Mit Hammer und Meißel in der Hand kniet er am Boden, lockert die Steine des Bordsteins und hebelt sie kurzerhand heraus. Dann nimmt er einen Betonwürfel, dessen Oberfläche mit einer Messingplatte versehen ist, und fügt ihn ein. Mit einer Kelle Sand füllt er die entstandenen Lücken. Am Ende wischt er mit einem Lappen über die Metalloberfläche, bis sie glänzt. Jetzt ist lesbar, was in die zehn mal zehn Zentimeter große Platte eingraviert ist: „Hier wohnte Flora Mandelstamm, geb. Sonnabend, Jg. 1868, dep. 3.8.1942 Theresienstadt, ermordet am 26.8.1942 Treblinka”.
Nur fünf Minuten hat der Kölner Konzept-Künstler und Bildhauer Gunter Demnig - stets in Weste, Hemd, Cowboyhut und Knieschützern - gebraucht, um einen der "Stolpersteine“ in einer Nebenstraße des Berliner Bezirks Neukölln zu verlegen. Der Stein mit der kleinen Gedenkplatte erinnert an die damals in diesem Haus lebende und dort von den Nationalsozialisten verschleppte und ermordete Berlinerin. Lange darf so eine Aktion auch nicht dauern, schließlich hat sich Demnig das Projekt „Stolpersteine“ zur Lebensaufgabe gemacht – und es warten noch viele Städte und Gemeinden darauf, dass er mit seinen Utensilien anreist, um an Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern.
An diesem Freitag im Berliner Bezirk Neukölln ist Gunter Demnig von 15 Frauen umringt, von denen einige Kopftücher tragen. Es sind sogenannte „Stadtteilmütter“, türkische und arabische Frauen, die in den Problemvierteln Neuköllns Sozialarbeit für Familien mit Migrationshintergrund leisten. Seit Ende 2006 haben sie sich mit Unterstützung des Diakonischen Werks und der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste auf die Spuren der Geschichte des Nationalsozialismus begeben: Sie trafen Holocaust-Zeitzeugen und besuchten KZ-Gedenkstätten. Ihr Projekt „Miteinander statt übereinander - Auseinandersetzungen mit Geschichte in der Einwanderungsgesellschaft“ wurde sogar mit dem „innovatio Sozialpreis“ ausgezeichnet. Mit der Verlegung der Stolpersteine wollten die Stadtteilmütter ein dauerhaft sichtbares Zeichen setzen und finanzierten die Aktion in ihrem Stadtteil aus eigener Tasche.
Warum sich Frauen aus Zuwandererfamilien, von denen nur wenige eine Schulausbildung haben, mit deutscher Geschichte befassen wollten, erklärt eine der Stadtteilmütter, die 46 Jahre alte aus der Türkei stammende Selma Aslan so: „Wir leben in diesem Land, wir wollen unseren Kindern erzählen können, was passiert ist“. Und die 40-jährige Cemile Demiral, ebenfalls aus einer türkischstämmigen Familie, fügt hinzu: „Wir wollen etwas Bleibendes in Neukölln hinterlassen. Als Ermahnung für alle, damit so etwas nicht noch einmal passiert“. Dann geht die Gruppe weiter zur belebteren Karl-Marx-Allee in dem überwiegend von Migrantenfamilien bewohnten Berliner Bezirk. Vor dem Eingang einer Bank kniet Gunter Demnig erneut nieder, diesmal, um zwei Stolpersteine nebeneinander in den Boden einzulassen, die an das Ehepaar Löwenthal erinnern. Die fast Sechzigjährigen waren im November 1941 nach Riga verschleppt und drei Tage später ermordet worden. Neugierige Passanten bleiben stehen und schauen Demnig und den Stadtteilmüttern interessiert über die Schulter.
Bereits ein paar Wochen später freut sich die Leiterin des Projekts Stadtteilmütter, Maria Macher, über eine große Resonanz: „Viele Menschen bleiben vor den Steinen stehen, schauen sie sich an, denken darüber nach und kommen manchmal auch miteinander ins Gespräch. Genau das war unser Ziel: Möglichst viele Menschen durch diese Art des Erinnerns zu erreichen“. Was in Neukölln noch neu ist, hat in vielen Berliner Stadtteilen bereits größere Verbreitung gefunden: Am Hackeschen Markt in Berlin-Mitte, in Kreuzberg, in Tiergarten oder in Charlottenburg bleibt man deswegen häufiger an der Vergangenheit hängen. In Deutschland gibt es mittlerweile über 17 000 Stolpersteine in 300 Städten und Gemeinden. Aber auch in Österreich, Ungarn, den Niederlanden, Tschechien gibt es sie – alle wurden von Gunter Demnig selbst verlegt. Und das soll auch in Zukunft so bleiben.
1993 hatte der heute 61-jährige Künstler sein Stolperstein-Projekt entwickelt. Nach einer Ausstellung in der Kölner Antoniterkirche war Demnig durch den damaligen Pfarrer ermuntert worden, die Steine zu verlegen. Probeweise und anfänglich ohne Genehmigung ließ er zunächst in Köln seine Betonwürfel mit Messingplatte in den Boden ein. Die Steine erinnern dabei nicht nur an die Vertreibung und Vernichtung von Juden, sondern auch von Zigeunern, politisch Verfolgten, Homosexuellen, Zeugen Jehovas und Euthanasieopfern. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn der Name vergessen ist“, sagt der Künstler. Die ausgelöschten Biografien sollen auf diese Weise wieder in das Bewusstsein gebracht werden, wünscht sich Demnig. 2008 ist Demnig von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und Bundesjustizministerin Brigitte Zypries als „Botschafter für Demokratie und Toleranz“ ausgezeichnet worden.
Aus dem Kunstprojekt ist eine regelrechte Bürgerbewegung geworden, die täglich wächst: So empfinden zwei österreichische Sinti-Frauen den Stolperstein für ihren Großvater als Grabsteinersatz und wollen in einem kleinen Dorf an ihre fast vollständig ermordete Großfamilie erinnern. Drei Hamburgerinnen verarbeiten die NS-Geschichte ihrer Familie dadurch, indem sie regelmäßig die Stolpersteine in der Hansestadt polieren. Und in Ungarn will eine junge Frau durch das Kunstprojekt ihre Landsleute zum Reden über die verdrängte Vergangenheit bringen. Die genauen Daten und Namen für die Stolpersteine erhält der Künstler von Initiativen, Gedenkstätten, Schulen, Angehörigen und Hinterbliebenen. Wichtige Informationsquelle sind zudem die Datenbanken der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und der Staatsarchive. Finanziert werden die je 95 Euro teuren Stolpersteine durch Spenden, Sammlungen und Patenschaften von einzelnen Bürgern, Zeitzeugen, Schulklassen, Berufsgruppen und Kommunen.
Es gibt aber auch kritische Stimmen zu Demnigs Projekt: So wurde die Verlegung etwa in München von der dortigen jüdischen Gemeinde, der in München lebenden Präsidentin des Zentralrats der Juden Charlotte Knobloch sowie vom Stadtrat der bayerischen Landeshauptstadt bisher abgelehnt. Nur auf einigen Privatgrundstücken konnte Gunter Demnig ein paar Steine verlegen. Kritisiert wird, dass auf den Namen ermordeter Juden angeblich mit Füßen herumgetreten werde und das Gedenken an die Opfer auf diese Weise beschmutzt werden könnte. Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, indes befürwortet Demnigs Aktionen. Und Yad Vashem bezeichnete Demnigs Steine in einem Brief an den Künstler als „wunderbares Projekt“.
Vor kurzem fanden die Steine sogar Eingang einen Dokumentarfilm von Dörte Franke. Der Film mit dem Titel „Stolperstein“ war 2008 unter anderem auf dem renommierten Internationalen Filmfestival Locarno zu sehen und wurde von dem deutsch-französischen TV-Sender „Arte“ gezeigt. Inzwischen wird er auch im Kino ausgestrahlt. Auch die Kritik aus München ist ein Thema. Gezeigt wird, wie der deutsch-britische Holocaust-Überlebende Peter Jordan darum kämpft, Erinnerungssteine für seine von den Nazis ermordeten Eltern im Münchener Stadtteil Bogenhausen verlegen zu lassen.
Noch warten 120 Steine in Gunter Demnigs Kölner Atelier darauf, in München verlegt zu werden. Aber Demnig ist natürlich trotzdem nicht untätig: Derzeit ist der Künstler in Polen und Tschechien unterwegs – wie immer in Weste, Hemd, Cowboyhut und mit Knieschützern. Mit Kelle, Hammer und Meißel. Und mit etwas Glück wird man in Zukunft auch in Frankreich, Italien und Belgien über die Vergangenheit stolpern.














