Von den Burgmauern in La Calahorra bietet sich eine fantastische Aussicht. In der Ferne stehen die schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada am Horizont, unter dem alten Wehrbau erstreckt sich eine kilometerlange Ebene mit Feldern. Vor allem aber bietet kein anderer Platz einen besseren Blick auf einen technischen Superlativ, wie er nicht nur hier im Süden Spaniens einzigartig ist: Inmitten der braun und grün schattierten Landschaft blitzen im Sonnenlicht sechs Meter hohe Parabolspiegel auf. In mehreren hundert Meter langen Reihen bedecken sie eine gigantische Fläche: 510000 Quadratmeter – mehr Platz, als 70 Fußballfelder einnehmen. Sie fangen die Energie für das größte Solarkraftwerk der Welt ein. Im Juni 2006 begann in der Region Granada der Bau von „Andasol 1“, noch in diesem Jahr wird die Parabolrinnen-Anlage 50 Megawatt Leistung liefern und damit 200000 Menschen mit Strom versorgen. Gewonnen allein aus der Kraft der Sonne. Die Bauarbeiten für „Andasol 2“ laufen bereits seit einem Jahr, „Andasol 3“ ist schon geplant. Pionier für diese saubere Kraftwerkstechnik ist ein kleines Unternehmen aus Süddeutschland. Die Solar Millennium AG mit Sitz in Erlangen hat „Andasol 1“ entwickelt und mit spanischen Partnern gebaut.
Das Besondere an dem Parabolrinnen-Kraftwerk ist die Technik. Im Gegensatz zu Solarzellen wandelt es das Sonnenlicht nicht direkt in Strom um. Die Spiegel reflektieren die auftreffenden Sonnenstrahlen mit einer Genauigkeit von über 98 Prozent auf ein Absorberrohr, auch Receiver genannt, das durch die Brennlinie des Kollektors verläuft. In den Absorberrohren befindet sich eine Wärmeträgerflüssigkeit, die durch das gebündelte Sonnenlicht auf rund 400 Grad erhitzt wird. Die Flüssigkeit transportiert die Sonnenwärme in Wärmetauscher, dort entsteht Dampf, der Turbinen antreibt und so Strom erzeugt. Bei der Anlage aus Deutschland funktioniert das sogar bei Nacht: Integrierte Salzspeicher mitten im Kollektorenfeld geben nach Sonnenuntergang die benötigte Wärme ab. Besonders knifflig ist die Technik der Receiver. Sie bestehen aus einem Metall- und einem Glashüllrohr. Zwischen den beiden Rohren besteht ein Vakuum, um das Metallrohr zu isolieren und so den Wärmeverlust möglichst klein zu halten. Da möglichst viel Solarstrahlung unreflektiert durch das Glashüllrohr auf das Metallrohr auftreffen und dort absorbiert werden soll, sind spezielle Materialien erforderlich, deren Kombination wie ein Geheimnis gehütet wird. Weltweit gibt es nur zwei Unternehmen, die sich an den Bau von Receivern wagen. Eine davon ist der Glas- und Photovoltaik-Spezialist Schott aus Mainz. Dessen Technik fängt auch in Spanien die Sonnenkraft ein.
Diese Effizienz ist einer der Gründe für die Prognosen von Henner Gladen. Der Technologievorstand von Solar Millennium sieht gewaltige Möglichkeiten für Parabolrinnen-Kraftwerke: „Allein in Spanien liegt das Potenzial bei 10000 bis 15000 Megawatt Erzeugungskapazität, das entspricht zehn bis 15 konventionellen Großkraftwerken.“ Zahlen, die auch Studien des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) bestätigen. In 15 Jahren könnten solche Kraftwerke von Nordafrika und Südeuropa aus die Welt mit sauberem Strom versorgen. Die Pläne liegen bei Solar Millennium schon in der Schublade. Wie auch ein weiterer Blick in die Zukunft: Aufwindkraftwerke. Die Erlanger wollen in Wüsten kilometerbreite Glasdächer um einen rund einen Kilometer hohen Kamin herum bauen. Die Luft unter dem Glas wird durch die Sonne erwärmt und zieht durch den Kamin – diese Windenergie treibt Turbinen am Fuß der Riesenröhre an und produziert Strom. Auf eine hohe Burg steigen, um diese Anlagen zu bestaunen, muss dann niemand mehr.














