoffene Ethnozentrismus“ nicht das letzte Wort behalten, wie Habermas kurz nach seinem ersten Besuch in einem Artikel für eine japanische Zeitung schrieb.

Trotzdem: Der alte Streit Heidegger vs. Habermas geht in Japan weiter. Der Frankfurter Philosoph wird von unseren Freiburgern oft nicht einmal in die Arena gelassen. Von ihnen wird er einfach ignoriert. Insofern findet im eigentlichen Sinne des Wortes kein Streit statt. Die eigenartige Aversion bei vielen philosophischen Kollegen in Japan gegen die Gesellschaftstheorie und politische Diskussion hängt wohl mit unserer politischen Kultur zusammen, aber auch mit der akademischen Verfasstheit der Philosophie,

Die Themen der Dissertationen aus der jüngsten Zeit lassen aber den Schluss zu, das sich allmählich der Freiburger Weihrauch zerstreut. Auch der Nebel des falsch verstandenen Dekonstruktivismus wird sich bald lichten. Philosophische „Tiefsinnigkeit“ und demokratietheoretische Begründung der auf Symmetrie zielenden Öffentlichkeit vertragen sich gut miteinander, ja ergänzen sich sogar. Diese Einsicht, die Habermas auch mit dem verstorbenen, bei uns relativ populären Rorty, zwar anders akzentuiert, aber doch teilt, wird sich letztlich durchsetzen. Und schließlich wird sich der Autor weiterhin bemühen, Texte von Habermas in einem ­relativ verständlichen Japanisch vorzustellen.

Kenichi Mishima ist Professor für Sozialphilosophie und zeitgenössische Philosophie an der Tokyo Keizai Universität

07.07.2009
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