Platz findet er in der engsten Gasse, auf jedem verkehrsumtosten Platz, von Hotels, Boutiquen, Flughäfen, Bank- und Büropalästen zu schweigen. Patrick Blanc jedenfalls braucht nur Mauern, um ein Stück Natur in urbane Lebensräume zu holen. Hochhaus-Flanken, Fassaden von Museen und Ministerien, Betonungetüme wie Parkhäuser oder Brücken. Senkrechte Flächen also – um vertikale Gärten anzulegen. „Murs végétaux“ – Pflanzenmauern – nennt der Pariser Botaniker seine hochkant gestellten, üppig-grünen Ensembles. Als Global Player mit über 120 Pflanzenmauern zwischen Bangkok und New York ist Blanc der Star „grüner Architektur“. Schon 1988 ließ der heute 57 Jahre alte Biologe sein elaboriertes System vertikaler Gartenreiche, die ohne Erde gedeihen, als Patent schützen, in quasi jugendlich weiser Voraussicht: Seine Idee ist der Trend schlechthin in der Gartenkunst und Hybridarchitektur. Kein Wunder, wo städtischer Grund und Boden rar und teuer sind, Tendenz steigend.
Die Nachfrage im Boom einer ökologisch inspirierten Bauweise, die Klima verbessernde und Schadstoffe tilgende Pflanzen gleich in Fassaden integriert oder im Innern appliziert, stillen längst auch Gleichgesinnte. Von Landschaftsarchitekten, Gartenbaubetrieben und Lifestyle-Planern vielfach variiert und kopiert, gehören vertikale Pflanzengebilde zum grünen Nonplusultra in grauer Städte Mauern. Ob „Vegetalis“, „GreenWall“, „Pflanzwand“ oder „Wonderwall“ benannt, sorgen sie vielerorts für senkrechte Naturoasen. Während andere Fassaden-Kletterer jedoch mit Erde und unter Blättern versteckten Wannen, Körben und Gittern arbeiten, steckt Blanc seine Pflänzchen stets substratlos in blanken Filz aus Recyclingfasern. Komponiert aus rhythmisch mäandernden Gräsern, Farnen, Moosen und Sträuchern in allen Grüntönen sowie Kaskaden bunt blühender Stauden, verwandeln seine vegetabilen Texturen auch 30 Meter hohe Wände in dreidimensionale Natur-Malerei. Allein in Paris, wo er auch am nationalen Forschungszentrum CNRS tätig ist, hat Blanc drei Dutzend vertikale Gärten geschaffen.
Dass sie in Deutschland noch rar sind, mag auch am raueren Klima liegen. Das 2008 kreierte Pflanzen-Karree über dem Eingang der Galeries Lafayette an Berlins Friedrichstraße trotzte unbeschadet schon zwei kalten Wintern. Auch die Stadt Herten im Ruhrgebiet interessiert sich für seine Arbeit, so berichtete Blanc jüngst. Erhält er den Auftrag am „Zukunftsstandort“ der ehemaligen Zeche Ewald, muss er erstmals an einer denkmalgeschützten Bergbauhalle seine grüne Kunst mit dem Rot altehrwürdiger Klinkerfassaden in Einklang bringen. Frankfurt am Main indes könnte sich bald sogar zur deutschen Kapitale Blancscher „Murs végétaux“ entwickeln: Schon 2008 gestaltete er hier eine Garten-Wand für das Pressezentrum der Frankfurter Messe, die vor allem mit tropischen Pflanzen bestückt ist, wie sie der ebenso passionierte wie kenntnisreiche Tropenbotaniker meist für Innenräume nutzt. Noch in der Planungsphase ist dem Vernehmen nach ein mögliches Engagement Blancs im künftigen „Skyscraper“ der Europäischen Zentralbank in Frankfurt. Für das „vertikale Stadt“ genannte gläserne Atrium zwischen den Doppeltürmen hat das Architekturbüro Coop Himmelb(l)au „Hängende Gärten“ vorgesehen. Auch hier also könnte Europas quirligster Gartenschöpfer eine seiner grünen Wegmarken in der Vertikalen setzen.
Ein Projekt im traditionsreichen Palmengarten Frankfurt aber stellt den gewieften Mann fürs Grüne vor eine bisher einmalige Herausforderung. Dort gilt es, den geplanten Lärmschutzwall, der den Park an seiner nordwestlichen Grenze gegen eine verkehrsreiche Trasse abschirmen soll, mit einem artenreichen Pflanzen-Gobelin zu überziehen. Die ersten 100 Meter wird Blanc wohl schon 2011 in einen senkrechten Garten verwandeln. Mit diesem Paradestück hofft Gartendirektor Matthias Jenny dann auch Sponsoren zur Finanzierung des Millionenprojekts zu gewinnen. Am Ende jedenfalls könnte der Pariser Botanicus mit einer 1,3 Kilometer langen Frankfurter „Mur végétal“ auch einen neuen horizontalen Rekord aufstellen.////














