Herr Liesenfeld, Deutschland gilt als viertgrößter Handelspartner Lateinamerikas und drittgrößter Investor in der Region. Wie sehen die Zukunftschancen aus?
Lateinamerika nimmt in der Handelsbilanz Deutschlands mit Anteilen von 2,9 Prozent beim Export und 2,7 Prozent beim Import eine eher unterentwickelte Position ein. Diese Position kann in absoluten Zahlen stark ausgebaut werden, wie die letzten zehn Jahre anschaulich demonstrieren. In Brasilien und Mexiko sind deutsche Unternehmen für rund fünf Prozent des BIP verantwortlich.
Vor der Krise, im Jahr 2008, legte das deutsche Handelsvolumen mit Lateinamerika um zwölf Prozent auf 56 Milliarden US-Dollar zu. Was sind die Gründe für einen derart kräftigen Anstieg?
Seit 2003 befindet sich die Region in einer Boom-Phase, die 2009 nur kurz unterbrochen wurde. Für den Zeitraum 2003 bis 2008 ergab sich ein kumulierter Zuwachs des Pro-Kopf-Einkommens von 25 Prozent. Der deutsche Export profitierte also in besonderem Maße von der kräftigen Binnenkonjunktur. Aber auch der deutsche Import aus der Region nahm zu.
Lateinamerikas Volkswirtschaften zählen zu den Globalisierungsgewinnern der vergangenen Jahre, mit enormen Zuwächsen. Was macht die Länder so stark?
Einer der Gründe für die gute Positionierung Lateinamerikas ist der Reichtum an Bodenschätzen, Energieressourcen und landwirtschaftlichem Potential. Über die natürlichen Ressourcen hinaus verfügt die Region über eine umfassend entwickelte Industrie und einen wachsenden Exportsektor. Die wachsende Mittelschicht stärkt den Binnenmarkt, der Hauptmotor der Wirtschaftsentwicklung ist.
Mit einem kontinuierlichen Wachstum und Sozialprogrammen ist es beispiels-weise Brasilien gelungen, viele Millionen Menschen aus der Armut zu befreien. Wie verändern die wachsenden Mittelschichten die Märkte für deutsche Unternehmen?
Die traditionellen Eliten hatten bis in die neunziger Jahre wenig Interesse an der Lösung der grundsätzlichen Probleme wie der hohen Armutsrate, der krassen Einkommensunterschiede und der Ausgrenzung großer Teile der Bevölkerung. In Brasilien hat sich dies unter Präsident Lula da Silva grundlegend geändert. Dort ist die Mittelschicht in den letzten sechs Jahren von 34 auf 53 Prozent der Bevölkerung angestiegen. Aufgrund des starken Wachstums der Mittelschicht nimmt die Nachfrage nach Konsumprodukten und Dienstleistungen auf hohem Niveau zu.
Was wünscht sich die Wirtschaft von der Politik für die Zukunft – mehr Handelsabkommen mit regionalen Wirtschaftszusammenschlüssen wie dem Mercosur?
Der baldige Abschluss eines Freihandelsabkommens EU-Mercosur wäre eine wichtige Maßnahme zur Stärkung der europäischen Unternehmen in der Region. Sollte aber das EU-Abkommen mit dem Mercosur in gleich weite Ferne rücken wie ein erfolgreicher Abschluss der Doha-Runde, müsste die Europäische Union ihr Konzept noch einmal hinterfragen. EU-Freihandelsabkommen gibt es ja auch mit Chile und Mexiko und nicht nur mit latein-amerikanischen Integrationsinitiativen.
Zur Person:
Bodo Liesenfeld ist Hauptgeschäftsführer der Liesenfeld International GmbH und Vorstandsvorsitzender des Lateinamerika Vereins e. V. in Hamburg, dem Unternehmensnetzwerk für die deutsche Wirtschaft mit Interessen an und in Lateinamerika und der Karibik.














