Für Klaustrophobiker klingt seine Beschreibung erschreckend, Forscher sprechen dagegen von einem „Juwel der Wissenschaft“: „Columbus“ heißt das Labor der Extreme, mit dem die europäische Raumfahrt ein neues Kapitel aufschlägt. Knapp sieben Meter lang, 4,50 Meter breit, 13 Tonnen schwer und fensterlos, gleicht das Raumlabor auf den ersten Blick einer überdimensionierten Dose, in die man nur durch eine kleine Luke hinein- oder hinauskommt. Doch mit diesen Maßen passt „Columbus“ perfekt an die Internationale Raumstation ISS. An Bord eines Spaceshuttle wird die fliegende Forschungsröhre noch in diesem Frühjahr in den Himmel steigen. Geplant war der Start für Dezember 2007, doch Probleme am amerikanischen Raumgleiter haben den Abflug bisher verzögert. Für den Vorstandsvorsitzenden des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, Johann Dietrich Wörner, ist die Verzögerung kein Problem: „Diese Mission ist ein Meilenstein.“
880 Millionen Euro investierte die Europäische Weltraumorganisation (Esa) in die Entwicklung und den Bau des Labors. Womit „Columbus“ die mit Abstand größte europäische Beteiligung an der ISS ist. Die Federführung bei diesem Projekt übernahm Deutschland. Als Hauptauftragnehmer für „Columbus“ führte EADS Astrium in Bremen ein Konsortium von 41 Unternehmen aus 14 Ländern an, das für die Entwicklung, Fertigung, Integration und die Tests verantwortlich war. Keine einfache Aufgabe – das Forschungsmodul besteht aus zwei Millionen Teilen. Über zehn Jahre dauerte die Fertigstellung, bei der die Techniker völlig neue Lösungen finden mussten. „Wir konnten ja nicht auf vorgefertigte Apparaturen zurückgreifen, sondern mussten praktisch alles neu erfinden“, sagt Günther Brandt, Chefkonstrukteur beim Astrium-Konzern in Bremen, wo das Aushängeschild der europäischen Forschung auch gebaut wurde. Überraschungen habe es bei der Montage immer wieder gegeben. So sei, als der Innenausbau nahezu abgeschlossen war, die aufgetragene Spezialfarbe abgeblättert. „Stellen Sie sich vor, wenn dort oben in der Schwerelosigkeit überall Farbpartikel herumfliegen. Also musste alles wieder auseinandergebaut werden, die alte Farbe runter, neue Farbe drauf“, erinnert sich Brandt. Ein weiteres Problem: Pilzkulturen, wie sie sich in der russischen Raumstation „Mir“ immer weiter ausgebreitet hatten. Eine Spezialbeschichtung auf den „Columbus“-Innenwänden und technischer Feinschliff sollen dies jetzt verhindern. Kondenswasser in Ecken und Ritzen muss vermieden werden, denn „feuchte Stellen sind auch in einer Raumstation idealer Nährboden für Verpilzung“.
Mit dem Bau des Raumlabors und dessen Planung ist der Beitrag Deutschlands zum europäischen Vorzeigeprojekt noch nicht erschöpft. Sobald die Geräte in der silbernen Metallhülle angeschaltet werden, übernimmt das „Columbus“-Kontrollzentrum des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen mit 75 Wissenschaftlern und Ingenieuren die Leitung der wissenschaftlichen Arbeit. Für die steht im All eine Fläche von 25 Kubikmetern zur Verfügung, die sich maximal drei Astronauten gleichzeitig teilen können. Einer von ihnen kommt aus Deutschland: Hans Schlegel, 56, der bereits vor 15 Jahren im All war (siehe Box rechts). Auf ihn und seine Kollegen warten 16 mit Laborausrüstung, Computern und technischen Systemen vollgepackte „Racks“, die ähnlich wie Einbauschränke an den Wänden des Labors montiert sind. Selbst an der Außenhülle befinden sich zusätzlich vier Halterungen, um Versuchsanordnungen direkt den besonderen Bedingungen im Weltall auszusetzen: Vakuum, Strahlung, absoluter Temperatur-Nullpunkt und Schwerelosigkeit.
Die werden sicher genutzt – so vollgepackt ist das geplante Forschungsprogramm. Die Versuche reichen von der Medizin bis zur Materialforschung, von der Grundlagenphysik von Flüssigkeiten bis zu Studien über Einzeller und wirbellose Tiere. Und natürlich spielt auch die große Frage der Weltraumforschung eine wichtige Rolle: Was passiert mit dem Körper des Menschen in der Schwerelosigkeit? In diesem Zustand werden Muskel- und Knochenmasse wie im Zeitraffer abgebaut. Die Forschung im „Columbus“-Labor soll nun helfen, Erkenntnisse für eine effektive Osteoporose-Behandlung zu finden. Bei einem anderen Experiment, das Forscher weltweit mit Spannung erwarten, steht eine Art Miniaturerde im Mittelpunkt. Ausgedacht haben sich den Versuch mit dem Namen „Geoflow“ Wissenschaftler an der Technischen Universität Cottbus. Mit einer schwebenden Kugel wollen sie die geophysikalischen Prozesse nachstellen, die in der flüssigen Schicht zwischen Mantel und festem Kern im Inneren der Erde ablaufen. Zwei Schalen, gefüllt mit Öl, sollen neue Antworten geben. Manche Fragen lassen sich eben nur im Weltraum lösen. Das hat schon der ehemalige deutsche Astronaut Ulrich Walter erkannt: „Im Weltall kann man Verständnis und Einsicht gewinnen, um Dinge auf der Erde besser zu machen.“














