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Musik

Transatlantischer Jazz

US-Jazzmusiker schätzen Deutschland. Als Bühne für ihre Auftritte, aber auch dank erstklassiger deutscher Plattenlabel. Die beiden Münchner Firmen ACT und ECM genießen einen besonders guten Ruf in der amerikanischen Jazz-Szene.

Von Hans Hielscher

Bobby McFerrin braucht eigentlich keine Begleitung. Allein mit seiner Stimme kann er eine groovende Rhythmusgruppe und etliche Blasinstrumente herbeizaubern. Aber auch das amerikanische Stimmwunder – „Don´t worry, be happy“ – arbeitet gern mal mit einer richtigen Bigband. Leichter gedacht als getan, denn dafür muss McFerrin nach Deutschland reisen – wie auch die Trompeter Randy Brecker und Dave Douglas, die Sängerin Patti Austin, der Gitarrist John Abercrombie und der Arrangeur Jim McNeely. Im Jazz-Bereich leistet sich fast nur noch die Bundesrepublik professionelle Orchester. Bobby McFerrin genoss das zuletzt im August, als er mit der NDR Bigband beim Schleswig-Holstein Musikfestival ein swingendes Chopin-Programm präsentierte,

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Köln, Hamburg und Frankfurt unterhalten mit fest angestellten Musikern Bigbands; diese werden auf der anderen Seite des Atlantiks zur Kenntnis genommen und gewürdigt, seit sie US-Stars zu Gastauftritten einladen. Die Bigband des Westdeutschen Rundfunks holte sich 2007 und 2008 für Aufnahmen mit US-Musikern drei Grammys und erscheint in diesem Jahr in der Kritiker-Umfrage des amerikanischen „Down Beat“-Magazins als einziges Orchester aus Europa unter den ersten zehn.

In der jährlichen Umfrage des weltweit bekanntesten Jazz-Magazins schneidet Deutschland in anderen Kategorien noch besser ab. Manfred Eicher wurde zum dritten Mal in Folge Produzent des Jahres; seine Firma ECM eroberte Rang eins unter den Labels. Das Münchner Unternehmen ist zum wichtigsten zeitgenössischen Jazz-Label aufgestiegen, weil Plattengiganten wie Sony, Warner und Universal in diesem Genre kaum noch Neuerscheinungen herausbringen. Mit Jazz ist kein schnelles Geld zu machen. Unabhängig von der jährlichen Kritiker-Umfrage wurde der 67-jährige Eicher im April bereits mit dem Down Beats Lifetime Achievement Award geehrt, einer Auszeichnung „in Anerkennung der Leistungen und Beiträge der Pioneere, Unternehmer und Förderer des Jazzs, die unermüdlich daran arbeiten, Jazzmusiker mit Zuhörern weltweit zusammenzubringen“.

Überraschend eroberte bei der diesjährigen Kritiker-Umfrage ein weiteres Label aus München einen Spitzenplatz. Denn das „Jazz Album of the Year“ 2010 des Vijay Iyer Trios („Historicity“) erschien bei der deutschen Firma ACT. Deren Gründer Siegfried Loch hatte im vergangenen Jahr den aufstrebenden amerikanischen Piano-Star Iyer unter Vertrag genommen. Angesprochen auf seinen „Riecher“, erinnert der jung wirkende 70-Jährige an die Rolle von Deutschen in der Geschichte des Jazz: Das bedeutendste Jazz-Label, Blue Note, wurde 1939 in New York von den Berliner Emigranten Francis Wolff und Alfred Lion gegründet. Als sich die beiden 1969 zurückzogen, startete Manfred Eicher ECM.

Loch und Eicher sind unterschiedliche Typen. Während Loch in Führungspositionen bei Konzernen wie Warner Erfahrungen gesammelt hatte, bevor er 1992 ACT gründete, war der studierte klassische Bassist Eicher ein Neuling in der Branche. Sein Unternehmen ECM produzierte in den vergangenen 40 Jahren mehr als tausend Tonträger, die berühmt sind für ihr klares Klangbild. Sein größter Coup gelang Eicher 1972, als er den Pianisten Keith Jarrett kennen lernte. Der Amerikaner hat seitdem bei ECM über 70 Alben eingespielt – Jazz, aber auch Musik von Bach, Mozart und Schostakowitsch. Obwohl er nie einen Vertrag bei Eicher unterschrieb, hielt der zum Weltstar aufgestiegene Jarrett ECM die Treue. Das ist untypisch.

Für den in Amerika entstandenen Jazz ist Europa ein unersetzlicher Wirtschaftsfaktor. „No Europe, no Jazz“, sagte schon vor Jahrzehnten der New Yorker Impresario George Wein, der Tourneen und Festivals organisiert. Bereits 1992 berichtete das Fachblatt „Billboard“, dass viele US-Musiker ohne Auftritte in der Alten Welt nur halb so viel verdienen würden. Amerikas Jazzer genießen, dass ihre Musik jenseits des Atlantiks mehr geachtet wird als zu Hause. Während sie in den USA überwiegend in Clubs spielen müssen, in denen Kellner Steaks und Getränke servieren, lauschen ihnen die Fans in Berlin oder London andächtig in Konzertsälen. „Europa hat besseren Wein, bessere Speisen, bessere Klaviere und das bessere Publikum“, sagte einmal die US-Pianistin und Bandleaderin Carla Bley, deren Alben nach wie vor von ECM vertrieben werden.

Hinzu kommen bessere Gagen. Denn in Skandinavien und Deutschland werden viele Jazzveranstaltungen mit öffentlichen Mitteln gefördert. Europäische Musiker haben zuweilen kritisiert, dass ihre US-Kollegen unverhältnismäßig mehr Geld erhalten als sie. Veranstalter von Konzerten und Festivals erklärten ihnen dann, dass ohne große Namen aus Amerika nichts ginge. Inzwischen ändert sich das Bild. Nicht zuletzt deshalb, weil die Plattenchefs Eicher und Loch auch Talente aus Europa aufbauen. So wurde der norwegische Saxophonist Jan Garbarek bei ECM zum Weltstar. Und ACT hofft, mit dem deutschen Pianisten Michael Wollny auf ähnliche Erfolge wie mit US-Star Vijay Iyer.////

30.08.2010
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