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Forschung

Partner am Polarkreis

Die Polarforschung zählt zu den tragenden Säulen der deutsch-russischen Wissenschaftskooperation. Einrichtungen wie das renommierte Otto-Schmidt-Labor bieten nicht zuletzt jungen Forschern wertvolle Chancen.

Von Benjamin Haerdle

Jens Hölemann freut sich auf den März – aber nicht, weil dann in Deutschland der Frühling beginnt. Nein, der promovierte Meeresgeologe am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven macht sich dann auf die Reise ins ewige Eis. Als Teil einer deutsch-russischen Expedition fährt Hölemann für sechs Wochen in die Laptewsee im Nordpolarmeer. „Das ist für mich immer wieder etwas besonderes“, sagt der 51-Jährige, der bereits unzählige Male in der Arktis war.

Seit 1992 untersuchen deutsche und russische Forscher in der Zentralarktis die Wechselwirkung zwischen Atmosphäre, Eis und Ozean. Davon versprechen sie sich wichtige Hinweise auf den Klimawandel. „Die Arktis ist eine ganz wichtige Klimakomponente. Ohne sie wäre ein Verständnis des Klimas in Nordeuropa unmöglich“, sagt Hölemann. Schon jetzt können die Wissenschaftler belegen, dass arktische Randmeere wie die Laptewsee immer später zufrieren und früher auftauen. „Die Saison der Eisbedeckung hat von zehn auf neun Monate abgenommen“, sagt er. Das kann auch Auswirkungen auf das Klima in Deutschland haben, wie Polarforscher gerade diskutieren. Hölemann: „Weil die spätere Eisbedeckung in den arktischen Randmeeren Sibiriens die Austauschprozesse zwischen Ozean und Atmosphäre verändert, könnte das womöglich ein Grund für die Kälteeinbrüche sein, die im frühen Winter hohe Minusgrade und viel Schnee nach Nordeuropa und Nordamerika bringen.“

Die binationale Expedition im Frühjahr in die Laptewsee nach Sibirien ist aber nur ein Beispiel für die seit vielen Jahren florierende deutsch-russische Kooperation auf dem Gebiet der Meeres- und Polarforschung. Knotenpunkt der Zusammenarbeit ist das Otto-Schmidt-Labor (OSL) für Polar- und Meeresforschung, dem Hölemann auch als einer von insgesamt fünf Direktoren vorsteht. Benannt nach dem russischen Polarforscher Otto Yulievich Schmidt, gründeten Deutsche und Russen im Jahr 2000 das OSL am russischen Arktis- und Antarktis-Forschungsinstitut (AARI) in St. Petersburg.

Das OSL, das das AWI und das AARI gemeinsam betreiben, ist Anlaufstelle und damit idealer Dienstleister für deutsch-russische Forschungsprojekte, da es mit einem modernen Labor und Messgeräten, einem Computerzentrum sowie einer virtuellen Bibliothek mit Zugang zu mehr als 10000 Publikationen ausgestattet ist. Darüber hinaus stärkt es den wissenschaftlichen Nachwuchs: Jedes Jahr können dank der mehr als 40 vom Bundesforschungsministerium geförderten Stipendien 15 russische Wissenschaftlerteams mit Masterstudierenden und Doktoranden am OSL forschen. Hölemann sieht in den jungen Ozeanographen, Meteorologen, Geowissenschaftlern oder Biologen die Kooperationspartner der Zukunft: „Wir bekommen so auf russischer Seite hervorragend ausgebildete Polarforscher, mit denen wir auf hohem wissenschaftlichen Niveau zusammenarbeiten können“, sagt er. Gäbe es diese Förderung nicht, könnten etliche der jungen Nachwuchsforscher nicht an gemeinsamen Forschungsarbeiten teilnehmen. Für sie wäre es sehr schwierig, in Russland Drittmittel einzuwerben. Aber nicht nur deshalb hört man auf russischer Seite nur Positives zum OSL. „Dank des OSL erhöht sich das Niveau der Forschungsarbeiten“, sagt etwa Prof. Dr. Leonid Timokhov, einer der Initiatoren des binationalen Instituts.

Wichtig ist das OSL aber auch für deutsche Forscher, weil damit die deutsch-russische Kooperation auf festen Füßen steht. „Davor gab es das Problem, dass man sich im Drei-Jahres-Rhythmus von einem Projekt zum nächsten hangelte“, erklärt Hölemann. Dies sei nun gelöst. Mit dem OSL hätten deutsche Wissenschaftler besseren Zugang zu russischen Experten und könnten beispielsweise schneller Proben aus der Arktis analysieren. International hat das Konstrukt bereits Schule gemacht: Norweger und Kanadier haben ähnliche Arbeitslabore aufgebaut, um Kooperationen mit russischen Polarexperten zu fördern.

Politisch verankert ist die deutsch-russische Zusammenarbeit in der 1995 beschlossenen Fachvereinbarung „Polar- und Meeresforschung“. Seitdem folgten zahlreiche Kooperationsprojekte, zu denen auch das im Jahr 2002 ins Leben gerufene Master-Programm für angewandte Polar- und Meereswissenschaften (POMOR) zählt. In dem zweijährigen Kurs an der Staatlichen Universität St. Petersburg vermitteln russische und deutsche Dozenten den Studierenden natur-, ingenieur- und wirtschaftswissenschaftliche Kenntnisse in den Meeres- und Polarwissenschaften – eine Spezialisierung, die nach Ansicht des russischen POMOR-Projektleiters Nikolai Vladimirovitsch Kaledin andere Forschungseinrichtungen weder in Deutschland noch in Russland im Repertoire haben. „POMOR bildet einzigartige Spezialisten für die Arktis- und die Antarktisforschung aus“, sagt der Hochschulprofessor und Rektor für Bildung an der Universität St. Petersburg. Einen wesentlichen Vorteil sieht er in dem gegenseitigen Erfahrungsaustausch. „Wir lernen viel von unseren deutschen Kollegen, zeigen ihnen aber gleichzeitig auch, was sie nicht kennen“, erklärt Kaledin.

Viele der POMOR-Absolventen führten später ihre Doktorarbeit in deutsch-russischen Forschungsprojekten durch, sagt Dr. Heidemarie Kassens, deutsche Projektleiterin und Wissenschaftlerin am Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR). Zum Beispiel im Arktischen Ozean oder im Lena-Delta in Sibirien. Die deutsch-russische Samoylow-Station im Lena-Delta bekam im Sommer 2010 hohen Besuch in Person von Wladimir Putin. Der russische Ministerpräsident zeigte sich sehr interessiert an den Untersuchungen im Dauerfrostboden und sicherte zu, Mittel in Millionenhöhe für den Bau eines neuen Stationsgebäudes und für einen jährlichen Expeditionsfonds zur Verfügung stellen zu lassen.

Das Geld tut dringend Not, denn der Forschungsbedarf in der Arktis hat in Zeiten des Klimawandels immens zugenommen. Veränderungen sind gerade im hohen Norden besonders dramatisch sichtbar. „Nirgendwo in der Welt gibt es seit einigen Jahren einen höheren Temperaturanstieg im Winter als in der Arktis“, sagt Jens Hölemann. Deshalb sei es wichtig, sich möglichst schnell wissenschaftlich auszutauschen. Dazu will auch der Polarforscher seinen Teil beitragen, wenn er im März Richtung Arktis aufbricht.////

27.01.2011
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