Ob in Berlin oder andernorts in Deutschland: Die Integration der rund 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund – fast ein Fünftel der Bevölkerung – gilt als besondere gesellschaftliche Herausforderung. Schon im Jahr 2010 wird in den deutschen Großstädten bereits jeder zweite Einwohner unter 40 Jahre aus einer Zuwandererfamilie stammen. Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnet die Integration als eine „Schlüsselaufgabe“ und will ein gutes Zusammenleben zwischen Deutschen und Ausländern fördern. Ein bedeutender Schritt in diese Richtung: der nationale Integrationsplan, beschlossen im Juli dieses Jahres. Bundesregierung, Migrantenorganisationen, wichtige gesellschaftliche Gruppen, Vertreter von Wirtschaft und Medien haben sich darin auf eine bessere Integrationspolitik verständigt. Zusätzliche Sprachkurse, mehr Ausbildungsplätze oder spezielle Angebote in Sportvereinen sind nur einige wenige Projekte, die Zuwanderern helfen sollen, sich in Deutschland heimisch zu fühlen. Der Großteil der Migrantinnen und Migranten hat hier bereits seinen Platz in der Gesellschaft gefunden – ist voll integriert wie die folgenden Berliner unterschiedlicher Nationalität. Fünf Menschen und ihr Blick auf eine Stadt.
1 Magdalena Zieba-Schwind, Polen, TV-Regieassistentin
Schuld war diese Bushaltestelle in Krakau. Magdalena Zieba wartete auf den Bus nach Hause, als ein junger Deutscher sie freundlich ansprach. Die beiden kamen ins Gespräch, tauschten Telefonnummern aus – und verliebten sich ineinander. Die Schülerin war damals 17 Jahre alt, der angehende Jurist 29. Und nachdem die junge Polin ihr Abitur gemacht hatte, war sie ihm nach Berlin gefolgt, wo sie, heute 29 Jahre alt, jetzt seit zehn Jahren lebt. In Berlin arbeitet sie inzwischen als Regieassistentin fürs Fernsehen und hat ihre große Liebe von damals geheiratet. Zusammen haben sie einen zweijährigen Sohn. Berlin ist ihre Traumstadt, dennoch hängt ihr Herz auch an ihrer Heimatstadt Krakau. „Wenn ich Berlin verlasse und nach Krakau fahre, vermisse ich Berlin – und andersherum.“ Die architektonische Vielfalt der deutschen Hauptstadt, die die eher ein pittoreskes Ambiente gewöhnte Krakauerin anfangs schockiert hatte, fasziniert sie mittlerweile. „Die Stadt lebt, sie verändert sich ständig und mit ihr die Menschen, die in ihr leben. Das möchte ich nicht mehr missen. Hier habe ich alles, was ich zum Leben brauche“, sagt Magdalena Zieba-Schwind.
2 Ümit Selim Hatipoglu, Türkei, Lebensmittelhändler
Eigentlich sollte sein Berlin-Aufenthalt nur vorübergehend sein. Mit 18 Jahren verließ Ümit Selim Hatipoglu seine Heimat Istanbul 1980 als Student. Aus dem geplanten Kurzaufenthalt in Deutschland sind inzwischen 27 Jahre geworden. „Berlin ist mein Zuhause“, sagt der 45-Jährige, der sich bestens integriert fühlt. „Besonders gut gefällt mir, dass in Berlin mehr als 180 Nationen friedlich zusammenleben.“ Im Ortsteil Tiergarten besitzt Hatipoglu ein kleines Geschäft, wo er Obst, Gemüse und Feinkost verkauft. Dass er bereits so manche deutsche Angewohnheit übernommen hat, fiel ihm erst kürzlich bei einem Parisbesuch auf, als er in einem Café saß: Ein Autofahrer hatte beim Einparken andere Wagen angeschubst. „Da konnte ich mich gerade noch zurückhalten, nicht aufzuspringen und ihn davon abzuhalten“, erzählt er mit einem Schmunzeln. „Ich bin eben schon manchmal deutscher als deutsch.“
3 Hafez Mohamed Hafez, Ägypten, Professor für Veterinärmedizin
Mit einem DAAD-Stipendium kam der Ägypter Hafez Mohamed Hafez einst nach Deutschland. Heute ist er Professor für Veterinärmedizin an der Freien Universität (FU) Berlin und ein international gefragter Experte für Geflügelkrankheiten, der auch die Bundesregierung in Sachen Vogelgrippe berät. Geboren 1947 in der ägyptischen Hafenstadt Alexandria, führte ihn nach seinem Studium in Kairo seine Doktorarbeit ins Ausland und damit nach Deutschland. Eigentlich wollte er nur eine begrenzte Zeit bleiben. Doch nach der Promotion in Gießen, einer Stelle als Tierarzt in Stuttgart und der Habilitation in München kam er nach Berlin – wo er seit zehn Jahren lebt und arbeitet. An der FU Berlin, einer der deutschen Spitzen-Universitäten, hat der Professor ein weltoffenes Umfeld gefunden. Auch Studenten aus arabischen Ländern haben bei Professor Hafez gute Chancen: Zur Zeit schreibt ein Tierarzt aus Syrien seine Doktorarbeit bei ihm.
4 Jeanna Kroner, Russland, Ärztin
Dass sie niemals Heimweh habe, wäre glatt gelogen. Dennoch weiß Jeanna Kroner, dass sie nach Berlin gehört. Vor vier Jahren war die Kinderärztin aus Moskau nach Berlin gekommen. Die Sergej Mawrizki-Stiftung, die den Dialog zwischen Deutschland und Russland fördert, hatte sie eingeladen, ihre medizinische Dissertation zu schreiben. Berlin, das war für sie Liebe auf den ersten Blick. Dass sie dann auch noch ihrem heutigen Ehemann in die Arme lief, war ein weiterer glücklicher Zufall. Die Hochzeit ließ nicht lange auf sich warten. Und nach einiger Zeit kündigte sich Sohn Lukas an. Aus der Dissertation wurde zwar nichts. Dafür lernt die 38-Jährige derzeit für einen speziellen Sprachabschluss, den sie benötigt, um in Deutschland als Kinderärztin praktizieren zu können. Die Medizinerin möchte nämlich endlich in ihrem Beruf arbeiten: „Dann würde ich mich vollends integriert fühlen“, sagt sie. So lange genießt Jeanna Kroner das große kulturelle Angebot der Stadt und erlebt, wie ihr Sohn Lukas im multikulturellen Berlin zweisprachig aufwächst.
5 Ofri Brin, Israel, Sängerin
Für Ofri Brin ist Berlin ein bisschen Heimat und ein bisschen Abenteuer. Die 26-jährige Sängerin ist eine von rund 2500 Israelis in der Hauptstadt. Vor drei Jahren kam sie nach Berlin, mitten im November. „Dieses Gesicht von Berlin ist hart, kalt und grau“, schildert Ofri Brin ihre ersten Eindrücke. „Aber im Moment möchte ich nirgendwo anders sein“, fügt sie hinzu. In Berlin lebt ihr Freund, auch ein Israeli. „Wir entdecken immer neue Geheimnisse in Berlin“, erzählt die junge Frau über die Sogkraft der Stadt. Berlin ist ein wichtiger Ort für Ofri Brins Karriere geworden. In vielen bekannten Clubs der Hauptstadt steht die zierliche Frau mit der sinnlichen vollen Stimme und den roten Haaren regelmäßig mit ihrer Band Ofrin auf der Bühne. Gerade nimmt sie ihr zweites Album auf. Und wohnt, wie es sich für junge kreative Berliner gehört, natürlich in Prenzlauer Berg – mit Holzofen.














