Er würde gern mal wieder frieren, dachte Corvin P. Eidens sich am kältesten Tag seines Aufenthalts in Kolumbien. Es waren 30 Grad Celsius, gerade entnahm er Proben des vor der Küste gelegenen Korallenriffs. Kolumbien gehört zu den artenreichsten Ländern – ein Paradies für Meeresforscher – trotz der Hitze. „Die Artenvielfalt hier ist atemberaubend, gerade für Biologen“, sagt Eidens. Der Doktorand der Biologie erforscht nahe der Stadt Santa Marta den Temperatureinfluss auf Korallenriffe in der südlichen Karibik. Das Besondere daran: Eidens ist einer der ersten Studierenden am neu gegründeten Exzellenzzentrum „CEMarin“ der Universität Gießen, das die Küstengewässer Kolumbiens und ihre nachhaltige Nutzung erforscht. Das Zentrum in Santa Marta wird durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) mit insgesamt 1,5 Millionen Euro im Rahmen der Außenwissenschaftsinitiative des Auswärtigen Amts gefördert – als eines von weltweit insgesamt vier Exzellenzzentren für Forschung und Lehre. „Es soll eine führende Rolle in den Marinen Wissenschaften in der Region einnehmen“, sagt Professor Thomas Wilke, Programmdirektor des „CEMarin“ und Leiter der Arbeitsgruppe Spezielle Zoologie und Biodiversitätsforschung an der am Zentrum beteiligten Justus-Liebig-Universität Gießen. „Kolumbianischen und deutschen Nachwuchswissenschaftlern wird hier eine forschungsintensive, interdisziplinäre Ausbildung geboten, wie sie in dieser Breite bisher einzigartig ist“, so Wilke.
Doktoranden aus den Disziplinen Meeresbiologie, Chemie, Ozeanografie, aber auch aus den Geowissenschaften und der Sozioökonomie forschen im „CEMarin“ gemeinsam. „Wir nehmen jedes Jahr zehn bis 14 neue Doktoranden auf“, sagt Wilke. In dem Promotionsprogramm sollen sie auf eine Führungsrolle in der Meeresforschung vorbereitet werden. Schwerpunkte sind dabei Umweltveränderungen und globale Erwärmung. Die kolumbianischen Studenten werden dazu bevorzugt am deutschen Wattenmeer forschen, die deutschen Doktoranden gehen wie Biologe Eidens an die Pazifikküste Kolumbiens. Das Land verbindet mit Deutschland eine lange gemeinsame Geschichte in der Meeresforschung. Die Universität Gießen errichtete in Santa Marta bereits 1963 eine biologische Außenstation und baute diese im Laufe der Jahre zum Meeresforschungsinstitut „INVEMAR“ aus. Diese Zusammenarbeit gipfelt nun im neu gegründeten Exzellenzzentrum „CEMarin“.
Auch das Heidelberg Center Lateinamerika (HCLA) in Santiago de Chile wurde vom DAAD als zweites Exzellenzzentrum in der Region ausgezeichnet. In den kommenden fünf Jahren wird die Außenstelle der Universität Heidelberg in Santiago Chile mit 2,1 Millionen Euro gefördert. Ein Ziel des HCLA ist es, deutsche akademische Exzellenz nach Chile zu exportieren, um Lehr- und Forschungsnetzwerke mit lateinamerikanischen Universitäten aufzubauen. In Kooperation mit der Ponticifia Universidad Católica und der Universidad de Chile, wurden bislang zwei Schwerpunkte angeboten: Internationales Recht und Psychotherapie. Nun kommen an dem 2002 gegründeten Center weitere Fächer hinzu: Astronomie, Umwelt- und Geowissenschaften, Medizinische Informatik und Medizinische Physik. Im Bereich Astronomie wird gemeinsam mit der Universidad Católica ein Promotionsprogramm für deutsche und chilenische Studierende eingerichtet. Diese werden dabei mindestens ein Jahr an der jeweils anderen Universität studieren. „Chile bietet für Astronomen ausgezeichnete Forschungsbedingungen“, sagt Eckel, „zahlreiche internationale, mit Hochleistungsteleskopen ausgestattete Observatorien stehen hier.“
In den Geowissenschaften wird derzeit ein Masterstudiengang aufgebaut. Die ersten fünfzehn Studierenden werden im August 2011 erwartet. Außerdem wurden gemeinsame Forschungsprojekte vereinbart. Eines wird sich mit der Wassergewinnung aus Nebel in der Atacama-Wüste befassen. Zusätzlich wurde im Januar 2011 ein Zertifikatskurs zum Thema „Klimawandel und nachhaltige Wasserbewirtschaftung” durchgeführt. Andrea Lucas war eine der Teilnehmerinnen. Die Juristin aus Argentinien promoviert derzeit über das Thema Umweltrecht. „Besonders interessant war der interdisziplinäre Anspruch des Kurses“, sagt sie. Von Professoren aus Kolumbien, Argentinien, Mexiko und Heidelberg wurde sie in den Grundlagen von Soziologie, Biologie, Anthropologie und weiteren Fächern, die das Thema Klimawandel tangieren, unterrichtet. „Dieser Ansatz ist in Lateinamerika neu“, sagt Lucas und lobt besonders das fundierte Wissen der deutschen Dozenten zum Thema Klimawandel und Umweltschutz.
Auch in den Fächern Medizinische Informatik und Medizinische Physik ist ein Knowhow-Transfer von Deutschland nach Chile geplant. In beiden Fächern werden derzeit Masterstudiengänge vorbereitet. Die Studierenden der Medizinischen Physik werden vor allem von der Kooperation mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum profitieren. „Während in Deutschland bei jeder Strahlenbehandlung per Gesetz ein Medizinphysiker anwesend sein muss, gibt es diesen Beruf in Chile noch gar nicht“, so Eckel. Ziel sei es, gemeinsam mit der Universidad Católica den Studiengang „Medical Radiation Physics“ aufzubauen, in dem Medizinphysiker für Lateinamerika ausgebildet werden. Neuland ist in Chile auch die Disziplin der Medizinischen Informatik. „In diesem Fach wird das gesamte Gesundheitswesen Chiles von der deutschen Expertise profitieren“, so Eckel. Die Absolventen des Masterstudiengangs sollen in der Lage sein, moderne Informationssysteme im Gesundheitswesen zu entwickeln. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Telemedizin. „Sie ermöglicht, dass sich Ärzte in entlegenen Regionen etwa über Internettelefonie von Experten großer Kliniken bei der Behandlung von Patienten beraten lassen“, sagt Eckel. Die Anschubfinanzierung durch den DAAD ermöglicht diese ehrgeizigen Projekte. Nach Ablauf der fünfjährigen Förderphase sollen sich die neuen Studiengänge durch Gebühreneinnahmen selbst tragen.////















