Wenn du ein guter Ingenieur werden willst, musst du nach Deutschland gehen.“ An den Rat seines Vaters kann sich Ahmed Al-Mudhafar aus dem Irak noch gut erinnern. „Nach meinem Master an der Universität in Bagdad war es mein Traum, in Deutschland zu promovieren.“ Seinem Ziel ist der 28 Jahre alte Student jetzt ein großes Stück nähergekommen. Seit Mitte Juni ist er in Deutschland – als einer von 31 Studierenden aus dem Irak, die als erste Teilnehmer eines neuen Stipendienprogramms ausgewählt wurden. Von Oktober 2009 an werden sie ihren Master oder Doktor an einer deutschen Hochschule machen. Die Stipendien sind Teil eines neuen Abkommens zwischen dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und dem irakischen Bildungsministerium, die jeweils die Hälfte der Kosten übernehmen. Bis zu 100 irakische Masterstudierende und Doktoranden sollen jedes Jahr von dem neuen Programm profitieren. Die akademische Partnerschaft, Bestandteil eines vom Auswärtigen Amt aufgelegten Sonderprogramms für den Irak, umfasst ein größeres Paket von Fördermaßnahmen zum akademischen Wiederaufbau. Neben den neuen Stipendien bildet ein Hochschulpartnerschaftsprogramm einen zweiten wichtigen Baustein. Das Fernziel ist die Gründung einer Deutsch-Irakischen Universität.
So weit aber denken Ahmed Al-Mudhafar und seine irakischen Kommilitonen Hussein Al-Hashimi und Mohan Hassan Aleatbi momentan noch nicht. Nach einem Online-Deutschkurs lernen sie derzeit gemeinsam Deutsch in einer Sprachschule in Frankfurt. In wenigen Wochen jedoch trennen sich ihre Wege. Für ihren Master oder ihre Promotion gehen die drei Nachwuchsingenieure dann an die Technische Universität München, die Universität Erlangen-Nürnberg und die Universität Siegen – und werden dort vielleicht auf andere DAAD-Stipendiaten aus ihrer Heimat treffen. Denn schon jetzt erhalten unabhängig von dem neuen Programm jedes Jahr mehr als 100 Studierende und Wissenschaftler aus dem Irak ein DAAD-Stipendium für einen Aufenthalt in Deutschland.
Eine von ihnen ist Lamya Yousif. Die 30 Jahre alte Irakerin studierte in Bagdad Medizin und arbeitete danach in einem Krankenhaus. Ende 2004 kam sie an die Universität Mainz. „Deutschland hat einen guten Ruf als Studienland. Deshalb wollte ich meine akademische Ausbildung gern hier fortsetzen.“ 2007 schloss sie ihren „European Master of Science in Epidemiology“ ab – und arbeitet jetzt am angesehenen Institut für Epidemiologie des Universitätsklinikums Mainz an ihrer Doktorarbeit. „Epidemiologie ist ein wichtiges Fach. Wir untersuchen Ursachen und Folgen von Krankheiten.“ Nach Abschluss der Promotion will Lamya Yousif in den Irak zurückkehren. Ihr medizinisches Wissen wird gefragt sein: Krankheiten, die etwa durch Umweltschäden mitverursacht werden, sind in einem Land, das einen Krieg erlebt hat, ein besonderes Risiko.
Eine akademische Zusammenarbeit gibt es auch mit Afghanistan, wo Deutschland sich im Rahmen des Afghanistan-Konzepts der Bundesregierung stark für den zivilen Wiederaufbau einsetzt. Das Institut für Entwicklungsforschung und Entwicklungspolitik (IEE) der Ruhr-Universität Bochum hat seit 2002 mit Unterstützung des DAAD aus Mitteln des Stabilitätspakts Afghanistan die Kooperation immer weiter ausgebaut. Das IEE, das über langjährige Kontakte nach Afghanistan verfügt, engagiert sich vor allem in der Weiterbildung von Dozenten der Wirtschaftswissenschaften. Es unterstützt den Wiederaufbau der Fakultäten für Wirtschaft und Management mehrerer afghanischer Universitäten und hat mit ihnen Bachelor- und Masterstudiengänge in Management und Wirtschaft erarbeitet.
Ein neues Projekt ist im Dezember 2008 an der Universität Erfurt gestartet: Afghanische Führungskräfte zwischen 25 und 35 Jahren nehmen dort an einem bislang einzigartigen Studienprojekt teil, das Auswärtiges Amt und DAAD initiiert haben: ein Masterprogramm in Public Policy. Seit Dezember 2008 absolviert der erste Jahrgang mit 15 Studierenden das Programm an der Erfurt School of Public Policy (ESPP) und lernt, wie gutes Regieren gelingen kann. Angelegt ist das Studium auf drei Jahre: Ein Vorbereitungsjahr, in dem die Teilnehmer intensiv Deutsch lernen, danach ein zweijähriger englischsprachiger Master of Public Policy mit Schwerpunkt auf Konfliktmanagement. Dabei beschäftigen sich die Afghanen und ihre Kommilitonen aus der ganzen Welt mit politischen, ökonomischen und verwaltungswissenschaftlichen Themen.
„Sie lernen etwa, wie eine Verwaltung mit Korruption oder der Drogenproblematik umgehen kann und welche Lösungsstrategien es gibt“, sagt Professor Dietmar Herz, Direktor der ESPP. Wichtige Kenntnisse, die zur Stabilisierung in der jungen Demokratie beitragen können und den Teilnehmern unterschiedliche Berufsperspektiven eröffnen. Mohammad Hossain Torabi zieht es an eine afghanische Universität: „Ich will als Dozent arbeiten, denn vielen Hochschulen fehlen gut ausgebildete Lehrkräfte“, erzählt der Student, der bereits Arbeitserfahrung im Bankwesen mitbringt. An dem ESPP-Master reizt ihn die Kombination aus Wirtschaft und Politik, und ihm gefallen die Studienbedingungen in Erfurt: hohes akademisches Niveau, große Literaturauswahl, kontaktfreudige Kommilitonen und eine sympathische Stadt. Zurück in Afghanistan, will Torabi auch seine Wirtschaftskenntnisse weiter einsetzen – etwa bei einem Windkraft-Projekt in seiner Heimatregion um Herat. Mit seiner Erfahrung aus Deutschland könnte er diesem Projekt Aufwind geben und damit einen Beitrag für die Zukunft seines Landes leisten.














