Herr Joop, was bedeutet Ihnen das Projekt Wunderkind, das Sie 2003 in Potsdam gegründet haben?
Wunderkind ist die Erfüllung meiner Träume. Ich wollte ein Avantgarde-Luxury-Brand schaffen, das sich klar von anderen Marken unterscheidet. Wir wollen keine Trends schaffen, sondern das Überraschende, das Magische kreieren, mit einer gewissen Nachhaltigkeit. Wir wollen eine Irritation des Gewohnten schaffen, illustrieren die gesellschaftliche Befindlichkeit und wecken so Sehnsüchte.
Mode, eine Irritation?
Ja, denn sonst braucht man uns und unsere Produkte nicht. In der deutschen Bekleidungsindustrie setzt man immer auf ein Mittelmaß, ein gefälliges Produkt. Ob bei Joop!, Boss oder Escada. Aber das ist vorbei. Mode und Kunst sind eine Einheit eingegangen. Es geht uns um Identität und die Irritation des Gewohnten. Durch Medien wie Twitter, Facebook oder Youtube greift man heute viel sensibler und direkter auf diese Stimmungen zu und bewertet sie auch selber. Galeristen, Kunstverständige, Kunsthistoriker genauso wie Modekritiker stehen für eine fachliche Einschätzung, die gefühlte Wahrnehmung aber drücken die Menschen mittlerweile selbst aus.
Sie sagen: „Die Leute glauben nur noch das, was sie sich selber zurechttwittern“...
Die meisten Leute merken das noch nicht einmal mehr. Dabei geht es um mehr als nur vermittelte Stimmungen eines Produktes. Mit Wunderkind habe ich ein Unternehmen gewagt, das mich wie einen Wissenschaftler morgens aus dem Bett treibt und die Kopfschmerzen und alle anderen Bedenken und Befindlichkeiten vergessen lässt. Aber ich wollte wissen, ob das Unmögliche doch noch geschieht, dass wir hier, via eines Kleides, eine Lebenseinstellung projizieren können. Das ist mir wirklich gelungen. „Style.com“ nannte mich vor einem Jahr „Paris’ resident eccentric“.
In Ihre Kollektion fließt sehr viel Wissen ein: Neben Ihren eigenen Entwürfen lernten Sie früh in Gesprächen mit Leserinnen der „Neuen Mode“, worauf Frauen wirklich achten. Sie haben als Illustrator in Paris hunderte Kollektionen mit 13000 Skizzen pro Saison verinnerlicht und später als Autor in Artikeln für das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ seziert.
Ich sage immer wieder: Wir formulieren eine Essenz. Wie zum Beispiel für diesen Sommer „hurt and heel“. In der Mode ist man for ever young, immer energetisch, man hat keine Probleme. Dann auf einmal die Verletzung, die Narbe, die Erfahrung, der Schmerz. Glück erkennt nur, wer auch Schmerz empfunden hat. Und wenn der Schmerz vergeht, dann weiß man, dass man begnadigt wurde. Das sind für mich gesellschaftlich relevante Themen, gerade in dieser wirtschaftlichen, kulturellen und persönlichen Situation.
Angst, Verletzung und Schmerz – diese Themen ziehen sich ja auch durch Ihr 2009 erschienenes Buch „Wunderkind“ wie ein roter Faden.
Meine Vision, das, was ich fühle, lässt sich oft gar nicht formulieren: Du springst ins Wasser, weil du musst, und weißt nicht, ob du durch den dunklen See ans andere Ende kommst.
Weil Sie in der sehr kleinen Nische zwischen Prêt-à-porter de luxe und Haute Couture arbeiten und als ökonomische Basis keine Zweitlinie haben?
Mich hat immer die Grenzübertretung interessiert. Ich gehöre nicht zu einer Generation, die alles richtig machen will. Mich interessiert der eigene Weg, das Experiment der Freiheit. Und so sieht das, was ich mache, auch frei aus. Man kauft Wunderkind, weil man so sein will. Nicht weil man irgendwo hinwill.
Wer erkennt das, was Sie mit Wunderkind leisten?
Ich kann mich heute nicht über mangelnde Anerkennung beschweren, Wunderkind wird als Prêt-à-porter-Mode mit Couture-Techniken wahrgenommen. Wer Wunderkind trägt, fühlt diese hohe Schneiderkunst und die unglaubliche Verarbeitung, durch Hände erschaffen. Anders als es früher bei Joop! der Fall war. Damals war das Image immer so, als ob man gerade von der After-Show-Party mit schwerem Hangover erwacht wäre, nie gearbeitet hätte.
Wir sprachen über Mode, die als gesellschaftliches Bedürfnis ernst genommen wird. Aber haben Sie selbst nicht auch das Bedürfnis, die Sucht der Medien nach Glamour bedient? Sie wurden von den Medien nicht ohne Grund als „deutscher Yves Saint Laurent“ bezeichnet. Zugleich haben Sie stellvertretend für die Joop!-Kunden ein Leben geführt, das diese sich nicht zu leben trauen.
Dieses Bedürfnis habe ich allzu oft bedient. Der normale Bürger, dessen Hunger gestillt ist und der nun ein überflüssiges Luxusprodukt wie die Kirsche auf der Torte sucht, will sich damit ein bisschen Risiko leisten, was ja in seinem Leben gar nicht vorkommt.
Sie haben aber auch einmal gesagt: Wer Angst hat, der sucht oft die Flucht in die Frivolität.
O ja, gucken Sie Herrn Lagerfeld an.
Oder Herrn Joop.
Aus dem unsicheren und auch feigen kleinen Jungen, der ich war, bin ich zu dem geworden, der die Angstüberwindung gelernt hat. Ein Prozess, den ich nun jede Saison wieder probiere.
Was war der Punkt, der Ihnen half, Ihre Angst zu überwinden?
Als vor einem Jahr mit der Insolvenz von Lehman Brothers die Finanzkrise ausbrach, wusste ich: Unsere Zeit hat sich gedreht. Ich musste mich entscheiden: für mein angenehmes Leben oder mein Kind. Ich habe mich fürs Kind entschieden, das sich Wunderkind nennt. Analog musste ich mich vom Rest Jugend verabschieden. Ich habe den sicheren Pfad verlassen, weil ich weiß, das Glück liegt dort nicht. Und das gibt mir eine unglaubliche Schubkraft. Damit bin ich auch anders als viele Deutsche, die ich kenne.
Ihr Buch „Wunderkind“ liest sich wie eine Befreiungsgeschichte.
Ja, selbst meine Exfrau hat sich noch mal von mir scheiden lassen. Sie war mit dem Inhalt nicht zufrieden.
Beim Lesen fiel mir auf, dass man anhand Ihres Lebens den Weg der Deutschen zur Mode nachzeichnen kann: die Identitätssuche im Ausland, das Ausbrechen aus dem Deutschsein, die erwachende Lust am Lifestyle. Seit wenigen Jahren bricht sich in Deutschland die Mode ihre Bahn, so wie Sie mit Wunderkind 2003 noch mal völlig neu angefangen haben.
Mode ist Bewegung, Impuls, die Art, wie wir leben. Ich mache Mode, weil ich Impulse setzen will. Die deutsche Bekleidungsindustrie ist hingegen immer sehr perfekt gewesen: die perfekte Lieferung, die perfekte Passform und alles schön ordentlich auf Absatz und Gewinn getrimmt, ohne dabei auf die Ästhetik zu schauen.
Sie waren mit Ihrer Frau ein „It-Paar“. Karl Lagerfeld lud Sie in Paris in sein unfertiges Schloss ein, Yves Saint Laurent zog Sie von der Straße in die Show, weil Sie perfekt in die Kulisse der Siebziger passten. Da kann es ja um das deutsche Stil- und Modegefühl nicht so schlecht gestanden haben. Heute arbeiten Deutsche in fast allen internationalen Modehäusern, zum Teil als Abteilungsleiter. Dennoch wurde und wird das Deutsche verleugnet.
Man darf nicht vergessen: Deutschland hatte vor dem Nationalsozialismus eine funktionierende Modebranche. Dann wurde alles zerstört, Talente und Kreative verjagt – viele Juden waren Teil dieser Bekleidungsindustrie gewesen. Es hat lange gedauert, bis die Mode zurück nach Deutschland kam. Aber natürlich können wir Deutsche wunderbare Mode schaffen. Gucken Sie sich Herrn Lagerfeld an!
Sie sagen über die deutsche Bekleidungsindustrie: „Das selbst Entworfene macht misstrauisch. Bis heute hat nicht der Designer die Macht, sondern Verkauf und Produktion.“ Warum?
Die Manager trauen dem Typus Modedesigner nicht. Ich bin ja nun in vielen, vielen Firmen ein und aus gegangen. Ob Bruno Pieters bei Hugo – Hugo Boss oder Dirk Schönberger bei Joop!, sie haben nie Macht gehabt und jetzt hat man sie vor die Tür gesetzt. Es werden Limits aufgezeigt, bevor begonnen wird. Erst kommt das Controlling, dann der Verkauf. Wenn da noch etwas vom Entwurf übrig bleibt, kommt der Techniker. Es ist ein Frustgeschiebe ohne Ende! Der einzige Weg ist der, den ich eben auch gegangen bin: Setz dich hin und fang alleine an. Anders geht es nicht!
Was viele Berliner Designer so machen.
Beim Durchblättern des Modebuchs Berlin der Stadtzeitung „Zitty“ dachte ich, wow, es gibt wirklich großartige Designer in Deutschland! Aber in einigen deutschen Magazinen? Was finden Sie dort? Wer vorne in den Modemagazinen eine Anzeige schaltet, taucht hinten redaktionell auf.
Die großen Anzeigenbudgets kommen von italienischen, französischen und amerikanischen Marken. Ein Grund, warum deutsche Mode kaum eine Chance hat, wahrgenommen zu werden?
Trotzdem muss ein Verlag zeigen, was relevant ist. Das war die Aufgabe der „Vogue“ – immer! Nach dem Krieg gab es auch keine dicken Budgets, und doch waren die Magazine Trost, Ausblick, Vision! Dafür war ein Printmedium da. Dafür war „Sybille“ in der DDR da. In Deutschland wird ein Stück Selbstidentität gerade verraten.
Was sind Ihre persönlichen Wünsche und Ziele für die nächsten fünf Jahre?
Mein Gehirn schrumpft nicht, es arbeitet intellektuell auf Hochtouren und meine Figur hat sich auch nicht verändert. Trotzdem merke ich die Anspannung des Lebens: als Künstler, Unternehmer, Großvater und Geliebter (lacht). Aber auf jeden Fall wäre mein Ziel, auf eine Essenz zu reduzieren, das ist Wunderkind. Gleichzeitig habe ich eine große neue Lust entdeckt, an einem anderen Produkt zu arbeiten, was in den Alltag eindringt und ihn verändert.
Sie sprechen über Ihre Pläne, bei dem insolventen deutschen Wäscheunternehmen Schiesser einzusteigen?
Ja, genau.
Es klingt so, als ob Sie bei Schiesser nicht nur Wäsche, sondern auch Basics wie eine gute Chino, Hemden oder Pullover im Angebot sehen?
Das würde ich sehr gerne machen. Das dauernde Denken in exzentrischen Ebenen ist auch anstrengend. Schwarzbrot und ein Glas Wasser können Sie immer essen und trinken.















