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TV-Filme aus Deutschland

Tatort Fernsehen

Vom gesellschaftskritischen Krimi bis zum Event-Melodram – in Deutschland werden jedes Jahr rund 200 TV-Filme produziert. Viele von ihnen sind Exportschlager

Von Christian Bartels

Immer montags zeigt das öffentlich-rechtliche ZDF als seinen „Fernsehfilm der Woche“ Krimis, Komödien oder Dramen. Dienstags strahlt der Privatsender Sat.1 selbstproduzierte Filme aus: Romantikkomödien, aber auch mal Filme wie „Die Hitzewelle“, in denen der Klimawandel das Ruhrgebiet trockenlegt. An jedem Mittwoch – es sei denn die deutsche Fußballnationalmannschaft spielt – bietet die ARD ein enormes Spektrum an Themen, von Problemen wie Jugendgewalt und Alkoholismus bis zu Literaturverfilmungen wie „Das Feuerschiff“. Manchmal am Donnerstag und stets am Freitag setzt die ARD dagegen auf eher leichte Fernsehunterhaltung. Samstags zeigt der Privatsender Pro Sieben oft selbstproduzierte Filme für junges Publikum, während das ZDF gern Krimis sendet. Sonntags setzt das ZDF wiederum auf Leichtgewichtiges wie Filme nach der britischen Autorin Rosamunde Pilcher – und schafft damit ein Kontrastprogramm zur ARD, die zur selben Zeit „Tatort“-Krimis bietet.

So geht es Woche für Woche zur Hauptsendezeit um 20.15 Uhr zu, so kommen im Jahr mehr als 200 eigens fürs deutsche Fernsehen neu produzierte Spielfilme zusammen. Als Faustregel gilt, dass ein 90-Minüter rund 1,2 Millionen Euro kostet. Die aufwendige Produktionsweise und die hohe Qualität der deutschen Fernsehfilme macht sie auch für ausländische Sender immer interessanter. So verkaufte SevenOne International, die Exportfirma der ProSiebenSat.1 AG, auf der weltweit größten Fernsehmesse Mipcom in Cannes ihren Katastrophenfilm „Der Abgrund – eine Stadt stürzt ein“ in 40 Länder von Frankreich bis Thailand und das Remake von Bernhard Wickis Anti-Kriegs-Klassiker „Die Brücke“ mit Franka Potente („Lola rennt“) in 25 Länder.

Die öffentlich-rechtlichen Sender präsentieren ihre Produktionen sogar auf einer eigenen jährlichen Messe, den „German Screenings“. Die von den ARD-Vertriebs­töchtern German United Distributors und Telepool ausgerichtete Messe wird von rund 200 internationalen Einkäufern besucht. So kommt es, dass nicht nur die Telenovela „Sturm der Liebe“ in Italien ein Renner ist, sondern auch die originelle deutsche Wissenschaftssendung „Wissen macht Ah!“ in Russland für Erkenntnisse sorgt. Ein Exportschlager ist ohnehin der „Tatort“ – die Krimis werden in rund 40 Länder verkauft.

Auch die imposante Tradition der deutschen Fernsehfilme verdeutlichen die Sonntags-Krimis am besten: Schon seit 1970 verfolgt die Reihe „Tatort“ ihr Prinzip, Kommissare in unterschiedlichen Städten zwischen Kiel und München einen Fall lösen zu lassen und so den Föderalismus der Bundesrepublik widerzuspiegeln. Im Mai 2008 wurde der 700. Film gefeiert. Die Zuschauerzahlen liegen mitunter bei zehn Millionen. Darunter sind viele junge Leute, die ansonsten die Privatsender bevorzugen. Und oft wird hinterher in Presse und Internet diskutiert – über die Qualität der Filme, über Gewaltszenen, über kontroverse Themen wie Sterbehilfe oder „Ehrenmorde“. Die „Tatort“-Krimis bewegen sich häufig auf der Höhe gesellschaftlicher Entwicklungen. In sieben der 15 „Tatort“-Teams leiten inzwischen Kommissarinnen die Ermittlungen. Und noch bevor die Grünen als erste deutsche Partei mit Cem Özdemir einen türkischstämmigen Vorsitzenden wählten, feierte im Oktober 2008 mit dem Hamburger Hauptkommissar Cenk Batu (gespielt von Mehmet Kurtulus) der erste türkischstämmige „Tatort“-Held Premiere.

Die Bedeutung von Fernsehfilmen als wichtigem Programmelement aller gro­ßen deutschen Sender hat viel mit dem dualen System des Fernsehens zu tun: Als die in den 1980er-Jahren gegründeten Privatsender groß wurden, buhlten ihre Fernsehfilme mit spektakulären Storys um Aufmerksamkeit und brachten Genres wie Thriller und Fantasy neu ins Fernsehen. Die öffentlich-rechtlichen Sender reagierten, und dieser Wettbewerb hält bis heute an. So mussten 2008 die ProSiebenSat.1-Eigentümer, die Finanzinvestoren KKR und Permira, Kritik dafür einstecken, dass sie der Sendergruppe hohe Schulden aufluden und am Programm sparten. Woran nicht gespart wurde, waren Fernsehfilme. Sat.1 erhöhte seine Produktion von 20 auf sogar 30 TV-Movies im Jahr.

Hauptkonkurrent RTL setzt eher auf internationale Showformate wie „Deutschland sucht den Superstar“ („Pop Idol“), die billiger herzustellen sind. Allerdings steigerte RTL zuletzt die Produktion von besonders aufwendigen Filmen wie „Die Jagd nach dem Schatz der Nibelungen“. Solche sogenannten TV-Events sind geradezu eine speziell deutsche Fernseh-Gattung und gelten wegen ihres hohen production value auch als Exportschlager. Seit dem Erfolg des Sat.1-Zweiteilers „Der Tunnel“ (2001) über eine Flucht unter der Berliner Mauer hinweg konkurrieren alle großen Sender auch mit spektakulären Produktionen, die häufig Ereignisse der jüngeren Geschichte mit melodramatischen Erzählmustern verknüpfen. 2005/06 lieferte „Tunnel“-Produzent Nico Hofmann binnen weniger Monate gleich drei Zweiteiler: „Die Luftbrücke“ (Sat.1) spielte vor dem Hintergrund der Blockade West-Berlins durch die Rote Armee 1948. In „Die Sturmflut“ (RTL) geht es um eine Liebesgeschichte, eingebettet ist die Handlung in die dramatischen Ereignisse der Hamburger Sturmflut von 1962. In „Dresden“ (ZDF) verliebt sich eine mit einem Oberarzt verlobte Krankenschwester in einen englischen Piloten und gerät mit ihm in die Bombardierung der Stadt durch die britische Luftwaffe 1945. Dieser Film, den in Deutschland mehr als zwölf Millionen Zuschauer sahen, wurde international in weit mehr als 60 Länder verkauft.

Das thematische Spektrum der Events reicht inzwischen vom Arzneimittelskandal um das verhängnisvolle Schlafmittel „Contergan“, den Regisseur Adolf Winkelmann für die ARD dramatisierte, bis zum Fall der Berliner Mauer („Wir sind das Volk“, Sat.1; „Das Wunder von Berlin“, ZDF). Neuerdings dehnt sich der Trend auf naturwissenschaftliches Gebiet und mögliche Katastrophen wie Tornados über Berlin und Vulkanausbrüche in der Eifel aus. Im Wettbewerb um die Einschaltquoten und gegen das Internet scheinen Events den Sendern ein probates Mittel zu sein. Alles prima also? Fast stellt das Fernsehen sogar zu viele Filme her, um sie alle angemessen zeigen zu können. Dieser Eindruck drängt sich zumindest angesichts des „Kleinen Fernsehspiels“ im ZDF auf. Die 1963 gegründete Redaktion unterstützte von Rainer Werner Fassbinder bis Fatih Akin die meisten namhaften deutschen Filmemacher früh und zeigt weiterhin wöchentlich ambitionierte Nachwuchsfilme – jedoch erst montags ab Mitternacht. Ein Fall für den Rekorder.

26.11.2008
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