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Wissenschaft

Suchend zwischen Kontinenten

Ein wissenschaftlicher Weltenbummler: Als aktueller Träger des kanadischen John G. Diefenbaker-Preises forscht der Frankfurter Ethnologieprofessor Mamadou Diawara derzeit in Québec.

Von Benjamin Haerdle

In prächtigen roten, gelben und orangen Tönen leuchten die Blätter der Laubwälder an der Ostküste Kanadas. Der Indian Summer zeigt sich in der französischsprachigen Provinz Québec von seiner besten Seite. Kein Wunder, dass sich Mamadou Diawara angesichts des Farbenspektakels der Natur in seiner neuen Wahlheimat an der Universität Laval in Québec sehr wohl fühlt. Erst Anfang September hat der Ethnologieprofessor der Frankfurter Goethe-Universität mit seiner Frau und seinen drei Söhnen die neue Wohnung bezogen. Über seine neue Arbeitsumgebung ist er voll des Lobes: „Die Leute sind sehr nett und die Wohnung liegt nah bei der Universität.“ Ein Jahr wird der 56-Jährige an einer der ältesten Universitäten Kanadas forschen. An der literaturwissenschaftlichen Fakultät arbeitet er mit Professor Justin Bisanswa zusammen, der den Lehrstuhl für afrikanische und frankophone Literatur innehat.

Diawara verdankt den Forschungsaufenthalt der Kulturförderungsbehörde Canada Council for the Arts. Sie zeichnete den in Mali geborenen Ethnologen mit dem diesjährigen John G. Diefenbaker-Preis aus. Bewerben konnten sich für den mit 75000 Dollar dotierten Preis Geistes- und Sozialwissenschaftler aus Deutschland mit ihren Forschungsprojekten. Viel Muße, die Naturschönheiten Kanadas zu erleben, hat der Preisträger nicht. „Ich möchte meine Kontakte zu kanadischen und US-amerikanischen Wissenschaftlern ausbauen“, sagt Diawara. Viel Zeit dürfte er deshalb im Flugzeug verbringen, um auf Konferenzen an Universitäten in Kanada und den USA Vorträge zu halten. Fest terminiert sind bereits Tagungen in Ottawa, Yale, Stanford, Montréal und Sherbrooke.

Diawaras Spezialgebiet ist auch für seine nordamerikanischen Kollegen wichtig. Sein Forschungsinteresse gilt lokalen Medien in den Staaten Afrikas südlich der Sahara wie etwa Mali, Senegal und den beiden Kongo-Staaten – und damit der Frage, was eigentlich passiert, wenn eine Jahrhunderte alte Tradition der mündlichen Überlieferung von Geschichten in Form von Liedern oder Gedichten auf die Globalisierung trifft, also auf Internet, Radio, Fernsehen oder internationale Rechte? Welche urheberrechtlichen Konsequenzen hat das für die Texte? Und: Welche Folgen hat das für die Urheber? Darauf will der Hochschulprofessor Antworten finden, denn: „Die Sänger und Dichter haben seit dem sechsten Jahrhundert ihre eigene Art zu singen und zu rezitieren.“ Sie seien Archivare der lokalen Geschichte. „Das Wissen geben sie oft nur exklusiv und an bestimmte Regeln gebunden an ausgewählte Familien weiter“, sagt Diawara, der die Gesänge noch aus seiner Kindheit kennt.

Diesen Themen widmet sich der Ethnologe seit Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere. Die startete er nach seinem Studium mit der Promotion an der Pariser École des hautes études en sciences sociales, ehe er sich nach Forschungen in den USA und den Niederlanden 1998 an der Universität Bayreuth habilitierte. 2004 nahm er schließlich den Ruf nach Frankfurt an, wo er sich schnell einen Namen machte: Diawara ist stellvertretender Direktor des Frobenius-Instituts an der Goethe-Universität und damit des ältesten Afrika-Instituts Deutschlands. Zudem ist er Gründungsmitglied des prestigeträchtigen Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, das die Universität im Rahmen der Exzellenzinitiative der Bundesregierung gründete. Ein Standbein hat der Ethnologe auch noch in seinem Geburtsland Mali. In der Hauptstadt Bamako baute er 1997 das Forschungszentrum Point Sud auf, das sich mit lokalem Wissen beschäftigt und dessen Leiter er heute noch ist. Stippvisiten dorthin nutzt Diawara, um unter anderem die traditionellen Gesänge auf Band aufzunehmen. Von seinen Exkursionen hat er eine umfassende Sammlung mitgebracht. Diese will er während seines Québec-Aufenthalts im Detail auswerten und dazu Fachartikel in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlichen. Noch mehr am Herzen liegt ihm aber das Buchmanuskript, das er jetzt in Angriff nehmen möchte. Es soll seine bisherigen Forschungsergebnisse zusammenfassen.

Wichtig ist Professor Diawara der fachliche Austausch mit den nordamerikanischen Kollegen auch, weil er in seinem Buch der Frage nachgehen will, wie orale Traditionen durch Musik vom 16. Jahrhundert an aus Afrika nach Nordamerika übertragen wurden. „In Nordamerika hat sich der Prozess schon vollzogen, den ich in Afrika derzeit beobachte.“ US-amerikanische und kanadische Wissenschaftler hätten bereits sehr gut erforscht, wie sich etwa die Kultur der Indianer und der afrikanischen Sklaven mit der modernen westlichen Kultur und deren Normen vermischte. „Wie die Lieder, die die Sklaven damals auf den Baumwollfeldern oder in der Kirche gesungen haben, auf einer CD oder einer Schallplatte erscheinen konnten und wie dabei mit Urheberrechten umgegangen wurde, das finde ich sehr spannend“, sagt Diawara und freut sich über den Kontakt zu Rechtswissenschaftlern und Ethnologen in Nordamerika.

Der Kontakt zur Frankfurter Universität wird aber nicht abreißen. Weil er sich am dortigen Institut für Ethnologie noch um seine Doktoranden kümmern muss, wird der Wissenschaftler regelmäßig nach Deutschland fliegen. Seinen größten Wunsch für die zwölf Monate in Kanada möchte er dennoch nicht aus den Augen verlieren: Mamadou Diawara will im Herbst 2011 sein fertiges Buchmanuskript vorlegen. „Das wäre das schönste Geschenk, das ich meinen Geldgebern, meiner Familie und mir machen könnte.“////

29.10.2010
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