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Forschung

Sensationsfund in Sibirien

Eine neue Menschenform: Evolutionsgenetiker des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie entdeckten mit russischen Kollegen Erstaunliches.

Von Benjamin Haerdle

Es ist nur ein unscheinbarer Knochensplitter von sieben Millimeter Länge, doch für die Wissenschaft hat er große Bedeutung. Im Erbgut des winzigen Knochens konnten die Evolutionsgenetiker des Max-Planck-Instituts (MPI) für evolutionäre Anthropologie in Leipzig im April Sensationelles nachweisen. Die DNA, die die Forscher in dem Fingerknochen eines fünf bis sieben Jahre alten Mädchens in der Denisova-Höhle im russischen Teil des Altai-Gebirges entdeckten, stammt von einer bislang unbekannten Menschenform. Sie hat vor etwa 48000 bis 30000 Jahren gelebt.

„Der Hominin aus der Denisova-Höhle ist von außerordentlicher Bedeutung für unser Verständnis der Geschichte des frühen modernen Menschens und des Neandertalers“, erklärt Professor Svante Pääbo, Genetiker und Direktor am Leipziger MPI für evolutionäre Anthropologie. Vorläufiger Name für die neue Menschenform: Denisova-Mensch. Mittlerweile haben die Max-Planck-Forscher das gesamte Genom des neuen Menschens entschlüsselt und ihre ersten Untersuchungen damit bestätigt. Die Lehrbücher müssen umgeschrieben werden.

Bislang ging die Wissenschaft immer davon aus, dass es drei Auswanderungswellen aus Afrika in den Eurasischen Raum gegeben hatte: Vor zwei Millionen Jahren der Homo erectus, vor einer halben Million Jahren die Vorfahren des Neandertalers und vor 50000 Jahren unsere Vorfahren, der Homo sapiens. Diesen kann nun zumindest nach Auswertung des Erbguts noch eine vierte Welle hinzugefügt werden. „Es muss eine weitere Auswanderungswelle der neuen Ur-Menschenform aus Afrika nach Asien gegeben haben. Wann diese allerdings stattfand, lässt sich derzeit noch nicht genau sagen“, sagt der Biochemiker Johannes Krause. Dem wissenschaftlichen Mitarbeiter des Leipziger MPI war es gelungen, die DNA zu entschlüsseln. Er hatte dafür die DNA aus dem Fingerknochen mit der DNA von Neandertalern und heute lebenden Menschen verglichen. Das Erbgut unterschied sich deutlich. „Für mich kam das völlig unerwartet. Erst wollte ich es nicht glauben, doch nachdem ich mit unterschiedlichsten Methoden auf das gleiche Ergebnis kam und auch der Chef meiner Forschungsgruppe Svante Pääbo sich davon überzeugte, waren wir uns sicher“, sagt der 30-jährige Forscher, der zurzeit als Juniorprofessor an der Universität Tübingen eine Arbeitsgruppe für Paläogenetik aufbaut.

Dass der Knochen überhaupt so gut erhalten war, ist den klimatischen Bedingungen vor Ort geschuldet. „In der 30 Quadratmeter großen Höhle ist es kalt wie im Kühlschrank“, sagt Krause, der selbst im Jahr 2005 vor Ort war. Der Fundort befindet sich nahe der Siedlung Gorny südlich von Nowosibirsk in einer Felswand im westlichen Altai-Gebirge in Südsibirien. Weil dort die Temperaturen wesentlich niedriger sind als in wärmeren Regionen in Europa oder Afrika, konnte sich auch die DNA wesentlich länger halten. Denkbar sei, dass der Denisova-Mensch in dem Gebiet parallel zu Neandertalern und dem modernen Menschen gelebt habe. „In der gleichen Gesteinsschicht, in der der Fingerknochen gefunden wurde, stieß man auch auf Kunstgegenstände des Homo sapiens wie Armreifen oder Kettenanhänger“, weiß Krause. Über die Lebensweise des Denisova-Menschen weiß man jedoch bislang nichts.

Zu verdanken ist die spektakuläre Entdeckung einer deutsch-russischen Forschungszusammenarbeit. Seit 2003 kooperieren die MPI-Forscher mit Wissenschaftlern des Instituts für Archäologie und Ethnographie der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften in Nowosibirsk: Der Archäologe Anatoli Derevianko ist schon seit den 1980er -Jahren mit Ausgrabungen in der Denisova-Höhle beschäftigt; sein Kollege Michael Shunkov koordiniert derzeit dort die Ausgrabungen. Die russischen Wissenschaftler waren es auch, die den kleinen Knochen vor zwei Jahren ausgegraben hatten. So ergänzen sich die beiden Forscherteams optimal: Die russische Seite ist für die Ausgrabungen zuständig, die deutsche für die genetischen Analysen. Doch um Funde und Analysen wissenschaftlich einzuordnen, wollen die Forschergruppen trotz der immensen räumlichen Distanz auf persönliche Treffen nicht verzichten: „Nach unseren molekulargenetischen Untersuchungen sind wir im Januar ins minus 40 Grad kalte Nowosibirsk geflogen und haben die Ergebnisse vier Tage lang diskutiert“, sagt Krause. Erst danach reichte das internationale Forscherteam den Artikel im Fachmagazin „Nature“ ein.

Für die Kooperation mit den Wissenschaftlern der renommierten Russischen Akademie der Wissenschaften sind solche Begegnungen wichtig. „Das gesellige Beisammensein oder das gemeinsame Essen sind ein wichtiger Teil der Kommunikation in Russland“, sagt Krause. Dies sei effektiver als Video- und Telefonkonferenzen oder E-Mails, da dabei zumeist ein Dolmetscher vonnöten sei. „Das ist zu umständlich und dauert oft zu lange.“ Auch MPI-Direktor Pääbo ist mit der Kooperation sehr zufrieden: „Die Ausgrabung in der Denisova-Höhle ist eine der bedeutsamsten, wenn nicht sogar die wichtigste Ausgrabung einer spätpleistozänen Fundstätte in Sibirien“, freut sich der Forscher. Die archäologischen Expertisen der russischen Kollegen seien für das Projekt von entscheidender Bedeutung gewesen. Beendet sind die Forschungen in der Höhle im Altai aber noch lange nicht. Johannes Krause betont: „Erst zehn bis 15 Prozent der Gesteinsschichten sind freigelegt, da können noch weitere Überraschungen auftauchen.“////

25.10.2010
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