Es geht um Fußball. Nur um Fußball. Keine große Sache. Und doch geht es um so viel mehr. Um Selbstvertrauen, um Stärke, Anerkennung, Hoffnung. Kick it like Ballack. Um Spaß geht es natürlich auch und um ein Stück Normalität. Aber was heißt schon normal, wenn man eine junge Frau ist, 17 Jahre alt und in Kabul lebt? Für Zhela bedeutet das heute auch: Schuhe mit Stollen zu tragen und mit ihren 17 Teamkameradinnen zu trainieren. Zhela steht im Tor der afghanischen Frauen-Fußball-Nationalmannschaft. „Viele Leute in Afghanistan glauben noch, Fußball ist nichts für Mädchen“, erzählt sie dem Reporter der „Süddeutschen Zeitung“ während eines vom Auswärtigen Amt finanzierten Trainingslagers im Januar in Deutschland. „Manche sagen auch, Frauen sollen nicht Auto fahren, nicht studieren, nicht arbeiten. Aber wir müssen zeigen, dass wir das können.“
400 Mädchen und junge Frauen spielen heute Fußball in Afghanistan, vor allem in der Hauptstadt Kabul. „Es sind Glücksmomente, wenn ich sehe, mit welcher Leidenschaft gekickt wird“, sagt Klaus Stärk. Der deutsche Fußballexperte unterstützt zusammen mit dem früheren afghanischen Nationalspieler Ali Askar Lali – vermittelt durch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) – den afghanischen Fußballverband beim Wiederaufbau der Strukturen. Sie halten auch Lehrgänge für Sportlehrer, Seminare für Trainer. Die Fußballarbeit in Afghanistan ist ein zentrales Projekt der „Internationalen Sportförderung“ Deutschlands: Schon seit 1961 gibt es diese sportliche Zusammenarbeit, sie wird vom Auswärtigen Amt gefördert. Seitdem sind in mehr als 100 Ländern über 1300 mehrjährige Langzeitprojekte und Kurzzeitprojekte über zwei bis vier Wochen umgesetzt worden – in fast allen Sportarten. Aber Fußball und Leichtathletik spielen die Hauptrollen.
Im Mai hat Klaus Stärk mit dem afghanischen Männer-Nationalteam die Qualifikation für den Challenge Cup der Asian Football Confederation bestanden. „Spitzensport gehört eigentlich nicht zu den Aufgaben der internationalen Sportförderung“, sagt Katrin Merkel vom DOSB. Aber bei Afghanistan sei das ausnahmsweise anders: „Diese Arbeit strahlt einfach in die Gesellschaft aus“, sagt die Ressortleiterin für Internationales, „sie bringt die Menschen zusammen.“ Sonst drehen sich die Projekte aber um Breitensport, um Know-how-Transfer in modernen Trainingsmethoden, um Beratung in der Sportorganisation. Gerade in jungen Demokratien und Entwicklungsländern kann der Sport viel für die Verbesserung der zivilgesellschaftlichen Strukturen leisten.
Manchmal kann Sport sogar neue Lebensperspektiven eröffnen. Zum Beispiel im Behindertensport, der nicht überall auf der Welt eine Selbstverständlichkeit ist. Die 29-jährige Sportwissenschaftlerin Romy Mäuslein hat in den vergangenen beiden Jahren im Rahmen der internationalen Sportförderung in Kambodscha echte Pionierarbeit geleistet: im Rollstuhlsport. Sie hat erlebt, wie die behinderten Frauen und Männer, die zuvor nur wenig Selbstbewusstsein hatten, die sich für ihr Handicap sogar schämten, durch den Sport im Rollstuhl Sicherheit und Lebensfreude gewannen. „Viele haben sich dadurch auch im Alltag Respekt erarbeitet. Es war großartig, das zu sehen“, sagt sie. Das Projekt ist abgeschlossen, die Arbeit wird von den Trainerinnen und Trainern weitergeführt, die Romy Mäuslein ausgebildet hat. Genau so soll es sein.
Die Zusammenarbeit mit den deutschen Sportexperten ist in vielen Ländern sehr gefragt. Deshalb freut sich Katrin Merkel vom DOSB, dass mit Unterstützung von Außenminister Frank-Walter Steinmeier das Jahresbudget der internationalen Sportförderung des Auswärtigen Amts 2008 auf 4,85 Millionen Euro fast verdoppelt wurde. Jetzt kann sie viele Projektanträge umsetzen, die sonst hätte abgelehnt werden müssen. Ein besonderer Schwerpunkt wird in diesem Jahr in Afrika gelegt: Langzeitprojekte in Tansania und Ruanda laufen bereits, in rund 20 weiteren afrikanischen Ländern werden Kurzzeitprojekte in den verschiedensten Sportarten umgesetzt.
Aus diesem Grund ist auch Björn Wangemann gerade nach Namibia gereist. Kurz zuvor gab der Leichtathlet sein Wissen in Peru weiter, zwei Jahre lang arbeitete er in Uruguay. Unter anderem. Denn Wangemann ist seit 35 Jahren ein unermüdlicher Reisender in Sachen Sport. Er gehört zu den erfahrensten des rund 30 bestens ausgebildete Sportpädagogen umfassenden Expertenpools für die internationale Projektarbeit. Allein in Uruguay hat der frühere Mehrkämpfer und langjährige Entwicklungsdirektor des Internationalen Leichtathletikverbandes IAAF mehr als tausend Sportlehrer im Programm „Mini-Atletismo“ ausgebildet. Das ist eine spielerische Leichtathletik für Kinder, bei der auch vermittelt wird, wie sich alte Reifen, Bananenkisten oder Sprudelflaschen mit Fantasie und Farbe in Sportgeräte verwandeln. „Jedes Kind mehr, das sich durch Sport sinnvoll betätigt, ist ein Kind weniger auf dem Weg in die soziale Ungewissheit“, fasst Wangemann seine Motivation zusammen.
Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen steht auch für Sebastian Allende aus Flores in Uruguay im Mittelpunkt. Der 30 Jahre alte Leichtathlet gehört zu den zehn Stipendiaten aus Afrika, Lateinamerika und Asien, die gerade einen einjährigen Studienkurs an der Trainerschule des Deutschen Leichtathletik-Verbandes in Mainz absolvieren. Auch diese Einladung nach Deutschland ist eine Disziplin der Sportförderung des Auswärtigen Amts. Neben Mainz bieten auch die Universität Leipzig und die Trainerschule des Deutschen Fußball-Bundes Seminare für Sportlehrer und Trainer aus Entwicklungsländern an. In Mainz erwartet die Stipendiaten nach vier Monaten Crashkurs in Deutsch ein dichter Stundenplan – von Sportpsychologie über Trainingslehre, Sportmedizin bis zur Leichtathletik-Praxis. Am Ende steht eine Prüfung für das Trainer-Diplom. „Es ist eine tolle Chance, ich habe so viel gelernt“, sagt Sebastian Allende. „Außerdem habe ich jetzt Freunde in Indien, im Senegal und in Indonesien.“ Es geht nur um Sport. Aber es ist doch eine große Sache.














