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„Ohne das Engagement der Menschen geht es nicht “

Professor Dr. Helmut K. Anheier über die Zivilgesellschaft in Deutschland, die Vernetzung des globalen Engagements und die Frage, warum der Einsatz der Bürger für eine freiheitliche Gesellschaft unabdingbar ist

Herr Professor Anheier, im November 2009 erscheint die von Ihnen verfasste „International Encyclopedia of Civil Society“. Was werden wir darin über die deutsche Zivilgesellschaft erfahren?

Vieles über die verschiedenen ­Facetten der Zivilgesellschaft in Deutschland. Etwa über das Prinzip der Subsidiarität, das festlegt, wie die Rollen der Gesellschaft und des Staates miteinander verzahnt sind. Das ist das Prinzip der dezentralen Abwicklung öffentlicher Aufgaben, das es in der Art in wenigen anderen Ländern gibt. Auch die Entwicklung der Zivilgesellschaft ist in Deutschland anders verlaufen. In den USA wurde von Anfang an darauf geachtet, auf Distanz zum Staat zu gehen und eher eine starke lokale Gesellschaft aufzubauen, die sich oft im Widerspruch zur Konzentration politischer Macht in Washington sah. In Frankreich entwickelte sich eher das umgekehrte Modell. Dort gab es nach der Revolution von 1789 eine Konzentration der Macht in Paris. Und das ist bis heute so geblieben. Deutschland ist ein Mittelweg aus beiden Modellen. Hier lebte die Zivilgesellschaft relativ spät mit dem Aufstieg von ­Preußen auf und entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik Deutschland harmonisch weiter.

Wo steht die deutsche Zivil­gesellschaft im internationalen Vergleich, etwa mit den USA?

Die Vereinigten Staaten gelten beim Thema zivilgesellschaftliches Engagement ja häufig als Vorbild. Aber Deutschland ist nicht so weit weg von dem, was in den USA passiert. Dort gibt es zwar ein höheres Maß an Engagement, was aber wiederum viel mit der weiter verbreiteten Religiosität zu tun hat. Doch zeichnet sich in der Bundesrepublik seit etwa zehn Jahren eine interessante und positive Entwicklung ab. Die Politik fördert immer stärker das bürgerschaftliche Engagement und das Ehrenamt. Da sind sich alle großen Parteien einig.

Sie sind wissenschaftlicher ­Direktor des Heidelberger Centrums für soziale Investitionen und Innovationen. Dort forschen Sie am Kräfteverhältnis von Staat, Wirtschaft und dem Dritten Sektor. Wie stark hängen die drei gesellschaftlichen Säulen voneinander ab?

Sehr stark. Noch vor zehn, 15 Jahren wurde der ganze Bereich der Zivilgesellschaft kaum thematisiert. Wichtig war die Rolle des Staates oder die Rolle der Wirtschaft. Dass es da noch einen dritten Bereich gibt, ist erst langsam in das Bewusstsein der Politik- und Sozialwissenschaftler getreten. Wir haben für den Titel unseres Forschungszentrums bewusst die Bezeichnung soziale Investitionen und nicht Zivilgesellschaft gewählt. Denn uns interessiert, wie Gesellschaften, in denen der Staat die ­Eigenverantwortung der Bürger stärker hervorhebt, in ihre eigene Zukunft investieren. Wer kümmert sich um das öffentliche Gut im Deutschland des Jahres 2030? Das ist eine Frage, die wir beantworten wollen.

Die Forderung nach größerer ­individueller Verantwortung ist nicht nur in Deutschland zu ­hören. Die Globalisierung übt auf die Gesellschaften weltweit ­gewaltigen Druck aus. Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Zivilgesellschaft in der globalisierten Welt?

Es zeichnet sich der Trend ab, dass sich die Zivilgesellschaften – und hier vor allem die Nichtregierungsorganisationen – der einzelnen Staaten immer stärker miteinander vernetzen. Auch die Kooperation der Zivilgesellschaft mit transnationalen Regierungsstellen und Unternehmen wird immer enger. Die Probleme, die die globalisierte Welt hat, können kaum noch von nationalstaatlichen Institutionen gelöst werden. Das sehen wir ja gerade in der Finanzkrise. Oder beim Umweltschutz. Die Vereinten Nationen sind als Institution ebenfalls häufig zu schwach. Darum fällt hier der Zivilgesellschaft eine ganz zentrale Rolle zu. Ein Beispiel: Die Berliner Nichtregierungsorganisation Transparency International, die sich in der Korruptionsbekämpfung engagiert, hat wesentlich dazu beigetragen, dass es inzwischen tatsächlich eine höhere Transparenz in Regierungen gibt und dass der Druck auf korrupte Staaten wächst.

Sie haben das Engagement in der Zivilgesellschaft als soziale Investition bezeichnet. Welchen „Zins“ erbringt dieser Einsatz für das Gemeinwohl?

Der Zins ist darin zu sehen, dass das geleistete Engagement nicht mehr aus der Gesellschaft wegzudenken ist. Denken Sie an den Park vor Ihrer Haustür, denken Sie an die Arbeit Ihres Sportvereins. Wer soll die Pflege der Grünanlage oder das Training von Fußballern übernehmen? Das kann der Staat ­machen, aber dafür müssen die Bürger Steuern zahlen. Das kann der Markt machen, aber dafür müssen Gebühren an Dienstleister gezahlt werden. Oder die Menschen nehmen es selbst in die Hand. Der Zins, oder besser gesagt, der soziologische Sinn liegt darin, dass über die Teilhabe an einem gemeinsamen Projekt eine Gemeinschaft entsteht. Das ist für eine freiheitliche Gesellschaft wie die unsere sehr wichtig.

Interview: Rainer Stumpf

Prof. Dr. Helmut K. Anheier

lehrt an der Universität Heidelberg Soziologie und ist wissenschaftlicher Direktor des Centrums für soziale Investitionen und Innova­tionen. Er ist außerdem Professor an der University of California in den USA. Inhaltliche Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Zivilgesellschaft und der Nonprofit-Sektor.

25.05.2009
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