Es ist früh am Morgen. Nikolai Willig hat seine Schwimmtasche gepackt und läuft rüber zum Training. Wie jeden Tag. Vom Internat einmal über den Schulhof, dann ist er da. Die Wege sind kurz im Bundesleistungssportzentrum Hohenschönhausen in Berlin. Der Trainer wartet schon. Nikolai Willig, 17 Jahre alt, Schüler aus Bremen, ist immer einer der ersten. Mit drei Stunden Training beginnt sein Tag, im Kraftraum und im Wasser. Danach steht wieder Schule auf dem Plan. „In diesem Jahr dauert das Training schon mal länger“, sagt der Schwimmer. Dann springt er ins Wasser. Nikolai Willig schwimmt über 50 Meter Freistil in unter 30 Sekunden. Mit einem Arm. Die besten deutschen Schwimmathleten brauchen knapp 23 Sekunden – mit zwei Armen. Nikolai steckt mitten in den Vorbereitungen zu den Paralympics. Es werden seine ersten Weltspiele für Menschen mit Behinderungen sein – die Qualifikation über 50 Meter Freistil hat er mit seiner guten Zeit schon geschafft.
Mit zehn Jahren verlor Nikolai bei einem Starkstromunfall seinen linken Arm. Nach einem langen Krankenhausaufenthalt und der anschließenden Rehabilitationszeit fing er gleich an, intensiv zu schwimmen. „Natürlich ist das Sporttreiben für die behinderten Menschen zunächst immer auf die Schicksalsbewältigung und die Stärkung des Selbstbewusstseins ausgerichtet“, erklärt Matthias Ulm, der Schwimmtrainer am Bundesleistungssportzentrum in Berlin. Bei den meisten bleibt es dann dabei, dass sie mit dem Sport vor allem Spaß an der Bewegung verbinden, in einer der über 40 Sportarten, die das Programm des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) umfasst – vom Blindenfußball bis zum Rollstuhl-Rugby. Insgesamt treiben knapp 400000 Menschen mit Handicap Sport in einem der 4700 Sportvereine für Behinderte in Deutschland. Im Breitensport geht es vor allem um Begegnungen und Gemeinschaftserlebnisse. Natürlich fördert der Sport auch die Leistungsfähigkeit und die Gesundheit. Die Stärkung des Selbstbewusstseins und die sozialen Kontakte wirken auch positiv auf die Integration von Menschen mit Behinderung. Manche aber wollen einfach mehr. So wie Nikolai. „Dann ist es knallharter Leistungssport“, sagt der Trainer. Schwimmen ist eben Schwimmen.
Nikolai Willig steht erst am Anfang seiner Karriere. Die Teilnahme bei den Paralympics in Peking soll sein erster, großer Höhepunkt sein. Dafür trainiert er hart, mindestens 20 Stunden und bis zu 80 Kilometer schwimmt er Woche für Woche. „Wer international vorne dabei sein will, kann nicht unter diesem Pensum bleiben“, sagt er, ganz Sportprofi. Nikolai Willig hat bei all seinem Pech auch ein wenig Glück gehabt. Schule und Sport kann er im Bundesleistungssportzentrum Hohenschönhausen gut verbinden. „Das System ist das Zukunftsmodell des Behindertensports“, sagt Schwimmtrainer Ulm. Vor drei Jahren etwa notierte er sich den Namen Willig zum ersten Mal in sein dickes Notizbuch. Nikolai trainierte damals noch in Bremen, gemeinsam in einem Schwimmklub mit nicht behinderten Menschen. Seine Zeiten waren zwar immer ein wenig schlechter als die der Altersgenossen ohne Handicap, aber eben nur ein wenig. „Ich wusste, dass ich schnell schwimmen kann. Ich habe aber auch gemerkt, dass ich mich in Bremen kaum noch steigern kann“, erinnert er sich. Große Überredungskünste brauchte Ulm nicht, um Nikolai und seine Eltern von einem Wechsel an den Olympiastützpunkt in Berlin zu überzeugen. Berlin ist ein Zentrum des Behindertensports: Fast 40 Behindertensportler auf paralympischem Niveau sind in die Hauptstadt gezogen, weil der Olympiastützpunkt, die Eliteschulen und der junge Paralympische Sportclub Berlin sehr gute Bedingungen für den Leistungssport bieten. Für Nikolai ging es dabei um das reibungslose Zusammenspiel von Schule, Sport und anschließender Berufsfindung. Nach den Paralympics beginnt der Schwimmer in Berlin eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann an einer privaten Berufsbildungsakademie, vom Bundesland Berlin mit einem Zuschuss gefördert.
Rund 50 Kilometer entfernt trainiert Marianne Buggenhagen im Bundesleistungszentrum Kienbaum bei Frankfurt/Oder. Die 55-jährige Leichtathletin aus Berlin sitzt in diesen Monaten mal wieder in ihrem Wurfstuhl, eine Art Hochsitz. Vor ihr steht der Rollstuhl, aus dem sie sich ganz allein in den rund 75 Zentimeter hohen Sitz gestemmt hat. Immer wieder wirft sie den Diskus auf die weite grüne Wiese vor ihr. Knapp 20 Meter segelt das Sportgerät der Weltrekordlerin. Und etwa da steht auch ihr Trainer Bernd Mädler. Ohne Unterlass korrigiert er den Bewegungsablauf von Deutschlands wohl bekanntester und erfolgreichster Behindertensportlerin. Er spürt, Marianne Buggenhagen will es noch einmal wissen. Im Bundesleistungszentrum Kienbaum bereitet sie sich ebenso ernsthaft wie ehrgeizig auf die Paralympics in Peking vor.
Es sollen ihre fünften Paralympics werden und, wie sie weiß, wohl auch ihre letzten. Seit 1976 sitzt Buggenhagen querschnittsgelähmt im Rollstuhl. „Am Anfang wie eine Ente, völlig hilflos“, erinnert sich die athletische, groß gewachsene Frau. In der DDR, wo Buggenhagen aufwuchs, wurde der Sport von Menschen mit Behinderungen nicht sonderlich gefördert. Doch die junge Frau entwickelte einen schier unerschöpflichen Ehrgeiz, sich sportlich zu betätigen. Erst im Basketball. Dann in der Leichtathletik, wo sie bei den Paralympics seit Barcelona 1992 schon 15 Goldmedaillen gewinnen konnte. „Ich sehe den Sport eindeutig als Lebenshilfe. Durch ihn habe ich erst gelernt, wie ich mir alleine eine Hose an- und wieder ausziehe. Das hat mir doch keiner gezeigt“, sagt sie zwischen zwei Würfen. Erst 1989, als die Mauer in Deutschland fiel, fing sie an, Sport leistungsbezogen zu betreiben. Ziemlich schnell ist sie zu einer der international erfolgreichsten Athletinnen geworden. Aber Marianne Buggenhagen ist auch ein Vorbild für viele behinderte Menschen: „Egal ob im Leistungs- oder Breitensport: Sport tut immer gut!“, sagt die gelernte Krankenschwester entschieden. Hängenlassen gilt nicht! Am besten sollten die Menschen gleich in den Rehakliniken noch viel stärker auf das vielfältige Angebot im Behindertensport aufmerksam gemacht werden, findet sie. „Damit wäre auch das Nachwuchsproblem im deutschen Behindertensport zu lösen.“
Der Deutsche Behindertensportverband fördert die Peking-Vorbereitung von Marianne Buggenhagen, Nikolai Willig und vielen anderen Athleten. Behindertengerechte Bundesleistungszentren wie Kienbaum oder Olympiastützpunkte wie in Berlin gibt es allerdings nicht überall, sie konzentrieren sich auf den Osten Deutschlands. Der DBS finanziert die Trainingslager, und eine finanzielle Unterstützung von der Sporthilfe gibt es noch dazu. „Auch wenn die nur für zwei Tankfüllungen reicht“, sagt Buggenhagen. „Aber wenn ich in Peking noch eine Medaille hole, ist mir das auch egal“. Dann wirft sie den Diskus über die 20-Meter-Marke.














