In Berlin-Schöneweide steht ein rätselhaftes Gebäude. Vier Stockwerke hoch, die Fassade unauffällig weiß gestrichen. Dahinter, so ist in deutschen Zeitungen zu lesen, arbeiten die geheimnisvollsten Schuhmacher der Welt. Techniker seien dort am Werk, deren Erfindungen nur mit jenen von Q, dem legendären Chefschrauber des britischen Geheimagenten James Bond, vergleichbar seien. „Ach, wird das tatsächlich über uns geschrieben?“ Harald Schaale ist immer wieder überrascht, was über das Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten verbreitet wird. Der Direktor der Hightech-Schmiede, kurz FES genannt, winkt ab. „Bei uns geht es um die Beziehung Mensch-Maschine. Wir kümmern uns um Sportarten, bei denen die Athleten in großem Maße abhängig von ihren Geräten sind – mit 007 hat das nichts zu tun.“ Aber mit technischer Raffinesse sehr wohl. Seit 46 Jahren tüfteln die Spezialisten an Sportgeräten für zwölf Sportarten. Wie viele Medaillen gehen auf das Konto des FES? Schaale weiß es nicht: „Entscheidend ist die Leistung der Sportler. Unsere Arbeit ist nur ein Baustein. Aber natürlich gewinnt ein schlechter Bob keine Medaille.“
Davon ist auch André Lange überzeugt. Der deutsche Bobpilot holte mit seinen in Berlin entwickelten Eis-Rennern schon mehrfach olympisches Gold und Weltmeistertitel. Das richtige Material, sagt der Spitzensportler, entscheide mindestens zu einem Drittel über Erfolg oder Misserfolg. Gerade erst war er wieder gemeinsam mit seinen Mannschaftskameraden im FES, um die neue Bob-Generation für die Olympischen Winterspiele im kanadischen Vancouver anzupassen. „Sitzprobe“ heißt der Vorgang im Fachjargon von Harald Schaale. Zu ihr gehören Tests im Windkanal, Versuche mit neuen Legierungen und Probefahrten in Eiskanälen. Über Monate, manchmal auch jahrelang feilen Sportler und Techniker gemeinsam an Details, um den Luftwiderstand von Bob und Besatzung oder die Reibung der Kufen immer noch weiter zu verringern. Einfach drauf loszuentwickeln, ohne die Athleten mit einzubeziehen, das gehe nicht, erklärt Schaale.
Darum setzt der Institutsleiter bei der Auswahl seiner Mitarbeiter auf ehemalige Leistungssportler, die nach ihrer Karriere eine technische Ausbildung absolviert haben. Etwa die Hälfte der 53 FES-Mitarbeiter sind Ingenieure, Schiffbauer, Physiker oder Maschinenbauer. Die andere Hälfte stellen Spezialisten in der Metallbearbeitung oder im Modellbau. Eine Spezialität, auf die das Team sehr stolz ist: Was in Schöneweide am Computer entsteht, wird dort auch gleich gebaut. Die für jede der betreuten Sportart passende Messtechnik liefern die Berliner gleich mit. Legendäre Sportgeräte sind so entstanden. In einem der Flure hängt ein signiertes Plakat der Eisschnellläuferin Anni Friesinger, mit dem sie sich für ihre Ausrüstung bedankt. Mit ihren im FES entwickelten Klappkufen-Schlittschuhen lief sie der Konkurrenz immer wieder auf und davon.
Gut möglich, dass nach den Olympischen Spielen weitere Dankesgrüße die Wände schmücken. Immerhin stellt das Institut das Material für die deutschen Kanuten, Ruderer und Radfahrer. Details über die neue Ausrüstung gibt Schaale nicht preis. Schließlich wolle man der sportlichen Konkurrenz ja keine Vorteile verschaffen. Patente melden die Berliner schon seit Jahren nicht mehr an. Wie begehrt die Spitzentechnologie des Instituts ist, zeigen die immer wiederkehrenden Hackerangriffe auf die FES-Rechner. Inzwischen werden die Computer ebenso geschützt wie die Geräte im Bundesinnenministerium. Da weht dann doch ein Hauch von 007 durch das weiße Gebäude. Wer weiß, vielleicht haben die Zeitungen doch recht mit ihrer Einschätzung – und das FES einfach nur einen sympathisch-bescheidenen Direktor.














