Einer Panikattacke sei dank. Sieben Wochen war die Berliner Schriftstellerin Kathrin Röggla auf Einladung des Goethe-Instituts in Tokio gewesen. Sie wollte unbedingt ein Buch über diese Zeit schreiben, wusste aber nicht wie. Da überkam sie mitten während ihres Aufenthalts, womöglich als Folge eines Kulturschocks, regelrechte Panik. „Ich stand in meiner großen Wohnung im Stadtteil Roppongi und sah plötzlich Spukgestalten.“ Ein Ereignis, das sie auf die Idee brachte, ein Buch über diesen Besuch rückwärts zu schreiben. Sie wollte „eine Form der umgekehrten Zeitreise, die mich zurück an meinen sicheren Schreibtisch in Berlin beförderte“, heißt es in ihrem außergewöhnlichen „tokio, rückwärtstagebuch“, das kürzlich in Deutschland erschienen ist.
Entstanden ist das Buch als eine Gemeinschaftsproduktion mit dem Berliner Zeichner Oliver Grajewski, der durch seine Comicreihe „Tigerboy“ bekannt wurde. Röggla beschreibt tagebuchartig ihren Japan-Aufenthalt – allerdings von hinten nach vorne. Sie beginnt mit ihrem Rückflug nach Deutschland und endet mit ihrer Ankunft in Tokio. Kulturelle Besonderheiten, die Faszination des Fremden, persönliche Begegnungen und subjektive Eindrücke des ihr unbekannten Landes finden hier Eingang. Wer Grajewskis Part lesen möchte, muss – wie in Japan üblich – das Buch von hinten nach vorne durchblättern. Er analysiert den urbanen Raum mit seiner traditionellen wie modernen Architektur, die quasi ein Spiegelbild der Menschen ist, die in ihr leben. Seine Erlebnisse im Land der aufgehenden Sonne bringt er durch die klassische Reportageform bis hin zum Manga – ganz in Schwarz-weiß – aufs Papier. In der Mitte des Buches treffen dann die zwei Künstler-Berichte aufeinander. Ein „Culture Clash“. Zwei unterschiedliche Sichtweisen, die sich aber erstaunlicherweise zu einer Geschichte verdichten.
Kathrin Röggla gehört zu den wichtigsten Vertreterinnen der deutschen Gegenwartsliteratur, geehrt mit etlichen Literaturpreisen. Eines ihrer Themen: Medienwirklichkeiten und wie die Menschen darin unwiederbringlich verwoben sind. Anfang der 90er Jahre kam die Österreicherin von Salzburg nach Berlin, wo sie ihr Studium der Germanistik und Publizistik fortsetzte. In dieser Zeit entstanden ihre ersten Bücher sowie Kurzprosa. Es folgten Hörspiele und Theaterstücke. Zurück in Berlin nach ihrem Tokio-Aufenthalt nahm sich die 38-Jährige vor, keinen typisch bildungsbürgerlichen Reiseroman zu verfassen. Dies schien ihr unangebracht. „Reisen dekonstruiert ja, stellt Dinge in Frage und verstört zuweilen auch, weil man in der Fremde ganz auf sich allein gestellt ist“, sagt sie. Ihr kam wieder die japanische Fernsehserie „Die Familie mit dem umgekehrten Düsenantrieb“ aus Kindertagen in den Sinn. Das Ergebnis ist das faszinierend-verstörende „tokio, rückwärtstagebuch“.














