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Lala Süsskind über Zuwanderung, Integration und das Leben in Deutschland

„Wir lernen voneinander“

Lala Süsskind ist die erste Frau an der Spitze der Jüdischen Gemeinde Berlins. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist die Integration der Zuwanderer aus Osteuropa

Interview: Christopher Nielsen

Frau Süsskind, die 12 000 Mitglieder zählende Jüdische Gemeinde in Berlin besteht heute zu 70 Prozent aus osteuropäischen Zuwanderern. Die – wenn man das so sagen kann – „alt eingesessenen Berliner Juden“ sind in der Minderheit; manche von ihnen werfen den Zuwanderern „mangelnde religiöse Bindungen“ vor. Es gab in der Vergangenheit harte Auseinandersetzungen zwischen den Gruppierungen. Wie ist eine Spaltung zu verhindern; verstehen Sie sich als „Brückenbauerin“?

Durch die Wahl des jetzigen Vorstandes ist diese Spaltung der Jüdischen Gemeinde bereits verhindert worden. Wir haben nun in den letzten sechs Monaten die ersten „Brückenpfeiler“ gesetzt und damit begonnen, gemeinsam mit den Zuwanderern die Jüdische Gemeinde zu Berlin voran zu bringen.

Der Staat Israel hätte es lieber gesehen, wenn zum Beispiel die Zuwanderer aus den GUS-Staaten nach Israel eingewandert wären statt nach Deutschland...

Dazu kann ich nur sagen, die Zeiten sind vorbei, in denen man Leuten vorschrieb, wo sie zu leben haben. Uns ist hier jeder herzlich willkommen. Die Jüdische Gemeinschaft ist durch die Zuwanderer im positiven Sinne gefordert. Gemeinsam mit den Zuwanderern hat sie Programme zur Integration entwickelt wie Sprachunterricht und Religionsausbildung, um eine erste Identifikation mit der Gemeinde zu erreichen. Aber auch eigene Treffen der unterschiedlichen Zuwanderergruppen werden unterstützt. Der Erfolg dieser Bemühungen ist, dass wir bereits viele Mitarbeiter in der Gemeinde und auch ehrenamtlich Tätige haben, die in den 1970er-Jahren eingewandert sind. Es ist nicht immer leicht, wenn die nur noch ein Drittel ausmachenden „Alt-Eingesessenen“ sich nun mit zwei Drittel Zuwanderern arrangieren müssen, aber wir lernen gegenseitig voneinander und sind bereit, uns zu akzeptieren.

Die größte jüdische Gemeinde Deutschlands zu führen, ist auch eine administrative Herausforderung – mit 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und einem Jahresetat von 25 Millionen Euro. Welche Prioritäten setzen Sie?

Wir haben uns vorgenommen, eine neue Offenheit zu pflegen. Im religiösen Bereich sind wir unter dem Dach der Einheitsgemeinde für alle Richtungen offen – von orthodox bis egalitär. Wir haben seit kurzem auch eine Rabbinerin. In der Verwaltung unserer Institutionen arbeiten wir eng mit dem Vertrauensrat der Mitarbeiter zusammen. Für interne und externe Kommunikation werden wir mit einer komplett neuen Homepage im Herbst online gehen.

Sie müssen Synagogen, Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser unterhalten…

Einen Großteil unseres Budgets verwenden wir für die Erhaltung unserer Schulen. Rund 250 Schülerinnen und Schüler werden auf der Heinz-Galinski-Grundschule, etwa 430 auf der Jüdischen Oberschule unterrichtet. Schon in der gemeindeeigenen Kita sowie auch in den Schulen liegt ein Schwerpunkt auf dem Erwerb der deutschen Sprache als Grundlage der Integration von Kindern aus den ehemaligen GUS-Staaten, aber auch aus Israel, USA, Kanada und weiteren Ländern. Neben einem sozialen Pflegedienst gibt es außerdem für rund 150 Senioren die Möglichkeit, im jüdischen Seniorenwohnhaus oder im Pflegehaus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in Charlottenburg zu wohnen. 50 schwerstpflegebedürftige Mitglieder der Jüdischen Gemeinde können die vollstationäre Einrichtung im Jüdischen Hermann-Strauß-Hospital nutzen. Es belastet die Gemeinde leider sehr, dass viele der Nutzer dieser Einrichtungen am Rande des Existenzminimums leben. Sie können daher kaum den erforderlichen Eigenbeitrag beisteuern. Aber wir sind eben kein Wirtschaftsunternehmen, sondern eine gemeinnützige Körperschaft des öffentlichen Rechts und daher verpflichtet, unsere Mitglieder so gut wie möglich zu unterstützen.

Ihnen wird das Zitat zugeschrieben: „Ein Teil meines Herzens lebt in Israel. Es ist unsere zweite Heimat.“ Könnten Sie sich vorstellen, auf Dauer nach Israel zu gehen?

Wenn mein Mann und ich ins Rentenalter kommen, und wir mehr Zeit für uns haben, werden wir die Hälfte des Jahres in Israel leben. Sowohl mit Israel als auch mit Berlin sind wir durch unsere Familien und Freunde gleich stark verbunden. Die seit meiner Kindheit gewachsenen Freundschaften geben mir in Berlin ein schwer zu beschreibendes Wohlgefühl. Ich fühle mich einfach an beiden Orten zu Hause.

Wie bewerten Sie die deutsch-israelischen Beziehungen heute?

Ich schließe mich den Aussagen von Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Rede vor der Knesset im März 2008 in Israel an. Sie hat das politische Verhältnis von Deutschland und Israel überaus positiv bewertet. Deutschland und Israel sind und bleiben auf besondere Weise durch die Erinnerung an die Shoah verbunden. Die Bundeskanzlerin hat sich in ihrer Rede dazu bekannt, dass Deutschland seine immerwährende Verantwortung für die moralische Katastrophe in der deutschen Geschichte anerkennt. Orte wie das Holocaust-Mahnmal in Berlin helfen dabei, dieses Anerkennen deutlich werden zu lassen. Für die Jugend müssen nun kreative Wege für eine Erinnerungskultur der Zukunft entwickelt werden, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt. Deutschland und Israel teilen gemeinsame Werte wie Freiheit, Demokratie und Achtung der Menschenwürde. Beide Länder verbindet der Glaube daran, dass diese Werte das kostbarste Gut sind, das wir haben: die unveräußerliche und unteilbare Würde jedes einzelnen Menschen ungeachtet seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Sprache, seines Glaubens, seiner Heimat und Herkunft.

Trotzdem kommen Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit – in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern – noch immer vor …

Wir sind uns dieses Problems so sehr bewusst, dass wir in Berlin das „Jüdische Forum für Demokratie gegen Antisemitismus“ gegründet haben. Es kooperiert mit allen relevanten Gruppen, die zu diesem Thema aktiv sind. Ziel ist es, der Öffentlichkeit diese Thematik so deutlich zu machen wie möglich.

An was mangelt es? Bildungsarbeit in Schulen, Aufklärungskampagnen staatlicher Stellen?

Es herrscht schon seit Jahrzehnten der Wunsch von Teilen der deutschen Bevölkerung, einen „Schlussstrich“ zu ziehen, als wäre mit dem Ende des Dritten Reiches die Feindschaft gegen Juden zu Ende gewesen. Die Angebote, sich in diesem Bereich inner- und außerhalb der Schule zu bilden, reichen weit – von Ausstellungen über Zeitzeugenberichte bis zur Teilnahme an Wettbewerben wie beispielsweise dem „Denktag“ der Konrad-Adenauer-Stiftung. Wer allerdings meint, er wisse schon alles, dem kann man einfach nicht helfen.

03.09.2008
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