„An der Justus-Liebig-Universität ist auch das eigentlich Unmögliche möglich”, sagte Joybrato Mukherjee nach seiner Wahl zum Präsidenten der Universität Gießen. Denn im Juli vergangenen Jahres wurde der indischstämmige, seinerzeit 35-jährige Anglist zum jüngsten Präsidenten einer staatlichen Universität in Deutschland gewählt. Dabei ist das scheinbar „Unmögliche“ gar nicht so überraschend. Denn Joybrato Mukherjee legte eine atemberaubende Karriere hin. Als Schüler war er ein Überflieger. Als Student fiel er schnell durch herausragende Leistungen auf. Zielstrebig absolvierte er sein Studium, wurde promoviert und habilitierte sich, bevor ihn die Universität Gießen mit nur 29 Jahren zum Professor für Englische Sprachwissenschaft berief. 2008 wurde er Erster Vizepräsident der Universität. Nun ist er ihr Präsident.
Joybrato Mukherjee will von dem Wirbel, der derzeit um seine Person gemacht wird, nicht viel wissen. Er habe eigentlich Gymnasiallehrer werden wollen, erzählt er. Das sei sein Traum gewesen. Nie habe er auf seine heutige Position hingearbeitet. Doch dann haben eben einige „Zufälle“ ihn dahin gebracht, wo er heute ist. So wurde während seiner Referendarzeit, dem zweiten Teil seiner Ausbildung zum Lehrer, eine Assistentenstelle an der Universität frei, die ihm die Gelegenheit bot, seine Habilitationsschrift zu schreiben. Und an der Uni Gießen musste er als Erster Vizepräsident bald die Amtsgeschäfte des Präsidenten übernehmen, weil sein Vorgänger schwer erkrankt war. Bereits vorher aber, nachdem der langjährige Präsident, Professor Stefan Hormuth, ankündigt hatte, für eine 3. Amtszeit nicht mehr zur Verfügung zu stehen, wurde ihm klar, dass er sich über seine Zukunft in der Hochschulleitung Gedanken machen müsse. Er überlegte, kandidierte als Hormuths Nachfolger und wurde schließlich gewählt.
Mukherjees akademischer Förderer, Doktorvater und Habilitationsbetreuer Jürgen Esser, Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bonn, hat ihn damals an der RWTH Aachen entdeckt. „Joybrato fiel mir schon in einer Einführungsveranstaltung zur Phonetik als intelligent und gut organisiert auf.” Schnell macht er ihn schon vor der Zwischenprüfung zur Hilfskraft. Besonders fasziniert hat Esser, dass Mukherjee eigentlich immer zwei Sachen auf einmal gemacht hat. „Während des Studiums hat er seinen Zivildienst absolviert. Während seiner Zeit als studentische Hilfskraft hat er im Supermarkt an der Kasse gesessen. Und während seiner Referendarzeit hat er seine Doktorarbeit geschrieben. Das ist phänomenal!” Dabei betont Esser, dass Mukherjee nie ein Streber gewesen sei. immer das Intellektuelle mit dem Menschlichen verbunden habe, und viel Wert auf soziale Kontakte gelegt habe.
Mukherjee ist sich seiner besonderen Rolle bewusst, aber er macht nicht viel Aufhebens drum. „Ich weiß, dass ich als Migrant der zweiten Generation im Rampenlicht stehe. Aber in meiner akademischen Laufbahn hat der Migrationshintergrund nie eine Rolle gespielt.“ Sein Vater sei Anfang der 60er-Jahre als Praktikant zu einer Landmaschinenfirma nach Düren gekommen, erzählt er mit leicht rheinischem Akzent. Dort sei er aufgewachsen mit der Maßgabe, „dass man sich einbettet in die Kultur, in der man lebt.“ Insofern habe er zwar kulturell auch eine indische Prägung, aber seine Heimat sei Deutschland und seine bevorzugte Sprache Deutsch. Mit 18 Jahren entschied er sich für die deutsche Staatsbürgerschaft. Erst nach seiner Professur in Gießen habe er mit der Heimat seiner Eltern auch beruflich zu tun bekommen. Mal wieder durch einen Zufall. Heute gehört „Indian English“ zu einem seiner Forschungsschwerpunkte.
Kommt er denn heute überhaupt noch zum Forschen und Lehren? „Ich will weiterhin eine Vorlesung oder ein Seminar pro Semester anbieten“, sagt Mukherjee. Da kommt ihm sein Talent, zwei Sachen auf einmal machen zu können, entgegen. Obwohl sein Präsidentenamt den Großteil seiner Arbeitzeit in Anspruch nimmt, will er den Kontakt zum Fach nicht verlieren. Als Universitätspräsident treibt er indes die Vorbereitungen für die zweite Runde des Exzellenzwettbewerbs der deutschen Universitäten voran. Außerdem steht die von seinem Vorgänger betriebene Internationalisierung ganz oben auf seiner Agenda. „Wir müssen strategische Partnerschaften in allen Weltregionen schließen. Das liegt mir am Herzen, man sieht es mir an.”
Die Ausgangsposition der Universität Gießen hält Mukherjee für ausgezeichnet. Die hessische Hochschule ist eine Voll-Universität und ist national und international in einigen Bereichen führend, so zum Beispiel in Teilen der Kognitions- und Wahrnehmungspsychologie, in der Lungenforschung, in der Tiermedizin, in den Agrarwissenschaften und nicht zuletzt in der Anglistik, seinem eigenen Fach. „In dem Komplex der Lebenswissenschaften sind wir deutschlandweit mit unserem einzigartigen Profil erstklassig aufgestellt”, sagt Mukherjee. „Und in den Kulturwissenschaften sind wir der Zeit zum Teil voraus. So behandelten wir beispielsweise in dem Sonderforschungsbereich Erinnerungskulturen von 1997 bis 2009 unter anderem traumatische Kriegserinnerungen. Diese Themen werden immer aktueller.” Wer Mukherjee kennt, weiß, dass das nicht alles bleiben wird und er scheinbar Unmögliches möglich machen kann.















