Der Choreograf, der die Geschichte des Tanzes in Deutschland beeinflusste wie kaum ein Zweiter, war ein vielgereister Südafrikaner: John Cranko. Er scheint, neben seinem eigenen Talent, ein unglaubliches Gespür für andere Talente gehabt zu haben. Sein Stuttgarter Ensemble führte er zu Weltruhm: In den USA wurde Ende der 1960er Jahre der Begriff des „Stuttgarter Ballettwunders“ geboren. Zu den herausragenden Tänzern, die Cranko in sein Ensemble holte, zählten die Amerikaner John Neumeier und William Forsythe.
John Neumeier, geboren 1942 in Milwaukee, ist heute schon so lange Hamburgs verehrter und gefeierter Ballettchef, so viele seiner Werke sind mittlerweile Klassiker im Repertoire auch anderer Kompanien, dass vergessen wird, wie er vor allem das Handlungsballett modernisiert und geprägt hat. Immer wieder hat er große literarische Stoffe bearbeitet, etwa „Die Kameliendame”, „Peer Gynt”, „Der Tod in Venedig”. Auf eigene Art ist Neumeier so den Weg Crankos weitergegangen, hat das klassische Handlungsballett mit moderner Bewegungssprache durchsetzt, dramaturgisch entschlackt, seine Figuren psychologisch plausibel, schlicht menschlicher gemacht. Aber er ist auch einer der wichtigsten Hüter der Tanzgeschichte: Nicht nur hat sich John Neumeier mehrfach choreografisch mit Vaslaw Nijinskys Leben und Werk auseinandergesetzt, er hat auch eine weltweit einzigartige Nijinsky-Sammlung aufgebaut, in der es den berühmten Tänzer und Choreografen auch als Maler zu entdecken gibt.
Neumeier steht für eine der Säulen, auf der der Tanz in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten ruhte: Der einer behutsamen, sich auf musikalische und choreografische Traditionen berufenden Moderne. Eine grundverschiedene Säule hat der 1949 in New York City geborene William Forsythe währenddessen in Frankfurt am Main errichtet: Fast kann man sagen, dass er das Ballett neu erfunden hat, jedenfalls hat er seine Sprache revolutioniert.
Immer radikaler hat Forsythe über die Jahre die Möglichkeiten des (Tänzer-)Körpers und eines dekonstruierten klassischen Vokabulars erforscht. In alle Raumrichtungen, von allen Gelenken aus kann sich in seinen Choreografien die Bewegung entwickeln. Der Forsythe-Tänzer schraubt sich in den Raum, bringt sich beständig ins Ungleichgewicht, kippt – und entwickelt aus dem Kippen schon wieder den nächsten prekären Balance-Akt. Alles ist aus dem Lot in diesem Tanz, sodass manche Forsythe-Stücke eine zuvor unerreichte Energie abstrahlen. Dazu kommt ein oft eigenwilliger, effektstarker Einsatz von Licht, Dunkelheit, Bühnentiefe.
Der Einfluss William Forsythes kann kaum überschätzt werden, sein furioser Stil, seine Theatralität haben zahlreiche Nachahmer gefunden – aber auch Choreografen beeinflusst, die trotz seines großen Schattens einen individuellen und originellen Weg gehen. Ähnlich wie einst bei John Cranko kommen nicht wenige der heute in Deutschland arbeitenden Choreo-grafen aus Forsythes Ensemble. Etwa die beiden Amerikaner Antony Rizzi, der immer wieder radikal persönliche Stücke auf die Bühne bringt, und Richard Siegal, der sich von Stück zu Stück verändert und weiterbewegt. Siegal hat sich zunächst mit den vielfältigen Möglichkeiten des Video- und Computereinsatzes im Rahmen eines Tanzstückes beschäftigt, ohne dass dabei technische Finessen zu einem Selbstzweck geworden wären. Nun sucht er unter dem Titel „CoPirates” jeweils Anschluss an lokale Netzwerke, lädt sie ein zu sorgsam betreuten und choreografierten Fest-Abenden, bei denen auch das Publikum mitfeiern und –tanzen kann. Tanz als Gemeinschaftserlebnis.
Auch die Kanadierin Crystal Pite hat für Forsythes Frankfurter Ballett getanzt, ist dann zurückgegangen in ihre Heimat und vor einem Jahr wiedergekommen in die Stadt am Main, wo das Künstlerhaus Mousonturm, das den Schwerpunkt seines Programms auf Tanz legt, ein Hausensemble etablieren wollte. Aus Pites Company wurde „Kidd Pivot Frankfurt RM”, und erneut ist nun hier die Entwicklung einer sehr individuellen Handschrift zu verfolgen. Crystal Pite versöhnt die Forsythe-Radikalität mit anderen Stilen modernen Tanzes, macht den Bewegungsfluss geschmeidig. Mitreißend lässt sie auftanzen, grundiert dennoch ihre Stücke dunkel. In „Dark Matters”, das sie zum Auftakt ihres Frankfurter Engagements im Mai 2010 zeigte, geht es Pite zum Beispiel um die Themen Manipulation und freier Wille. Im ersten Teil der Choreografie treten die Tänzer in einen betörenden, beunruhigenden Dialog mit einer Marionette. Eine theatrale Phantasie zeigt sich in diesem Werk, die den Tanz in den nächsten Jahren bestimmt um weitere Facetten bereichern wird.////
Eine digitale Tanzbibliothek
Angefangen hat es mit einer Choreografie William Forsythes, „One Flat Thing, reproduced”: Sie wurde aus verschiedenen Blickwinkeln auf Video aufgezeichnet, dann wurden auf Anregung Forsythes Computerprogramme erarbeitet, mit denen die Struktur dieser Choreografie leichter zu erkennen ist. So können etwa die Bewegungen der Tänzer mittels farbiger Linien zusätzlich sichtbar gemacht werden, aber auch, wie in einer Musikpartitur, die Zeitstruktur ihrer Einsätze. Unter synchronousobjects.osu.edu ist dies im Internet frei zugänglich. Nach dem gleichen Prinzip und mit Hilfe weiterer speziell entwickelter Software soll unter dem Namen „Motion Bank” eine Online-Tanzbibliothek entstehen, die auch für Laien bequem nutzbar ist. Forsythe möchte den Tanz aus dem „Analphabeten-Ghetto” holen: Interessierte sollen sich mittels „Motion Bank” selbst beibringen können, ein Tanzstück zu lesen. Die Kulturstiftung des Bundes unterstützt „Motion Bank” finanziell; Gastchoreografen wie die US-Amerikanerin Deborah Hay und der Brasilianer Bruno Beltrão werden Werke unterschiedlichen Stils beisteuern, Spezialisten für graphische Datenverarbeitung sind ebenso beteiligt wie Designer, Tanzlehrer und sogar ein Philosoph.















