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Raf Simons: „Ich möchte mit Mode etwas schaffen, was Bedeutung hat”

Der Belgier Raf Simons, Kreativdirektor der Jil Sander AG im Gespräch über die Arbeit zwischen Nische und Big Business. Das Hamburger Label gehört heute zur Gruppe Onward Holdings Co. Ltd.

Interview: Joachim Schirrmacher

Herr Simons, wenn Sie an Deutschland und Mode denken – welcher Designer kommt Ihnen als Erster in den Sinn?

Karl Lagerfeld – er wirkt fast so, als wäre er aus einem anderen Jahrhundert. Und trotzdem besitzt er zeitgenössische Relevanz im 21. Jahrhundert. Ich kenne keine fünf Namen in der Mode, die das von sich behaupten können.

Einen der wichtigsten deutschen Namen in der Mode nennen Sie nicht...

Weil ich dort arbeite. Jil Sander hat mich am meisten beeinflusst. Deswegen wollte ich die Position dort auch unbedingt haben. Jil war Anfang der 1990er-Jahre für den Purismus und die Idee der berufstätigen Frau sehr relevant.

Sie gehörte damals zur Weltspitze.

Absolut. Was mich beeindruckt, ist wie sie alles – Lebensstil, Materialien oder die Werbung – ausbalanciert hat. Ein perfektes Zusammenspiel. Es ging um Luxus und Moderne, Reinheit, Qualität. Dieser Purismus hat damals sehr gut funktioniert. Doch Mode ist stark vom Zeitgeist abhängig.

Jil Sander ist seit 2004 nicht mehr im Unternehmen. Es wäre interessant gewesen zu sehen, wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt hätte.

Es ist die persönliche Entscheidung eines jeden Designers, ob er das große Geschäft will oder lieber in seiner Nische bleibt. Sie hatte sich für das große Geschäft entschieden. Wenn man diesen Sprung wagt, dann bedient man ein großes Publikum, leitet ein großes Unternehmen und trägt die Verantwortung für viele Mitarbeiter. Da gibt es keine Alternative. Mode von Unternehmen dieser Größe wird daher viel stärker von den Bedürfnissen des Publikums bestimmt, als viele glauben.

Wenn man über Sie liest, klingt das oft sehr deutsch: „Er geht der Sache auf den Grund“, „nimmt die Dinge ernst“.

(Lacht) Ich komme eben auch aus dem Norden! Die Belgier wurden oft für ihre Mode kritisiert: zu depressiv, zu ernst. Lange war Mode für mich ernsthaft und tief: Konzepte, Psychologie, Sozialverhalten spielten eine Rolle, warum sich Menschen bestimmten Bildern verbunden fühlen. Aber Mode hat eben auch eine andere Seite, die nicht so ernst ist. Sie hat auch etwas Flüchtiges und ich versuche nun eine Balance zu finden. Ich möchte mit meiner Mode etwas schaffen, das Bedeutung und zugleich etwas Spielerisches hat. Mode ist stark abhängig vom jeweiligen Land. In Italien ist die Mode sehr lässig.

Dort geht es unmittelbarer um die Schönheit, um Leichtigkeit, Heiterkeit.

Voilà! Früher habe ich das kritisiert, heute nicht mehr. Man muss wissen, dass für die übrige Welt der Mode die reine Schönheit genauso bedeutsam ist. Auch wenn es für mich persönlich nicht so wichtig ist. Das muss man verstehen, wenn man wirklich etwas in der Welt der Mode erreichen will. Man kann nicht gegen das System arbeiten.

13.01.2010
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