Sie hat schon viel erreicht, aber sie möchte noch mehr. Avitall Gerstetter, Deutschlands erste jüdische Kantorin, hat eine Vision: Sie möchte in Berlin-Mitte ein Areal zum Leben wiedererwecken, das sich derzeit noch in einer Art Dornröschen-Schlaf befindet. Im Herzen des ehemaligen jüdischen Scheunenviertels, unweit der Synagoge in der Oranienburger Straße, steht in der Auguststraße ein architektonisch beeindruckender und weitläufiger Gebäudekomplex seit zehn Jahren leer. Die Fenster sind teils zugemauert, die Tore verschlossen, Schilder warnen vor einstürzenden Bauteilen. Dort möchte Gerstetter als Botschafterin für Toleranz in naher Zukunft ein interreligiöses Zentrum errichten, das sich „Ahawah“ („Liebe“) nennt. „Die Zeit ist reif dafür, junge Menschen über religiöse und kulturelle Grenzen hinweg zusammen zu bringen und ihre Einstellungen und ihr Engagement für mehr Respekt und Toleranz zu prägen, um somit ein friedliches Miteinander zu ermöglichen. Wenn, dann muss das jetzt passieren“, sagt die Mitte 30-Jährige angesichts des nicht enden wollenden weltweit brodelnden Konflikts der Religionen. Statt in die Vergangenheit zu schauen, blickt die Berlinerin lieber in die Zukunft.
Auf dem über 8500 Quadratmeter großen Areal wurde einst ebenfalls ein tolerantes Miteinander propagiert. Das heute denkmalgeschützte Ensemble, bestehend aus einem klassizistischen Bau des 19. Jahrhunderts von Architekt Eduard Knoblauch sowie einem Backsteinbau aus den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts von Architekt Alexander Beer, beherbergte damals unter anderem ein jüdisches Krankenhaus, eine jüdische Mädchenschule und das jüdische Kinderheim „Ahawah“. Letzteres galt damals als moderne Institution mit außergewöhnlichem pädagogischen Konzept. „Die Grundlage für die Erziehung von Kindern muss Liebe sein“, formulierte die damalige Leiterin Beate Berger den Anspruch des Hauses. Als die Nationalsozialisten in Deutschland zu wüten begannen, rettete Berger viele Kinder nach Palästina. Später missbrauchte die Gestapo die Gebäude als Sammelstelle für Deportationen. Über diese Rettungsaktion drehte die israelische Künstlerin Ayelet Bargur, Künstlerstipendiatin des Deutschen akademischen Austauschdiensts (DAAD) und Großnichte von Beate Berger, einen viel beachteten Film. Die israelische Premiere des Films fand in Haifa unter Anwesenheit vieler geretteter Kinder von damals statt.
Mit Gerstetters Idee sollen hier bald wieder Leben und Liebe einkehren. Sie möchte „Ahawah – Das offene Haus für Religionen“ ins Leben rufen. Ein einzigartiges Konzept, das einen Treffpunkt für Menschen aller Religionen, eine jüdische Akademie für den interkulturellen Dialog in Religion und Kunst, ein Forum zum Diskutieren, eine Bühne für Künstler, ein Ort für Geschichte sowie ein Design-Museum, Café, Buchhandlung und einen Laden umfassen soll. Die Berlinerin hatte oft an interreligiösen Dialogen teilgenommen, aber immer wieder festgestellt, es hat sie persönlich nicht weiterbracht. „Menschen unterschiedlicher Religionen diskutierten in Kirchen miteinander. Kurze Zeit später ging man wieder auseinander, aber die Berührungsängste blieben.“
Das wollte sie ändern und einen neutralen Treffpunkt schaffen. 2005 initiierte sie in Berlin deshalb interkulturelle Fußballspiele mit Jugendlichen, den so genannten „Avitallscup“. 2006 traten sogar muslimische, christliche und jüdische Mannschaften an. Und obwohl der Cup mittlerweile auch die monotheistischen Religionen umfasst und ins sechste Jahr geht, genügte ihr dieses Engagement nicht, „weil wir zwar mit den Jugendlichen ins Gespräch kamen, aber ein richtiges intensives Miteinander nicht in Gang kam“, so Gerstetter.
Das leerstehende Kinderheim hinter der Synagoge in Berlin-Mitte, in der sie regelmäßig als Kantorin auftritt, brachte sie schließlich auf die Idee, einen Ort zu schaffen, an dem man zusammenkommen, voneinander und miteinander lernen kann. Sie selbst stammt aus einer jüdischen Familie, ihre Mutter war Musik- und Bar Mizwah-Lehrerin. Gerstetter studierte an der Berliner Universität der Künste Gesang, Klarinette und Tanz. Wegen ihrer außergewöhnlichen Stimme hatte der Oberkantor der jüdischen Gemeinde, Estronogo Nachama, sie vor vielen Jahren ermutigt, eine Kantorenausbildung in New York zu machen. Seit 2005 ist sie Kantorin in zwei jüdischen Gemeinden. Sie produziert CDs mit Musikern wie dem Sting-Gitarristen Dominic Miller und gibt weltweit Konzerte. „Durch mein Musik-Studium habe ich viele renommierte Professoren kennen lernen dürfen und auf hohem Niveau mit ihnen zusammengearbeitet. Das schwebt mir auch für Ahawah vor: Einen Ort zu schaffen, an dem Studenten von Professoren und Dozenten aus aller Welt und aller Religionen etwas lernen können und mit einem tollen Ziel vor Augen zusammen arbeiten.“
Die Sanierung des Geländes wird zwischen 13 und 16 Millionen Euro kosten. Annähernd 100 Unterstützer aus der Politik haben sich gefunden, die das Projekt gern mittragen wollen. Als Förderer engagieren sich auch die traditionsreichen deutschen Manufakturen Meissen, Theresienthal und Robbe & Berking, die unter dem Titel „Ahawah Vision“ exklusive Judaica, etwa einen Kiddusch-Kelch, einen Pessach-Teller und eine Menora, aber auch normales Tischgeschirr in einer limitierten Auflage produzieren. Deren Erlöse, so ist die Idee, sollen zu zehn Prozent in das Projekt fließen. „Mit dieser Kooperation möchte ich jüdische Kultur wieder in die Mitte der Gesellschaft bringen“, so die Kantorin. Die Erlöse ihrer Musik-CDs und Konzerte fließen ebenfalls in das Projekt ein.
Unermüdlich sind Avitall Gerstetter und der Projektleiter Samuel Urbanik weiter auf der Suche nach Sponsoren und Unterstützern. Berlin sei für sie genau der richtige Ort, weil man die Stadt im Ausland kenne und sie ein cooles Image habe, sagt Gerstetter. Der Dirigent und Pianist Daniel Barenboim, der Publizist Micha Brumlik und der Historiker Michael Wolfssohn haben ihre Teilnahme an dem Campus Ahawah bereits zugesagt. Gerstetter möchte, dass die Studierenden kein Geld für ihre Teilnahme zahlen müssen, „denn Ahawah soll kein elitärer Campus werden“. Bleibt zu hoffen, dass sich dem Projekt noch viele anschließen und das Konzept aufgeht. Aber wer schon viel erreicht hat, gibt so schnell nicht auf.















