Es wird wieder passieren, früher oder später. Vielleicht schon bald, vielleicht erst im nächsten Jahrhundert, niemand weiß es genau. Aber die Bedrohung bleibt. Sie lauert in der Tiefe des Indischen Ozeans, im Sundagraben, meist nur ein paar hundert Seemeilen von den Küsten Südostasiens entfernt. Unvorstellbare Kräfte sind dort am Werk. Die Indisch-Australische Kontinentalplatte schiebt sich an dieser Nahtstelle unaufhaltsam unter ihr Eurasisches Gegenstück, kilometerdicke Gesteinsmassen reiben aneinander und verhaken sich. Und das hat immer wieder grausame Folgen. Am 26. Dezember 2004 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 9,3 die Region, danach zermalmte ein monströser Tsunami ganze Küstenabschnitte. Indonesien wurde am schwersten getroffen. Circa 250000 Menschen überlebten die Katastrophe nicht.
Doch so einfach wie damals wird die Naturgewalt die Bewohner dieser Gebiete nicht mehr überrumpeln können. Man hat sich gewappnet, mit modernster Technik. Im November 2008 ging GITEWS, das German Indonesian Tsunami Early Warning System, in Betrieb. Es ist das beeindruckende Ergebnis einer internationalen Zusammenarbeit zwischen Geowissenschaftlern, EDV-Fachleuten und Experten diverser anderer Disziplinen. Die Initiative ging von einer Arbeitsgruppe des Deutschen Geoforschungszentrums (GFZ) in Potsdam aus. Im März 2011 wurde das Frühwarnsystem nach einer knapp zweieinhalbjährigen Testphase offiziell der indonesischen Regierung übergeben. Im vergangenen Oktober ernannte die UNESCO Indonesien zum Partner für die Lieferung von Tsunami-Information im Bereich des Indischen Ozeans, zusammen mit Australien und Indien.
GITEWS besteht aus einem Netzwerk von Sensoren und Messstationen, die sowohl im Meer als auch an Land installiert wurden und alle mit dem zentralen Warnzentrum in Jakarta in Verbindung stehen. Das Herzstück des Systems trägt den Namen SeisComP 3.0. Dieses neue Softwarepaket wurde von GFZ-Experten speziell für die blitzschnelle Auswertung von seismologischen Messungen, kombiniert mit weiteren relevanten Daten, entwickelt. Denn wenn der Meeresboden bebt, bleibt vor allem in Indonesien beängstigend wenig Zeit. Tsunamis erreichen leicht Geschwindigkeiten von rund 800 Stundenkilometern, erklärt der stellvertretende GFZ-Projektkoordinator Daniel Acksel. „Die Laufzeit bis zur Küste beträgt nur 20 bis 40 Minuten. Wenn man dann die Bevölkerung noch rechtzeitig warnen will, muss die Meldung in fünf Minuten `raus.” Frühere Warnsysteme waren hierzu nicht in der Lage. Es setzt auch nicht jeder Erdstoß eine tödliche Welle in Bewegung. Dies ist abhängig vom Typus des Bebens und seinen Bewegungsrichtungen. Die tatsächliche Gefahr lässt sich jetzt dank SeisComP 3.0 in wenigen Minuten erkennen.
Seine Leistungsfähigkeit hat GITEWS seit seiner Inbetriebnahme schon mehrfach unter Beweis gestellt. 13 verschiedene Beben mit lokalen Tsunamis hat das System bereits erfolgreich erkannt. Die meisten davon waren allerdings eher harmlos, berichtet Daniel Acksel. Als sich jedoch am 25. Oktober 2010 vor der Südküste Sumatras die Erdkruste schüttelte und eine Flutwelle auslöste, kam die Warnung für viele Menschen auf den vorgelagerten Inseln trotzdem zu spät. Etwa 500 Bewohner wurden von diesem Tsunami getötet. In einem Dorf aber gelang der Bevölkerung rechtzeitig die Flucht. Dort hatten GITEWS-Berater zuvor Aufklärungsarbeit geleistet. Die Einwohner hatten deshalb unmittelbar nach dem Beben höher gelegene Bereiche aufgesucht. „Man muss das Wissen verbreiten. Das ist mindestens genauso wichtig wie ein technisches Warnsystem”, betont Daniel Acksel.
Eine absolute Sicherheit kann es indes nicht geben. Auch in Zukunft werden Naturkatastrophen Menschen heimsuchen und ihre Häuser in Trümmer legen – nicht nur in Südostasien. Dann wird Notfallhilfe benötigt, schnell und effizient. Doch die Helfer haben es meist schwer. In den betroffenen Gebieten ist die Infrastruktur oft vollkommen zerstört. Eingestürzte Gebäude überall, ganze Städte sind mitunter bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Und irgendwo in solch einem Chaos liegen die Verschütteten und Verletzten. Ein Alptraum.
Rainer Schönbein und seine Kollegen von der Fraunhofer Gesellschaft wollen Abhilfe schaffen. Der Ingenieur steht an einem grauen Herbsttag am Rande einer kleinen Grünfläche im Norden von Karlsruhe und zeigt auf ein seltsames, rollendes Gefährt. Es wirkt wie ein Mini-Panzer, dient allerdings rein friedlichen Zwecken. Im Inneren eines Containers sitzt einer von Schönbeins Assistenten und steuert das Gerät vom Kontrollpult aus. Auf dem Bildschirm erscheint das Gelände draußen in Nahaufnahme. Das Fahrzeug nimmt die Bilder mit einer eigenen Kamera auf und sendet sie an die Zentrale.
Die Verwendung von ferngesteuerten Robotern für Katastropheneinsätze ist nicht neu, erklärt Rainer Schönbein. Was er und sein Team am Karlsruher Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung (IOSB) jedoch entwickeln, ist ein geradezu revolutionäres Konzept: das Übermorgen-Projekt SENEKA. Die Grundidee ist, mobile Roboter untereinander und mit einer Einsatzzentrale so zu vernetzen, dass sie gemeinsam und optimal mit den Rettungskräften koordiniert operieren können. Die Vorteile wären enorm. Die Geräte kämen zunächst bei der Erkundung des zerstörten Areals zum Einsatz. Sie können mit unterschiedlichen Kameras, Scannern und Sensoren ausgestattet werden. Mittels Infrarot-Aufnahmen ließen sich Verwundete orten, und hochsensible Mikrophone wären für das Aufspüren von Klopfsignalen von Verschütteten zuständig. Gasdetektoren warnen derweil die menschlichen Helfer vor möglichen Gefahren. In der mobilen Einsatzzentrale laufen dann alle Daten zusammen. Spezialisten erstellen daraus im Nu ein digitales Lagebild und dirigieren anhand davon die Rettungstrupps im Gelände.
Flugroboter werden bei SENEKA-Einsätzen eine wichtige Rolle spielen. Die erstaunlich filigranen Geräte können ein Einsatzgebiet von der Luft aus besonders schnell aufnehmen. SENEKA soll die gleichzeitige Verwendung von 10 bis 15 solcher fliegenden Augen ermöglichen, die als Schwarm gemeinsam das Areal ausspähen. „Man braucht dann keinen Hubschrauber, keinen Satelliten mehr“, sagt der IOSB-Ingenieur Florian Segor begeistert. Je nach Wetter- und Geländebedingungen müssen in den Maschinenteams unterschiedliche Robotertypen integriert werden. „Da muss man flexibel sein“, betont Rainer Schönbein. Zwischen eingestürzten Häuserzeilen kommen ferngesteuerte Bodenfahrzeuge oft nicht voran, während leichte Octocopter bei Sturm und Starkregen am Boden bleiben. Alle Geräte brauchen also einen einheitlichen Kommunikationskanal.
Eine solche Kopplung bietet allerdings noch mehr Potential. „Die Vernetzung ermöglicht auch eine Sensor-Fusion“, erklärt der SENEKA-Projektleiter Helge-Björn Kuntze. Das bedeutet zum Beispiel: Wenn ein Flugroboter mit Kameras einen Menschen aufgespürt hat, kann ein Bodengerät mittels Temperatursensoren und einem CO2-Detektor feststellen, ob dieser noch lebt und atmet. Im Ernstfall kann schließlich die Unterscheidung von den Toten die Lebenden retten, wenn sie dadurch schneller Hilfe bekommen.///














