Es war im Frühjahr dieses Jahres, als ich publizistisch an einem Punkt angelangt war, dass mich meine Gedanken zum Thema Integration langweilten. Ich hing in Gedankenschleifen, wo es nur noch darum ging, das bisher Gesagte so umzuformulieren, dass niemandem mehr auffällt, dass es sich um die ewig gleiche These handelte. Nämlich: Zur gesellschaftlichen Teilhabe des einen gehört stets ein anderer, der teilhaben lässt. Etwas sprachliche Raffinesse, ein paar markante Beispiele von misslungener Integration, ein wenig Polemik – so kann man es sich in der eigenen Weltanschauung bequem machen und zu einem Nickerchen ansetzen. Man kann als Journalistin die Welt nicht verändern und schon gar nicht die Politik beeinflussen. Die Welt kann immer nur mich verändern. Und im Frühjahr dieses Jahres war ich in einem Winkel dieser Welt, der meine Vorstellungen vollends verändert hat. Eine Reise nach Israel hat mich in meinen bisherigen unversöhnlichen Ansichten über eine fehlende Integrationspolitik gehörig milde gestimmt.
Die größte Gruppe mit Migrationshintergrund in Deutschland bilden – nach den Aussiedlern – die Türken, die einst als Gastarbeiter angeworben wurden und anders als viele portugiesische, spanische oder griechische Arbeitsimmigranten nicht in ihre Herkunftsländer zurückkehrten. Diese türkeistämmigen Bürger leben seit einem halben Jahrhundert in diesem Land und es wäre eine Erfolgsgeschichte, wenn es nicht folgende Probleme gäbe: Viele von ihnen sind weder kulturell, religiös, wirtschaftlich, sozial noch politisch integriert. Das erzeugt eine Atmosphäre von gegenseitigem kritischen Beäugen. Wir haben uns in Deutschland bislang über vieles unterhalten. Vom Knoblauchgeruch, der angeblich aus Mietshäusern strömt, in denen mehrheitlich orientalische Bürger wohnen, über die Diskussion, wie ein Kopftuch zu knoten sei, damit es nicht zu missverständlichen Annahmen über ein rechtsstaatliches und demokratisches Staatsverständnis komme, bis hin zu ethischen Betrachtungen über bestimmte Schlachtmethoden, wie sie in einigen Kulturkreisen üblich sind. Doch über kein Thema unterhält man sich so leidenschaftlich wie über den Islam. Alles in allem kann man sagen, die Diskussionen werden zwar rege und nimmermüde geführt, doch so richtig kennengelernt hat man sich auch nach 50 Jahren nicht so recht. Das gilt für beide Seiten. Man steht, übertragen gesprochen, noch auf der Türschwelle des anderen und weiß nichts, außer dem Namen. Man kann es gut finden, man kann es schlecht finden, es gibt gute Argumente für Ignoranz, genauso wie für Interesse.
Ich war also in Israel und lernte im Vorfeld, dass dieses Land für seine hervorragende Integration von Menschen aus den verschiedensten Ländern bekannt sei. So und so viele ethnische Gruppen, in allen Abstufungen und Schattierungen. Und sie alle unterscheiden sich durch politische und religiöse Gesinnung, Kleidung, Essgewohnheiten, gar nicht zu sprechen von den sozioökonomischen Unterschieden. Ich habe viele Meinungen gehört. Skandalöse, linke, rechte, liberale, konservative, gleichgültige, radikale, misstrauische, ach, einfach alles. Getroffen habe ich Politiker, Historiker, Wissenschaftler, Künstler, Journalisten und viele, viele Taxifahrer. Die Integration mit Beispielcharakter aber habe ich nicht gesehen. Neben einer echten Mauer bin ich auf viele weniger sichtbare Mauern gestoßen.
Auf dem Jerusalemer Altstadtbasar kamen mir zwei Gedanken: Von vielen habe ich ein Wirrwarr an empörten Meinungen über eine jeweils andere Gruppe gehört, nur ein Wort, dass ich in Deutschland ständig höre, nicht. Das Wort der „Parallelgesellschaften“, negativ konnotiert. Israel ist eine multiparallel organisierte Gesellschaft, in der die Menschen ihre Schutzräume schaffen. Natürlich wirkt sich ein abgetrennter Raum negativ auf das Vertrauen der draußen Stehenden aus. Doch ich habe kein Wort der Klage darüber gehört, dass die Menschen in diesen selbst geschaffenen Schutzräumen anders aussehen, eine andere Sprache sprechen, andere Schriftzeichen verwenden und so fort. Warum tun wir das in Deutschland? Und wo auf der Welt gibt es einen Ort, in dem verschiedene soziale Schichten unterschiedlicher Religion und Kultur tatsächlich miteinander leben und sich gegenseitig befruchten? Ich habe neu gedacht und bin zu der Auffassung gelangt, dass mich das Wort „Parallelgesellschaft“ stets dazu verführte, meine Phantasie reflexartig zur Lösungsfindung anzuregen, ohne jemals darüber nachgedacht zu haben, was daran eigentlich so skandalös ist. Doch wohl nur die Tatsache, dass diese Räume nicht wie einbetoniert wirken dürfen. Wer Aufstiegswillen verspürt, der wohl gleichzeitig als Ausstiegswunsch aus dem bisherigen sozialen Milieu bezeichnet werden kann, muss realistische Optionen darauf haben. Etwa durch bildungspolitische Maßnahmen. Aber das ist jetzt wieder ein Punkt, an dem es anfängt, langweilig zu werden, denn ich müsste nun schummeln und die alte Leier in ein neues Gewand kleiden. Wo doch dieser Text „neu denken“ zur Überschrift hat.
Wie denken Sie über Mely Kiyaks Standpunkt? Schreiben Sie uns an redaktion.deutschland@fsd.de, Stichwort: „Integration“
Mely Kiyak
geboren 1976, lebt in Berlin. Als freie Autorin schreibt sie für renommierte deutsche Tageszeitungen und Magazine. Die Tochter aus der Türkei stammender kurdischer Einwanderer ist Mitglied der Deutschen Islamkonferenz.














