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Interview mit Willi Lemke

„Über Sport lässt sich viel bewegen“

Willi Lemke, der neue Sonderberater des Generalsekretär der Vereinten Nationen über die Rolle des Sports für Frieden und Entwicklung

Interview: Jürgen Rollmann

Herr Lemke, Sie sind seit wenigen Wochen Sonderberater des Generalsekretärs der Vereinten Nationen für Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden. Ist das wirklich spannender als Senator für Inneres in Bremen, den Posten, den Sie dafür aufgegeben haben?

Ob die Aufgabe spannender ist, kann ich noch nicht sagen, aber sie ist auf jeden Fall ehrenhaft und reizvoll, weil sie mich mit Menschen aus aller Welt zusammenbringt. Meine Aufgabe wird es sein, mit den Mitteln des Sports Gesundheit, Erziehung, Entwicklung und Frieden in der Welt zu fördern. Für jemanden, der wie ich in Sport und Politik tätig war, eine sehr befriedigende Aufgabe, in der ich meine jahrzehntelangen Erfahrungen einbringen kann.

Es war zu lesen, dass Ihr neuer Job ein Ehrenamt ist. Wird damit nicht auch indirekt dokumentiert, dass den Vereinten Nationen der Sport nicht viel wert ist? Ist dieser Posten in Wahrheit nur ein Feigenblatt?

Sie wissen, dass die Vereinten Nationen stets von Geldsorgen geplagt sind. Deshalb finde ich es gut, dass sie sich trotz der Finanznot dieser Aufgabe annehmen. Das zeigt doch, dass man den Sport in unserer Gesellschaft auf jeden Fall für wichtig erachtet. Und wenn die Arbeit dann von jemandem übernommen wird, der dies nicht des Geldes, sondern der Sache wegen macht, kann das aus meiner Sicht nur gut sein. In meinen bisherigen Positionen habe ich immer wieder für das Ehrenamt geworben, da liegt es doch nahe, dass ich mich auch selbst für ein solches Amt zur Verfügung stelle. Ich empfinde es als wirklich ehrenhaft, von der Bundesregierung für diesen Posten vorgeschlagen worden zu sein und jetzt diese wichtige Aufgabe für Ban Ki-moon wahrnehmen zu dürfen.

Mussten Sie dafür Ihren Lebensmittelpunkt von Bremen nach New York verlegen?

Bremen wird mein Lebensmittelpunkt bleiben. Aber ich bin und werde natürlich viel unterwegs sein, um an internationalen sportlichen Veranstaltungen, an Kongressen und Konferenzen teilzunehmen. Neben einem kleinen Büro in New York gibt es ein Hauptbüro in Genf. Mit beiden werde ich aber in erster Linie über elektronische Medien kommunizieren.

Was genau macht ein Sonderberater?

Er stellt seine sportlichen und politischen Erfahrungen in den Dienst der Vereinten Nationen und hilft dem Generalsekretär, den Sport zur Förderung von Entwicklung und Frieden in aller Welt einzusetzen. Konkret: Er vertritt nicht nur den Generalsekretär bei internationalen Sportveranstaltungen, sondern initiiert selbst einschlägige Konferenzen, Kongresse, aber auch sportliche Veranstaltungen – beispielsweise mit Jugendlichen aus Konfliktregionen der Welt. Er berät den Generalsekretär und die Gremien in aktuellen sport- und erziehungspolitischen Fragen. Und er hat als Anwalt des Sports zu vermitteln zwischen Mitgliedsstaaten, Nichtregierungsorganisationen, internationalen Verbänden und nicht zuletzt den Medien.

Wie ist Ihr Eindruck nach den ersten Wochen im neuen Amt?

Im Prinzip ist alles genauso spannend wie erhofft. Aber durch die China-Tibet-Problematik war es ein heftiger Start und ein Sprung ins kalte Wasser. Dazu gab es bereits drei Konsultationen mit chinesischen Botschaftern in Genf und New York. Und ich musste lernen, sehr besonnen zu formulieren und auf VN-Linie zu argumentieren, weil meine Worte jetzt häufig gleichgesetzt werden mit denen des VN-Generalsekretärs.

Wie ist denn die VN-Linie in der China-Tibet-Problematik so kurz vor den Olympischen Spielen in China?

Der Generalsekretär ist besorgt, er beobachtet, möchte deeskalieren und versuchen, die Spiele für alle Beteiligten zu einem Erfolg zu machen. Der Sport darf nicht politisch missbraucht werden. Und da stehe ich als Sportler ganz dahinter.

Reisen Sie nach Peking?

Der Präsident des IOC, Dr. Jacques Rogge, hat mich persönlich dazu eingeladen. Vor Beginn der Spiele findet in Peking noch ein wichtiger Kongress statt, den ich eingeplant habe. Welche Wettkämpfe ich dann noch besuche und wie lange ich bleibe, das ist noch offen.

Welche Ziele haben Sie für Ihre neue Tätigkeit? Welche Vorstellungen möchten Sie einbringen? Was glauben Sie mit dem Thema Sport in der Weltpolitik bewegen zu können?

Über den Sport lässt sich viel bewegen, weil er so viele Menschen bewegt. Es wird meine Aufgabe sein, das völkerverbindende Element des Sports für Aktivitäten gegen Rassismus und Gewalt in aller Welt einzusetzen. Dabei möchte ich die positiven Ansätze und Signale aus den verschiedenen Ländern aufnehmen, verstärken und übertragen. Der Sport bietet bereits ein weltumspannendes Netzwerk, das es zu nutzen gilt für eine friedliche Entwicklung der Menschheit. Ich sehe es aber auch als meine Aufgabe, Probleme und Fehlentwicklungen des Sports, wie etwa das Doping oder den Wettbetrug, zu bekämpfen und zu beheben.

Wie viele Jahre haben Sie für diese Ziele eingeplant?

Erst einmal ein Jahr, so lange läuft nämlich mein Vertrag mit den Vereinten Nationen.

Herr Lemke, wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen viel Glück für die neue Aufgabe.


Willi Lemke
Der deutsche Sportmanager und Politiker, Jahrgang 1946, ist seit Mitte März 2008 Sonderberater für Sport des Generalsekretärs der Vereinten Nationen. Lemke, der viele Jahre Manager des Fußball-Bundesligavereins SV Werder Bremen war, gilt als umtriebig, ideenreich und kommunikationsfreudig. Diese Eigenschaften waren es auch, die dem SPD-Mitglied den Weg in die Politik ebneten: Von 1999 bis 2007 war Lemke Senator in Bremen.

26.05.2008
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