Als der – inzwischen mit der in Deutschland höchstmöglichen Strafe zu lebenslanger Haft verurteilte – Russlanddeutsche Alex W. im Juli 2009 die Ägypterin Marwa El-Sherbini im Dresdner Landgericht kaltblütig erstach, wurde in den ägyptischen Medien heftig über diese Bluttat debattiert. In Deutschland reagierten Öffentlichkeit und Politik verspätet auf den Mord. Zu spät, fand Esther Saoub, die Kairo-Korrespondentin des deutschen Hörfunks der ARD in Kairo. In einem Kommentar für die ARD sagte sie am 10. Juli: „Marwa El-Sherbini hat von einem Bürgerrecht Gebrauch gemacht, das wir alle, wenn nötig, in Anspruch nehmen wollen. Sie hat den Rechtsstaat um Hilfe gebeten gegen Alex W., der sie als Terroristin beschimpfte, weil sie ein Kopftuch trug. Sie hat den Mut gehabt, sich zu wehren und fiel doch dem Hass ihres Gegners zum Opfer. Der Mord an Marwa betrifft uns alle.“ Esther Saoubs Meinung wird gehört. Die ARD, Deutschlands größter Anbieter von TV- und Hörfunkprogrammen, sendet im ganzen Land auf 62 Radiowellen. Fast täglich läuft ein Beitrag von ihr in irgendeinem Programm. Jeden Tag schalten nahezu 37 Millionen Menschen in Deutschland einen der ARD-Radiosender ein.
Das Verhältnis zwischen dem Westen und der arabischen Welt ist nicht selten von Vorurteilen, Missverständnissen und gegenseitigen Schuldzuweisungen geprägt. Die Arbeit von Esther Saoub besitzt deshalb einen besonderen Stellenwert. Radio hören ist populär in Deutschland. Am Frühstückstisch, morgens im Bad, auf dem Weg zur oder von der Arbeit im Auto – fast immer läuft ein Radioprogramm. Zum Berichtsgebiet von Esther Saoub gehören neben Ägypten auch Saudi-Arabien, Libyen, der Oman, der Jemen und der Sudan. Millionen von Deutschen erfahren von den Ereignissen in diesen Ländern durch Esther Saoub. „Ich spüre, dass das eine große Verantwortung ist“, sagt die 40-Jährige. „Ich lese mir meine Manuskripte deshalb lieber zweimal durch.“ Professionalität und Sachkunde sind die Werkzeuge, mit denen Esther Saoub dieser Verantwortung gerecht wird. Die eigene Meinung behält sie ihren Kommentaren vor. In den Berichten und Reportagen hingegen will sie ein neutraler und fairer Spiegel der Ereignisse sein. Manchmal wird sie von Programmredakteuren in Deutschland gebeten, sich einem bestimmten Thema zu widmen. „Meistens entscheide ich allerdings allein, welche Beiträge ich produziere. Inhaltliche Vorgaben gibt es nicht. So versuche ich immer wieder, vergessene Konflikte ins öffentliche Bewusstsein zu bringen, den Bürgerkrieg im Nordwesten des Jemen etwa.“ Ihre Beiträge produziert Esther Saoub dann im digitalen Kairoer ARD-Studio. Sie spricht und schneidet die Stücke selbst und überspielt sie nach Deutschland. Dort brauchen die Sender die Audiodateien nur noch per Mausklick abzuspielen.
Von Vorteil ist, dass es sich bei der ARD um ein öffentlich-rechtliches Medienunternehmen handelt, vergleichbar mit der BBC in Großbritannien. Die ARD ist weder ein Sprachrohr der deutschen Regierung, noch ist sie dazu da, Profite zu erwirtschaften. Sie wird mit Gebühren finanziert, die jeder Deutsche entrichten muss, sobald er einen Rundfunkempfänger besitzt. Esther Saoub kann sich ganz darauf konzentrieren, seriös zu informieren, denn das ist ihr Auftrag. Ihre Expertise erarbeitet sich die Journalistin auf ausgedehnten Recherchereisen durch die Länder ihres Berichtsgebietes. Wenn sie zum Beispiel aus dem Sudan, dem Jemen, Libyen oder Saudi-Arabien zurückkehrt, hat sie mit Menschen aus allen Schichten, mit Fachleuten, Politikern und Menschenrechtlern geredet. Sie bringt Tonaufnahmen mit, die sie zu längeren Hintergrundberichten und Reportagen verarbeitet. Und sie hat neue Konatkte im Notizbuch. Die nutzen ihr vor allem dann, wenn die Zeit nicht reicht, um bei aktuellen Ereignissen vom Schauplatz des Geschehens zu berichten. Darüber hinaus verfolgen sie und ihre ägyptische Assistentin im Kairoer Studio arabische Fernsehprogramme. Sie werten die Meldungen der Nachrichtenagenturen aus sowie die jeweilige Landespresse. Wenn sich irgendwo in der Region Geiselnahmen oder Bombenattentate ereignen, können die Redaktionen in Deutschland keinen ganzen Tag warten, bis ihre Korrespondentin endlich am Ort des Geschehens eingetroffen ist. Esther Saoub berichtet dann aus Kairo, notgedrungen mit Informationen aus zweiter Hand.
Mit diesen Infos muss sie kritisch umgehen, denn sie kann sie in diesem Falle nicht eigenhändig überprüfen. Ihre akademische Ausbildung hilft ihr dabei. Esther Saoub hat Islamwissenschaften studiert. Und wohl kaum ein deutscher Journalist kann so gut Hocharabisch wie sie. Nebenher hat sie auch den syrischen Dialekt gelernt und seit sie in Kairo lebt den ägyptischen. Die Einheimischen sind oft verblüfft, wenn sie sie reden hören. „Bei manchen Interviewpartnern habe ich das Gefühl, dass sie gar nicht auf das hören, was ich sage, sondern nur darauf, wie ich das tue.“
Seit über drei Jahren lebt Esther Saoub mit ihrer Familie in Kairo. Ihren Mann, einen Deutschen syrischer Abstammung, hat sie 1993 geheiratet. Das Paar hat zwei Töchter im Alter von vier und sechs Jahren. 2011 wird die Familie nach Stuttgart zurückkehren, in ihre Heimatstadt. Esther Saoub lebt gern in Ägypten und genießt auch ihre Reisen in andere arabische Länder. „Überall begeistert mich immer wieder die große Freundlichkeit und das Entgegenkommen der Leute.“














