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Literatur

Streiter gegen das Schweigen

Er tritt für das freie Wort ein, er ist ein furchtloser Chronist der wechselvollen Geschichte seines Landes – und ein großartiger Schriftsteller. Der Algerier Boualem Sansal erhielt 2011 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Von Beate Taudte-Repp

„Um etwas zu verändern, muss man kämpfen. Jeder auf seine Weise. Ich führe keine Kriege, aber ich schreibe“, sagt Boualem Sansal. Und wie er schreibt! Seine wortgewaltige Sprache, die profunde Geschichtskenntnis und bilderreich-sprudelnde Imaginationskraft bewirken, dass seine Bücher den Leser von der ersten Seite an in ihren Bann ziehen. Die bissige Ironie, den wütenden Sarkasmus darin traut man ihm jedoch erst mal gar nicht zu. Mit überraschend sanfter Stimme spricht der 62 Jahre alte algerische Schriftsteller, im Interview wie bei Lesungen oder Kongressen. Und blickt er in die Kameras von Fotografen oder Fernsehteams wie jüngst in Deutschland, spielt stets ein verschmitztes, jungenhaftes Lächeln auf seinen Lippen. Als furchtloser Chronist seines Landes, der von den Dramen und Tragödien Algeriens berichtet, wurde Boualem Sansal im Oktober 2011 auf der Frankfurter Buchmesse mit dem renommierten „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“ ausgezeichnet.

Während seiner Dankesrede stand der passionierte Autor vor einem ungewohnt großen und prominenten Publikum am Podium. Ein zierlicher, asketische Ruhe ausstrahlender Mann. Ein homme de lettres. Einer, in dem man den früheren hohen Ministerialbeamten der algerischen Regierung kaum erkennt: Die Welt beobachtet der Ingenieur und promovierte Ökonom durch die runden Gläser einer schmalrandigen Brille, wie einst John Lennon; die langen silbergrauen Haare hat er zu einem koketten Pferdeschwanz gebunden. Den Empfang in Frankfurt, die vielen, seine Bücher und sein Engagement würdigenden Preisreden habe er „wie einen Traum erlebt“, erzählte Sansal bei einem Gespräch im November 2011, wenige Wochen nach der Rückkehr von einer Lesereise im Anschluss an die Ehrung. Zum ersten Mal war auch seine Frau Naziha mit nach Deutschland gekommen „und beide staunten wir, überrascht und gerührt“, so Sansal, was ihnen widerfuhr während der Preisverleihung in der Frankfurter Paulskirche, einem symbolträchtigen Ort der deutschen Demokratie. „Wir wollten gar nicht glauben, wo wir waren und dass die ganzen Feierlichkeiten uns galten.“

Erst mit 50 Jahren hat Sansal sein erstes literarisches Werk veröffentlicht. Sechs Romane, zahlreiche Essays, Artikel und Kurzprosa schrieb der aus einer Berber-Familie stammende Autor seither – immer auf Französisch. „In jedem Buch erzähle ich eine wahre Geschichte von Personen oder Ereignissen, die ich kenne“, sagt der Autor. Im September 2011 brachten die Pariser Editions Gallimard seinen jüngsten, diesmal, wie er im Gespräch erläutert, deutlich autobiographisch gefärbten Roman „Rue Darwin“ heraus. Darin spiegelt er die Wirren seines Landes in einer Familiensaga.

Sechs seiner Bücher liegen bereits auf Deutsch vor, erschienen im Merlin-Verlag bei Hamburg, darunter der fulminante Erstling von 1999: „Der Schwur der Barbaren“. Diese zornerfüllte Parabel, die über 60 Jahre algerischer Geschichte als 450 Seiten langen Politkrimi aufbereitet, schrieb sich Sansal regelrecht von der Seele – unter dem erschütternden Eindruck jenes Bürgerkriegs in den neunziger Jahren, der hunderttausende Tote forderte. Der Roman kam sofort in die Schlagzeilen. Und jede neue Veröffentlichung sorgt für eine ebenso begeisterte wie betroffene Rezeption in der Literaturszene Europas. In seiner Heimat indes bezahlte Sansal den Ruhm als kompromissloser Kritiker 2003 mit dem Verlust des Postens als Generaldirektor im Industrieministerium. Seither sind seine Bücher aus algerischen Buchhandlungen verschwunden.

Dabei war Sansal gerade als Funktionär des Staates zuvor weit in der Welt herumgekommen. Früh kam er auf Diesntreisen auch nach Deutschland, einem der wichtigsten Handelspartner Algeriens bis heute. Seit 30 Jahren kenne er das Land, erzählt der Schriftsteller. Von Anfang sei er fasziniert gewesen – nicht nur von der freundlichen Höflichkeit, mit der er empfangen wurde, sondern vor allem von der reibungslosen Funktionstüchtigkeit hypermoderner Industrie-Unternehmen und den auf Schönste hergerichteten Städten. Während er in dieser Zeit meist nur Geschäftsleute und Beamte kennengelernt hatte, änderte sich sein Deutschland-Bild, als aus dem Homo technicus ein Homo litterarius geworden war: Nun wurde er als Schriftsteller eingeladen und entdeckte, „dass es hier auch Intellektuelle gibt, mit Humor und Selbstironie, Leute, die feiern können, tanzen, lachen, nächtens in Kneipen zusammenhocken und über Gott und die Welt offen diskutieren.“

Der 2008 erschienene Roman „Das Dorf des Deutschen“ ist wohl das in Deutschland bekannteste Buch Sansals: Anhand der Figur eines nach dem Krieg in Algerien untergetauchten SS-Mitglieds verknüpft der Autor in einem raffinierten historischen Bogen die Diktatur Hitlers und den Holocaust mit der Gegenwart Algeriens unter dem wachsenden Einfluss des islamischen Fundamentalismus. Der reicht im Buch bis in die Banlieues französischer Städte, weshalb Sansal immer wieder an die Verantwortung Europas plädiert, nicht wegzusehen von den Problemen der arabischen Staaten und ihnen auf ihrem Weg in die Demokratie beizustehen.

Überaus kenntnisreich und geschichtskundig äußert sich Sansal über die aktuellen Umbrüche in Nordafrika und Nahost, über den erhofften „Arabischen Frühling“, über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft seiner Heimat, die er nicht verlassen will, trotz extrem schwieriger Lebensumstände. „Es hilft nicht zu lamentieren“, sagt er, man müsse etwas tun. Und so schreibt er – und knüpft für seine Leser Buch um Buch einen anekdotenreichen Wissensteppich aus all den Traumata, die Algerier in den vergangenen Jahrzehnten durchlebten – mit sensibler Beobachtungsgabe, einem oft absurden Humor und jenem ebenso sorgen- wie hoffnungsvollen Pessimismus, wie er allen im Grunde optimistischen Streitern gegen das Schweigen eigen ist. „Die Wahrheit muss gewusst werden“, heißt es mehrfach in „Das Dorf des Deutschen“.

Mit der Wahl des Friedenspreisträgers wollte der Deutsche Buchhandel ein Zeichen setzen für die Demokratiebewegung in Nordafrika. Auch der deutsche Außenminister Guido Westerwelle würdigte die Auszeichnung, die nicht nur Sansals literarischem Werk, sondern auch seinem Eintreten für friedliche und demokratische Veränderungen gelte: „Ich empfinde große Hochachtung für einen Schriftsteller, der unermüdlich und unter persönlichen Opfern für das freie Wort und einen freien öffentlichen Diskurs in Algerien eintritt.“ Sansal selbst brachte es in seiner Rede quasi grenzüberschreitend auf den Punkt: „Die Menschen kämpfen für die Freiheit, sie engagieren sich für die Demokratie (...), blicken in die Zukunft, und diese Zukunft soll erfreulich und ganz einfach menschlich sein. Was derzeit geschieht (...), beschränkt sich nicht auf die arabischen Länder, sondern es kommt eine weltweite Veränderung auf, eine kopernikanische Revolution: Die Menschen wollen eine echte universelle Demokratie, ohne Grenzen und ohne Tabus.“///

07.12.2011
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