Wie kann man Megacitys mit sauberem Wasser versorgen? Welche innovative Technologie kann frühzeitig vor gefährlichen Erdrutschen warnen? Das sind Fragen, denen Professor Rafig Azzam auf den Grund geht. Seit 2002 hat der in Jordanien geborene Wissenschaftler den Lehrstuhl für Ingenieurgeologie und Hydrogeologie an der Exzellenz-Universität RWTH Aachen inne. Seine Themen Umwelt- und Wassermanagement nehmen einen immer höheren Stellenwert ein – und entwickeln auch für viele internationale Studierende Magnetkraft: Der Professor betreut zurzeit gleich vier chinesische Doktorandinnen und Doktoranden. Rafig Azzam ist ein Netzwerker, ein Manager des Wissens. Unermüdlich knüpft er Verbindungen ins Ausland, schließt Kooperationen – aus Überzeugung: „Wissenschaft braucht internationale Netzwerke. Und mit jedem Doktoranden, der international arbeitet oder aus dem Ausland zu uns kommt, wird das Netzwerk größer.“
Für einen solchen Knoten im Wissenschaftsnetz zwischen Deutschland und der Welt sorgt auch die Kenianerin Dr. Damaris Odeny. Bis Mitte 2009 hat die Molekularbiologin im Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln daran mitgearbeitet, den genetischen Bauplan der Kartoffel zu entschlüsseln. Ihr Ziel: durch widerstandsfähigere Pflanzen bessere Ernten zu erreichen. Was fasziniert Damaris Odeny an ihrer Arbeit? „Dass sie das Potenzial hat, das Leben der Menschen zu verändern.“ Die 36 Jahre alte Kenianerin denkt dabei vor allem an ihre Heimat: „Ich komme aus einem Land, in dem es noch immer Hunger gibt“, sagt sie. „Und das, obwohl wir guten Boden und ein gutes Klima haben.“ Deswegen ist sie nach ihrer Ausbildung in Deutschland auch ganz bewusst nach Kenia zurückgekehrt: „Mir geht es nicht darum, meine Publikationsliste zu verlängern. Ich will etwas für mein Land verändern.“ Ihr großer Traum ist die Gründung eines eigenen Forschungsinstituts nach europäischem Standard. „Ich hoffe, dass ich mit dem, was ich in Köln gelernt habe, in Kenia ein wissenschaftliches Level erreichen kann, das vergleichbar ist mit Europa“, sagt sie.
Wissenschaft als weltweites Bindeglied
Rafig Azzam und Damaris Odeny sind zwei Wissenschaftler, die mit ihrer Arbeit ganz exemplarisch für das stehen, was „Wissenswelten verbinden“ bedeutet. Unter diesem Motto hat das Auswärtige Amt 2009 die „Initiative Außenwissenschaftspolitik“ gestartet: Wissenschaft versteht sie als ein zentrales Bindeglied zwischen Deutschland und seinen Partnern in der Welt. Globale Herausforderungen wie der Klimawandel und die Erforschung erneuerbarer Energien oder die Bekämpfung von Pandemien – dies sind globale Fragen, auf die Wissenschaftler weltweit nach Antworten suchen. „Bakterien kennen keine Grenzen, so sollte es auch für Wissenschaftler sein“, sagt Professor Seyed Hasnain, Infektionsbiologe und Rektor der Universität Hyderabad in Indien. Der Tuberkulose-Experte forscht als Träger des Humboldt-Forschungspreises 2009 in Deutschland: Schon seit zehn Jahren arbeitet er eng mit Professor Jörg Hacker, dem Präsidenten des Robert Koch-Instituts in Berlin, zusammen. Gemeinsam haben sie das Deutsch-Indische Verbindungsbüro IGLO gegründet, das bisher schon ein Dutzend Forschungskooperationen auf den Weg brachte.
Deutschlands führende Rolle beim Thema erneuerbare Energien hat die brasilianische Ingenieurin Patricia Chaves nach Deutschland gezogen: Sie spezialisierte sich mit einem englischsprachigen Masterstudiengang an der Universität Oldenburg, der sich gezielt an Absolventen aus Schwellen- und Entwicklungsländern wendet. Heute ist die 33-Jährige Doktorandin am Deutschen Windenergie-Institut in Wilhelmshaven. „Mich hat aber auch Deutschland interessiert“, sagt sie, „ein Land, das vor über 60 Jahren bei null wieder angefangen hat und heute in der Umwelttechnologie Weltspitze ist.“ So verbessert die grenzenlose Wissensgesellschaft ganz nebenbei auch das Verständnis zwischen den Gesellschaften und Kulturen.
Auch für Innovationen ist der grenzüberschreitende Wissenstransfer ein Beschleuniger der Ideen. Deshalb ist die Außenwissenschaftspolitik auch eng verbunden mit dem Engagement für den Forschungs- und Wirtschaftsstandort Deutschland. „Die Qualität deutscher Hochschulen ist offensichtlich“, sagt Professor Liqiu Meng. Die Chinesin ist Vizepräsidentin der Technischen Universität München. Eine ihrer zentralen Aufgaben ist es, die Internationalisierung an der renommierten Exzellenzuniversität voranzutreiben. Sie ist sicher: „Deutschland hat die vielleicht höchste Konzentration der besten Universitäten in Europa. Wenn es uns gelingt, weltweit die Sichtbarkeit zu erhöhen, können wir die besten Köpfe rekrutieren, auch unter den Studierenden.“
Weithin sichtbar und vor allem auf der ganzen Welt „hörbar“ ist zum Beispiel die Exzellenz von Professor Karlheinz Brandenburg. Der Direktor des Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologie in Ilmenau ist einer der Stars der deutschen Forschung: Er hat mit den Grundlagen für die Entwicklung des MP3-Formats, des weltweit erfolgreichsten Audioformats, für einen der größten Hightech-Erfolge und eine Revolution in der Musikbranche gesorgt. „Im globalen Wettbewerb nehmen Kreativität und Innovation eine Schlüsselrolle ein“, sagt der Wissenschaftler. Ihm hätten nach seinem MP3-Erfolg alle Türen offen gestanden. Aber er entschied sich für den Aufbau des Fraunhofer-Instituts in der kleinen Stadt Ilmenau in Thüringen. Sein Renommee und das hochklassige Profil seines Instituts ziehen heute über die Grenzen hinweg junge Wissenschaftler an – wie Hanna Lukashevich aus Weißrussland. Die 28 Jahre alte Hochfrequenzphysikerin beschäftigt sich in Ilmenau mit den Folgen der Erfindung ihres Doktorvaters und erarbeitet Software zur Musikempfehlung und Musiksuche.
Forschungspartnerschaft mit Konfliktregionen
Die Initiative Außenwissenschaftspolitik setzt sich für den Innovationsstandort Deutschland ein, zugleich will sie aber auch einen Beitrag zur demokratischen Entwicklung in Konfliktregionen und Transformationsländern leisten: Die Förderung der Hochschulstrukturen und des Wissenschaftsaustauschs mit dem Irak zum Beispiel leistet einen wertvollen Beitrag zur Normalisierung des Landes. Die Ausbildung junger Wissenschaftler aus Afghanistan in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bochum oder in „Good Governance“ in einem Masterprogramm an der Erfurt School of Public Policy sind wichtige Bausteine für den wirtschaftlichen und politischen Wiederaufbau.
Internationale Zusammenarbeit gezielt stärken
Außenwissenschaftspolitik ist schon lange ein fester Bestandteil der deutschen Außenpolitik: Mit jährlich derzeit mehr als 250 Millionen Euro fördert das Auswärtige Amt Wissenschaft, Forschung und Entwicklung in Deutschland und weltweit. Der größte Teil der Mittel kommt ausländischen Gaststudierenden und Gastwissenschaftlern in Form von Stipendien zugute. Mit rund 25 Partnern wie dem DAAD, der Alexander von Humboldt-Stiftung oder dem Deutschen Archäologischen Institut arbeitet das Auswärtige Amt bei der Förderung des Wissenschaftsaustauschs eng zusammen. Mit der „Initiative Außenwissenschaftspolitik“ will das deutsche Außenministerium die internationale Zusammenarbeit stärken. Konkret bedeutet das zum Beispiel die Einrichtung neuer Stipendienprogramme für internationale Akademiker sowie für Graduierte aus Konfliktregionen. In Russland, Thailand, Chile und Kolumbien entstehen in Zusammenarbeit mit deutschen Hochschulen Exzellenzzentren, die neue Dimensionen des Austauschs ermöglichen. In Indien, Brasilien, Japan, Russland und den USA werden Deutsche Wissenschafts- und Innovationshäuser (DWIH) gegründet: als „Schaufenster der deutschen Wissenschaft“ im Ausland.
Förderung von Sprache und Integration
Eine wesentliche Grundlage für den Austausch ist die Sprache. In vielen Fällen ist Englisch die gemeinsame Basis, aber auch Deutsch ist eine wichtige Wissenschaftssprache und wird daher von der Initiative Außenwissenschaftspolitik gefördert: zum Beispiel mit dem innovativen E-Learning-Angebot im Internet Deutsch-Uni Online. „Das Internet ist eine Bereicherung beim Deutschlernen, gerade im Ausland“, sagt Anastassiya Semyonova. Nur der Hauch eines Akzents verrät, dass Deutsch gar nicht ihre Muttersprache ist. Sie ist ihr Beruf: Die Germanistin aus Kasachstan lehrt Deutsch als Fremdsprache und forscht in der Abteilung Interkulturelle Germanistik der Universität Göttingen. Sie findet es auch für ausländische Wissenschaftler und Studierende wichtig Deutsch zu lernen. Selbst wenn sie gerade in Groß- und Universitätsstädten durchaus mit Englisch vorankommen: „Ohne Sprachkenntnisse schließt man sich aus dem Alltag aus. Es entgehen einem viele subtile Dinge, die uns erst mit dem Erlernen der Sprache bewusst werden.“ Nicht zuletzt sorgt die gemeinsame Sprache für eine dauerhafte Verbindung der Wissenswelten.
Ausführliche Porträts der Wissenschaftler unter www.auswaertiges-amt.de/awp














