Als Sechsjähriger wollte er unbedingt Geige lernen. Er hatte einen Nachbarn in seinem Heimatdorf spielen hören. Doch dummerweise kauften seine Eltern eine zu große Geige. So musste er ein Jahr lang Blockflöte spielen, bis die Geige passte. Mit sieben Jahren ging es dann aber richtig los mit der Musikleidenschaft, die Guy Braunstein bis heute nicht losgelassen hat. Der Tel Aviver wurde unter anderem Schüler von Chaim Taub, dem Konzertmeister des Israel Philharmonic Orchestra. Nach Schule und Militärdienst ging er dann nach New York und wurde etwa bei den weltweit bekannten Geigenvirtuosen Pinchas Zukerman und Glenn Dicterow zum Berufsmusiker ausgebildet. Und er machte Karriere: Als Solist spielte er führenden Orchestern und bedeutenden Dirigenten, seine Konzertreisen führten ihn rund um die Welt. Heute hat der 39-Jährige seinen Fixpunkt in Berlin: Er ist Erster Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, des wohl international berühmtesten deutschen Orchesters unter der Leitung von Sir Simon Rattle. Damit hat der Israeli ganz sicher einen der absoluten Traumjobs, der für Violinisten zu vergeben ist – und das seit genau zehn Jahren.
Braunstein ist ein Besessener in Sachen Musik. „Ich spiele fast jeden Tag Geige. Ohne die Musik könnte ich nicht leben“, sagt er. Die Hälfte des Jahres ist er auf Konzertreisen rund um den Globus unterwegs. Mit den Berliner Philharmonikern natürlich, aber auch als Solist und Kammermusiker. Gerade ist er von einer Konzertreise aus Brasilien zurückgekommen. Mit einer Cola Light versucht der Virtuose die Müdigkeit des Jet-Lags zu bekämpfen. Immer wieder fallen seine Augen beinahe zu. Doch Braunstein schafft es dennoch, begeistert von seiner Arbeit als Konzertmeister der Berliner Philharmoniker zu erzählen. Unter Sir Simon Rattle oder auch bei Gastdirigenten ist es seine Aufgabe, zwischen den „Maestros“ und dem Orchester zu vermitteln, zu „dolmetschen“, wie er sagt. Denn ein Konzertmeister müsse stets genau wissen, welche Richtung der Dirigent verfolge. Dann gelte es, dessen Vorstellungen dem Orchester schnell und verständlich zu vermitteln. Außerdem solle ein Konzertmeister nicht zu laut und nicht zu schnell spielen, so Braunstein.
Wegen seiner kräftigen Statur würde man Guy Braunstein eher hinter einem Kontrabass als an einer filigranen Geige verorten – wenn überhaupt. Der so gänzlich unelitär wirkende Mann in einfacher schwarzer Hose, schwarzem T-Shirt und Croques-Schuhen lacht, wenn man das sagt, und zieht an seiner Zigarette. Braunstein hat den Blick für das Wesentliche ohne Künstler-Allüren. Mit 15 war er das erste Mal mit einem Jugendorchester in Berlin gewesen und spielte im kleinen Saal der für ihre besondere Akustik weltberühmten von dem Architekten Hans Scharoun erbauten Berliner Philharmonie. Damals träumte er davon, später mal bei den Berliner Philharmonikern zu spielen. „Danach kam ich alle ein bis zwei Jahre nach Berlin. Ich verfolgte neugierig, wie sich die Stadt nach dem Mauerfall entwickelte.“
Schon früh tat Braunstein sich als Solist und Kammermusiker hervor: So trat er unter anderem mit dem Tonhalle Orchester Zürich und dem Israel Philharmonic Orchestra, mit Isaac Stern, Yefim Bronfman und Daniel Barenboim auf. Den ersten Kontakt zu den Berliner Philharmonikern hatte Guy Braunstein dann 1992 – als einer der Solisten in Beethovens Tripelkonzert unter der Leitung des indischen Dirigenten Zubin Mehta. Sein Wunsch, zu den Philharmonikern zu gelangen, wurde immer größer. „Weil es ein wahnsinnig tolles Profiorchester ist. Außerdem reizte mich die deutsche Musiklandschaft. Nirgendwo gibt es so viele hervorragende Orchester und solch eine großartige Kulturlandschaft.“ 1995 brachte der junge Geiger in Köln „Shifting“ zur Uraufführung, ein Konzert für Violine und Orchester, das der deutsche Komponist Rolf Riehm eigens für ihn geschaffen hatte. Im Jahr 2000 kam dann schließlich das verlockende Angebot als Konzertmeister zu den Berliner Philharmonikern zu gehen.
Seit 2003 gibt Braunstein zudem sein Wissen als Professor an der Universität der Künste an den musikalischen Nachwuchs weiter. 2006 übernahm er als künstlerischer Leiter das Kammermusikfestival Rolandseck in Rheinland-Pfalz, das international erfolgreiche Musiker einlädt. Seiner Ansicht nach versammeln sich – dort im modernen Arp Museum Bahnhof Rolandseck – die besten Kammermusiker. Das Festival versucht, Kunstausstellungen und Musik zusammenzubringen. Seit zwei Jahren gibt es auch einen Meisterkurs mit Mitgliedern des West-Eastern Divan Orchestra, an dem Braunstein ebenfalls teilnimmt. Dieses besondere Symphonieorchester, 1999 von Daniel Barenboim in Weimar gegründet, hat seinen Sitz heute im spanischen Sevilla und fördert junge Musiker zwischen 14 und 25 Jahren Israel und den arabischen Ländern. Sie treffen sich einmal im Jahr zu einer Arbeits- und anschließenden Aufführungsperiode (siehe Seite 34).
Der Anfang in Deutschland im Jahr 2000 war für Guy Braunstein zunächst schwierig – weil er die Sprache nicht beherrschte, keine Familie hatte und noch keine Freunde. „Doch ich fühlte mich trotzdem vom ersten Moment an hier zu Hause“, sagt er. In Deutschland müsse er nicht mehr wie in vielen anderen Ländern seinen Namen buchstabieren. Und im Unterschied zu den USA, wo es ihm zu konservativ zugehe, spüre er in Deutschland eine weltoffene Atmosphäre. Überhaupt hätten Deutschland und Israel sich seiner Ansicht nach von der Mentalität her sehr angenähert. Ein großes Anliegen ist es Braunstein, Begegnungen zwischen jungen Musiker aus Israel und den arabischen Ländern zu fördern. Ein großer Teil seines Herzens schlage deshalb für das West-Eastern Divan Orchestra-Projekt. „Meet the enemy“ sagt er dazu, und seine Augen funkeln ein bisschen kampfeslustig. Er habe dort Freunde fürs Leben gefunden, sagt er.
An Deutschland liebt er, dass Musik zum Leben gehöre und nicht – wie häufig in den USA – nur Privilegierten vorbehalten sei. Wenn es seine Zeit zulässt – Braunstein ist die Hälfte des Jahres weltweit auf Konzerttourneen unterwegs – entspannt sich der Virtuose beim Basketballspielen. Oder er zieht mit Freunden und seiner Frau, einer Flötistin, durch Cafés und Kneipen quer durch Berlin und mache auf „israelische Art“ Bekannte. Es mache ihm Spaß, wildfremde Menschen kennenzulernen. Auch Leute, die noch nie ein Konzerthaus von innen gesehen haben – und ihnen die Berührungsängste vor der so genannten „hohen Kunst“ zu nehmen. Da kommt es schon mal vor, dass er die Kellnerin oder den Barkeeper hinter dem Tresen ins Konzert in die Philharmonie einlädt.
Doch bis Ende November ist viel zu tun: So bereitet Braunstein unter anderem die Einführungsveranstaltung „Saitenklänge“ beispielsweise mit Mozarts Streichquintett Nr. 3 C-Dur im Kammermusiksaal vor und bis Ende Januar 2011 eine Sonderveranstaltung zum 85. Geburtstag des Komponisten Hans Werner Henze. 2011 ruft außerdem wieder das Kammermusikfestival vom Rolandseck. Der Terminplan ist für die nächsten Monate gut ausgelastet.
Manchmal wünscht sich Braunstein mit seiner Frau auf eine einsame Insel. Andererseits kann er nicht anders, als rastlos um den Erdball zu reisen, zu musizieren und seine Projekte voranzutreiben. Dass seine neue Wohnung in Berlin-Mitte seit längerem eine einzige Baustelle ist, stört ihn wegen seiner Vielbeschäftigtheit nicht besonders. Er schläft derzeit bei Freunden – auf der Gästematratze. Wer von Musik besessen ist, hat keine Zeit für Star-Allüren. ////















