Den Grundstock für seine heutige Arbeit hat Ramazan Salman als Kind gelegt: Damals begleitete er in Hannover seine türkischen Landsleute zum Arzt oder zu Behörden und übersetzte für sie. Die Familie Salman war 1966 eine der ersten türkischen Familien, die in die niedersächsische Stadt übergesiedelt waren. Ramazans Vater hatte zuvor als Straßenbahnfahrer in Istanbul gearbeitet und wurde als „Gastarbeiter“ nach Hannover abgeworben. „Für meinen Vater war die Einwanderung nach Deutschland eine soziale Errungenschaft”, sagt der in Istanbul geborene, heute 48-jährige Ramazan Salman. „Seine fünf Kinder konnten in Deutschland gut ausgebildet werden, das wäre in der Türkei nicht so leicht möglich gewesen.”
Salman war „der erste Türke, der in Hannover aufs Gymnasium ging”. Er sprach nicht nur Türkisch, sondern beherrschte auch die deutsche Sprache sehr gut. „Mein Vater hat gesagt, du kannst etwas, was die anderen nicht können. Deshalb musst du Verantwortung übernehmen und ihnen helfen”, erzählt Salman. Für den kleinen Jungen war das oft schwierig. Er erinnert sich daran, wie er eine strenggläubige Muslimin zur Frauenärztin begleitete. „Es war für die Frau eine große Überwindung, einem Mann, wenn auch einem noch sehr jungen, ihr Problem zu schildern”, erinnert sich Salman: „Nie zuvor waren mir die kulturellen Unterschiede so deutlich gewesen wie in diesem Moment”, sagt er.
Salman wurde bewusst, dass Einwanderer aus dem Ausland oft gar keine oder nur lückenhafte Informationen über das deutsche Gesundheitssystem haben. Das Resultat ist eine ungenügende Gesundheitsvorsorge. „Wegen sprachlicher und kultureller Barrieren gehen sie seltener zum Arzt und werden deshalb öfter richtig krank”, sagt er.
Während des Studiums der Sozialwissenschaften entwickelte Salman schließlich die Idee, für die er mit dem Titel „Social Entrepreneur 2008“ ausgezeichnet wurde. „Ich überlegte mir, aus meinen Dolmetscherdiensten für Freunde und Bekannte ein strukturiertes Ehrenamt zu machen”, erkklärt Salman. In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es bereits mehrere tausend türkische Familien in Hannover und Gastarbeiter aus anderen Herkunftsländern hatten ebenfalls ihre Familien nach Deutschland geholt. Salman sprach Italiener an und Spanier, Griechen und viele andere – zunächst nur in Hannover, später dann in Städten im gesamten Bundesgebiet. „Ich suchte Leute, die integriert und gebildet sind und die Deutsch so gut können wie ihre Muttersprache”, sagt Salman. Das System funktionierte. Italiener halfen Italienern, Spanier Spaniern und Griechen halfen Griechen – aus Einwanderern wurden Mittler zwischen den Kulturen. „Gesundheitslotsen“ nennt sie Salman. Er selbst hat sein Ehrenamt inzwischen zum Beruf gemacht.
Soziales Engagement und Unternehmergeist sind genau die beiden Voraussetzungen, die für den Preis „Social Entrepreneur” zusammenkommen müssen. Ausgeschrieben wird die Auszeichnung von der Schwab Stiftung des Weltwirtschaftsforums in Davos, dem deutschen Wirtschaftsmagazin „Capital“ und der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group. In Deutschland wurde er nun zum vierten Mal vergeben. Die Ehrung geht an soziale Organisationen, die in ihrer Arbeit auf ökonomische Konzepte setzen und sich nicht allein über Spenden oder Zuschüsse finanzieren. 2008 hatten 50 Unternehmer ihre Konzepte eingereicht.
Ramazan Salman gründete 1989 gemeinsam mit Wissenschaftlern und Ärzten das Ethno-Medizinische Zentrum in Hannover, dessen Geschäftsführer er ist. Das Zentrum hat bisher etwa 800 Gesundheitslotsen ausgebildet, die ihre Landsleute über das deutsche Gesundheitswesen und über die Gesundheitsvorsorge informieren. Salmans Erfahrung: Durch ihre Herkunft haben sie einen besseren Zugang zu den Einwanderern, weil sie in deren Muttersprache und mit ihrem kulturellen Hintergrund auch tabuisierte Themen offener ansprechen können – zum Beispiel die Aids-Prävention.
Salman schult aber nicht nur Einwanderer, sondern auch Mitarbeiter im Gesundheitswesen. Er hält Vorträge in Krankenhäusern oder in Gemeindehäusern von Migrantengruppen. Das Ethno-Medizinische Zentrum hat gemeinsam mit fast 40 Wissenschaftlern einen Gesundheitswegweiser entwickelt, der bisher in 15 Sprachen übersetzt wurde. Die Broschüre beantwortet sämtliche Fragen zum Arzt- oder Krankenhausbesuch in Deutschland und ist so eine wichtige Hilfe für Einwanderer, die Deutsch nicht so gut verstehen. 130000 Exemplare wurden bisher deutschlandweit bestellt.
Salman nennt sein Gesundheitsprojekt „Mimi – Mit Migranten für Migranten”. Es wird von Krankenkassen gefördert sowie von fünf Bundesländern finanziell unterstützt. Ziel ist es, bei Einwanderern die Eigenverantwortung für ihre Gesundheit zu stärken und Ungleichheiten in der in Anspruch genommenen Versorgung abzuschaffen. Die Arbeit finanziert Salman nicht nur mit staatlicher Unterstützung. Er sucht auch Sponsoren aus der Wirtschaft, bietet kostenpflichtige Dolmetscherdienste an, organisiert Forschungsprojekte und hält Schulungen in Firmen.
Ehrenamtlich ist Ramazan Salman in vielen Organisationen tätig. So ist er beispielsweise Mitglied der Integrationskommission des Niedersächsischen Landtags. Bereits 2006 wurde er von der Ashoka Gesellschaft als Sozialunternehmer ausgezeichnet. Ashoka bringt Social Entrepreneurs zusammen, damit sie ihr Wissen bündeln und neue Kooperationen starten können. Seit 2006 nimmt Salman am Integrationsgipfel der deutschen Bundesregierung teil und berät den Europarat bei Gesundheit und Einwanderung. Sein größter Wunsch ist es, „dass wir die vielen Unterschiedlichkeiten der in Deutschland lebenden Menschen schätzen lernen“, sagt Salman. „Ich träume von der Harmonie der Ungleichheit.”
© Süddeutsche Zeitung 10. 12. 2008














