1 //Herr Riemensperger, Sie sagen, in Deutschland mangelt es nicht an Ideen, sondern an Lösungsbauern. Was verstehen Sie darunter?
Deutschland muss sich, wenn es seine Exportstärke sichern will, an Megatrends, etwa den schnell wachsenden Schwellenländern mit großen Konsumentengruppen, ausrichten. Hier kommt der Lösungsbauer ins Spiel. Bosch etwa hat früh ein Forschungszentrum in Indien aufgebaut und für den indischen Kleinwagen Nano ein Einspritzsystem entwickelt, basierend auf bekannter Technologie, aber angepasst an den indischen Markt. Wir brauchen nicht ständig nach neuen Ideen zu suchen, sondern sollten mehr darüber nachdenken, wie bereits vorhandene Erfindungen zu adäquaten Lösungen für neue Märkte werden.
2 //Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich, wenn es um Innovationen geht?
Deutschland spielt in der ersten Liga bei Erfindungen und hat eine sehr gute Kultur für Forschung und Entwicklung. In unseren starken Industrien wie dem Maschinen- und Anlagenbau oder dem Automobilbau finden sich viele innovative Konzepte. Was sich aber gerade ändert, sind die Rahmenbedingungen. Länder wie China registrieren heute genauso viele oder mehr Patente wie Deutschland. Es entsteht ein neuer Wettstreit um Forschung, Entwicklung und Konzepte für marktreife Produkte. In Deutschland müssen wir darüber nachdenken, wie eine erfolgreiche Innovationskultur in Unternehmen angesichts dieses neuen Wettbewerbs aussehen kann.
3 //Was raten Sie Unternehmen?
Sie müssen das Bewusstsein verankern, dass sich ihre Produktwelt, mit der neue Märkte erschlossen werden, kontinuierlich weiterentwickeln muss. Damit wird eine Basis für Veränderung gelegt. Hinzu kommt, sich an einem Megatrend auszurichten. Ein gutes Beispiel ist Schott Ceran, der Gewinner des Deutschen Innovationspreises in diesem Jahr. Das Unternehmen hat ein modernes Produktionsverfahren für Glaskeramik-Kochflächen entwickelt. Das Produkt ist umweltfreundlich herzustellen, hat neue Designelemente und wurde von internationalem Marketing begleitet. Schott hat so den Aspekt der Nachhaltigkeit in sein Kerngeschäft integriert. An diesen Veränderungen, die gebündelt zusammenkommen und den Unterschied zu Wettbewerbern ausmachen, zeigt sich für mich Innovation „at its best“. Und das ist heute sehr oft der Fall in Deutschland.
4 //Wo liegen die Chancen für den deutschen Standort?
Wir müssen unsere hochwertigen Produkte weiterentwickeln zum Verkauf und Betrieb von Lösungen. Siemens etwa hat eine neue Gasturbine entwickelt, die wahrscheinlich den Weltmarkt erobern wird. Denkbar wäre, dass Siemens nicht nur die Gasturbine verkauft, sondern auch das dazugehörende Kraftwerk und dabei nicht nur das Kraftwerk baut, sondern auch betreibt.
Zur Person
Frank Riemensperger arbeitet seit 1989 bei der international tätigen Beratungsfirma Accenture. Seit November 2009 ist der Informatiker Vorsitzender der Accenture-Ländergruppe Deutschland, Österreich, Schweiz und Deutschlandchef des Unternehmens.
Riemensperger ist einer der Innovationsexperten von Accenture. Das Unternehmen ist auf Managementberatung spezialisiert und versteht sich als Technologie- und Outsourcing-Dienstleister für Unternehmen und Organisationen aus unterschiedlichen Branchen in mehr als 120 Ländern. Accenture berät etwa Kunden aus der Elektronikbranche, dem Finanzwesen, der Automobil- und Gesundheitsbranche. Die Beratungsfirma hilft bei der Erschließung neuer Märkte und unterstützt Konzerne beim Aufbau neuer Geschäftsmodelle und Strategien. Accenture beschäftigt rund 190000 Mitarbeiter in 52 Ländern. Der weltweite Jahresumsatz lag zuletzt bei fast 22 Milliarden Dollar.
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