Herr Hetsch, Zentralasien gerät stärker in den Blick der deutschen Wirtschaft. Was macht Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan so attraktiv?
Es sind die realen, aber auch die perspektivischen Möglichkeiten. In Zeiten steigender Rohstoffpreise rücken natürlich rohstoffreiche Länder in den Blickpunkt, weil man am zu erwartenden Aufschwung partizipieren will. Die Politik begrüßt und fördert diese Aktivitäten. Deutschland und ganz Europa wollen Ruhe, Stabilität und Wohlstand in diese Region bringen, um einerseits möglichem Konfliktpotenzial in der Region vorzubeugen und andererseits auch auf Afghanistan abzustrahlen. Außerdem gibt es natürlich ein wirtschaftliches Interesse. Die Politik trägt damit dem Energiepotenzial dieser Region und den geschäftlichen Möglichkeiten für deutsche Firmen Rechnung.
Wie ist die deutsche Wirtschaft in Zentralasien aufgestellt und wie hat sich der Handel entwickelt?
Durch die Reisen von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos in Begleitung großer Wirtschaftsdelegationen etwa nach Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan ist die Region verstärkt in den Fokus der Wirtschaftspresse geraten. Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als ob die deutsche Wirtschaft Zentralasien erst jetzt entdeckt, aber das ist keinesfalls so. Schon von Beginn der 90er-Jahre an sind deutsche Firmen in der Region unterwegs. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag hat Mitte der 90er-Jahre bereits Repräsentanzen der Deutschen Wirtschaft in Kasachstan und Usbekistan gegründet.
Wo liegen die Schwerpunkte der bilateralen Beziehungen?
Das Hauptaugenmerk deutscher Unternehmen liegt auf Kasachstan. Wir schätzen, dass etwa 1500 deutsche Unternehmen Geschäftsbeziehungen mit kasachstanischen Partnern unterhalten. Eine Repräsentanz oder Filiale haben rund 160 deutsche Unternehmen in Kasachstan angemeldet. In den übrigen zentralasiatischen Staaten gibt es, mit Ausnahme von Usbekistan mit etwa 50 ständigen Firmenpräsenzen, jeweils kaum mehr als eine Hand voll Unternehmen, die eine Repräsentanz oder Tochtergesellschaft unterhalten. Ungeachtet dessen lag das Außenhandelsvolumen mit den zentralasiatischen Staaten im letzten Jahr bei insgesamt 6,2 Milliarden Euro. Ein Großteil davon entfällt auf Kasachstan. Allein hier sind die Umsätze im Außenhandel mit Deutschland im letzten Jahr um über 40 Prozent gestiegen.
Welche Chancen bietet die Diversifizierung der Wirtschaft in der Region für das Engagement deutscher Firmen?
Mit einer fortschreitenden Diversifizierung wachsen die Möglichkeiten für deutsche Unternehmen, wenn auch von Land zu Land mit unterschiedlichem Tempo. Generell ist zu sagen, dass sämtliche zentralasiatischen Länder in sowjetischer Zeit beinahe ausschließlich als Rohstofflieferanten genutzt wurden und bis auf wenige Ausnahmen keine eigene verarbeitende Industrie hatten. Dies barg und birgt auch heute noch die Möglichkeit in sich, sich mit der Lieferung von in diesen Ländern hoch angesehenen deutschen Maschinen und Anlagen für den Aufbau eigener Produktionsbetriebe einzubringen, wenngleich mit China bereits ein Wettbewerber Teile des Markts belegt. Mit wachsendem Wohlstand, wächst natürlich auch die zahlungskräftige Nachfrage nach deutschen hochwertigen Konsumgütern. Deutsche Autos zum Beispiel bestimmen nicht nur das Stadtbild von Astana und Almaty.
Der Energie- und Rohstoffsektor ist eine bedeutende Wirtschaftsbranche in Zentralasien. Wie steht es hier um die Zusammenarbeit mit Deutschland?
In der Tat ist die Region, besonders Kasachstan, Turkmenistan und auch Usbekistan, wegen der Erdöl- und Erdgasvorkommen wichtig für Deutschland. Vor allem deutsche Maschinen- und Anlagenbauer sind hier als Zulieferer tätig. Sei es nun als Lieferant von Spezialtechnik für den Gold- oder Kohleabbau, sei es bei der Lieferung anderer Förderanlagen oder bei der Bereitstellung spezieller, zum Teil sehr innovativer Kontroll- und Prüftechnik.
In welchen anderen Branchen ist Wissen und Technologie aus Deutschland besonders gefragt?
Wissen und Technologie aus Deutschland genießen in diesen Ländern generell einen ausgezeichneten Ruf. Ob nun im Bereich der Bau- und Baustoffmaschinen, im Bereich des Straßenbaus oder der Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte, um nur einige Beispiele zu nennen. Dies bedeutet allerdings nicht automatisch leichtes Spiel für deutsche Anbieter. Ungeachtet der anerkannt hohen Qualität spielt auch der Preis eine Rolle. Es bedarf guter Kontakte, guter Argumente und einer interessanten Finanzierung für Lieferungen, um den Preisvorteil, den Produkte aus anderen Ländern haben, wettzumachen.
Handel ist eine Seite der Wirtschaftsbeziehungen. Welche Rolle spielen deutsche Investitionen und ein Wissenstransfer bei Aus- und Fortbildung?
Der Handel ist gegenwärtig noch der wichtigste Aspekt unserer Wirtschaftsbeziehungen. Der Umfang deutscher Direktinvestitionen ist vergleichsweise eher gering. Spitzenreiter ist auch hier Kasachstan mit geschätzten 550 Millionen US-Dollar. Dazu muss man aber Folgendes wissen: Etwa 80 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen in Kasachstan werden in der Rohstoffförderung getätigt, also in Bereichen, in denen deutsche Unternehmen weniger aktiv sind als andere Länder. Zum anderen entstammt das Gros der in der Region aktiven deutschen Unternehmen dem Mittelstand. Die Markterschließung durch Mittelständler beginnt nun einmal traditionell mit dem Handel und setzt sich in der Regel auch damit fort. Was Wissenstransfer in der Aus- und Weiterbildung betrifft, möchte ich an dieser Stelle das Managerfortbildungsprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums nennen, bei dem kasachische und usbekische Manager geschult und zu Praktika nach Deutschland geschickt werden.
Deutschland hat großes Interesse daran, seine Wirtschaftsbeziehungen mit Zentralasien zu vertiefen. Wie werden sich diese weiter entwickeln?
Vieles hängt davon ab, wie sich die Region selbst entwickelt, ob und wie sie zusammenwächst. Gegenwärtig ist es sicherlich die Republik Kasachstan, in der sich die meisten Erfolg versprechenden deutschen Aktivitäten abspielen. Nimmt man allerdings die fünf zentralasiatischen Länder als eine Region, so ergibt sich ein anderes Bild, das Bild eines Wirtschaftsgebietes mit mehr als 60 Millionen Einwohnern und allen sich daraus ergebenden Möglichkeiten für beide Seiten. Insofern ist es eines unserer Anliegen, die regionale Zusammenarbeit der Länder zu unterstützen und zu befördern.














