Die jüngste Rundes des Deutsch-Arabischen Mediendialogs fand am 18. und 19. Oktober 2009 in der syrischen Hauptstadt Damaskus statt – zum ersten Mal, seitdem 1997 in Heidelberg der deutsch-arabische Mediendialog begann. Dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) aus Stuttgart war es mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes in diesem Jahr gelungen, das Syrian International Academy for Training and Development (SIA) aus Damaskus als Kooperationspartner zu gewinnen. Die Konferenz mit dem Thema „Medien und Transformationsprozesse“ bemühte sich darum, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungsprozesse in der arabischen Welt auf die Berichterstattung in den deutschen und arabischen Medien zu beziehen. Werden diese den Herausforderungen gesellschaftlicher Umbrüche gerecht? Welche Rolle können sie im Rahmen dieser Prozesse spielen? Diese und verbundene Fragen bildeten den Rahmen des Mediendialogs in Damaskus.
In den Vorträgen und Diskussionen stellte sich ein weitgehender Konsens heraus, dass die Berichterstattung der internationalen Medien über die arabischen Länder sich häufig auf Gewaltakte und Konflikte konzentriert, und dass auf diese Weise Stereotype noch verstärkt werden. Aber auch die Berichterstattung arabischer Medien über Deutschland ist weit davon entfernt, ein realistisches Bild zu zeichnen: Professor Ali ar-Ramal, Medienwissenschaftler der Libanesischen Universität Beirut, präsentierte etwa die Ergebnisse seiner Untersuchung zweier libanesischer Zeitungen. Andrea Nüsse vom „Tagesspiegel“ aus Berlin fragte daran anschließend, ob man in Deutschland bezogen auf den Nahen Osten nicht viel weniger über Politik berichten solle, da gerade beim Nahostkonflikt ohnehin Lähmung herrsche, sondern viel mehr über Kultur und Gesellschaften im arabischen Raum. Auch Abdulla Rasheed Al Hammadi, Abu Dhabi Editor der „Gulf News“ und Vorsitzender der Journalistenvereinigung von Abu Dhabi unterstrich die Notwendigkeit, stärker auf gesellschaftliche als auf staatliche Prozesse zu setzen.
So wurde die Aufmerksamkeit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer stärker auf die Prozesse des gesellschaftlichen und ökonomischen Wandels in den arabischen Gesellschaften gelenkt, die von vielen Journalisten nicht angemessen wahrgenommen würden, so meinten die meisten Diskussionsteilnehmer. Professor Nader Fergany, Direktor des Almishkat Center for Research in Kairo, stellte eine nüchterne Bilanz der wirtschaftlichen Reformpolitik der meisten arabischen Regierungen vor. In den arabischen Ländern sei hinter der Fassade wirtschaftlicher Reformen und der Liberalisierung ein „entfesselter Kapitalismus“ entstanden, der zugleich den Wettbewerb und die Effizienz der Volkswirtschaften zerstöre und monopolistischen Charakter trage. Zugleich habe sich der Staat als regulierende Instanz und aus wichtigen Bereichen wie Gesundheit und Bildung immer mehr zurückgezogen – das Ergebnis dieser Prozesse bestehe in einer wachsenden Polarisierung der Gesellschaft.
Andere Teilenehmer waren in ihrer Kritik weniger deutlich, stimmten aber oft zu, dass die Wirtschaftreformen in der arabischen Welt insgesamt bisher wenig erfolgreich seinen, so sahen es auch Professor Peter Uecker, Vizepräsident der German Jordanian University in Amman und Dr. Yusuf Mansur, Chief Executive Officer der Envision Consulting Group in Jordanien. Er berichtete allerdings darüber hinaus über die Chancen arabischer Länder durch neue Kommunikationstechnologien. Auch Hani Shukrallah vom „Al-Shorouk Newspaper“ in Kairo unterstrich deutlich die Defizite der Reformen, die statt zu Effizienz und Wachstum vor allem dazu führten, dass die Schere zwischen Arm und Reich sich weiter geöffnet habe.
In diesem Zusammenhang wurde auch über die Möglichkeit gesprochen, ob eine „soziale Marktwirtschaft“ nach deutschem Vorbild oder auf andere Art zu einem Modell wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Reform in arabischen Ländern werden könne. Samirah al-Massalmeh, Chefredakteurin der staatlichen Tageszeitung „Tishreen“ in Damaskus, erläuterte in einer schriftlichen Stellungnahme die neue syrische Orientierung auf eine soziale Marktwirtschaft, betonte aber zugleich den weiten Weg, der noch zurückzulegen sei. Sie unterstrich, dass ein solches Projekt nicht allein wirtschaftliche Reformen erforderte, sondern dass es alle gesellschaftlichen Bereiche erfassen müsse, um zu funktionieren.
In einem nächsten Diskussionsschritt thematisierten die Konferenzteilnehmer den Zusammenhang der angesprochenen Prozesse mit der Globalisierung und den damit verknüpften Veränderungen der Massenmedien und elektronischen Medien. Rudolph Chimelli, bekannter Journalist der „Süddeutschen Zeitung“ aus München erläuterte den gesellschaftlichen Wandel als Normalzustand, warnte aber eindringlich vor Versuchen eines Exportes politischer und wirtschaftlicher Modelle. Abbas Moussa von „Al Watan“ aus Doha betonte die Bedeutung der elektronischen Revolution in den Kommunikationsmedien für den gesellschaftlichen Wandel und warnte zugleich vor einer „elektronischen Kolonisierung“ und kulturellen Einflussnahme, die gerade auf jungen Leute und Jugendliche wirke.
Insgesamt demonstrierte der Mediendialog in Damaskus eine deutliche Veränderung der Diskussionskultur im Vergleich zu den späten 1990er-Jahren – der Grad der Offenheit, der kritischen Reflexion wurde von den Teilnehmern allgemein als erfreulich und sehr konstruktiv bewertet. Zugleich war man der Auffassung, dass in Zukunft stärker auf konkrete und praktische Möglichkeiten einer gemeinsamen Zusammenarbeit geachtet werden sollte, um die vielen Probleme der Medien bei einer objektiven, fairen und sachgerechten Berichterstattung nicht allein zu besprechen, sondern Schritte zu einer Überwindung zu unternehmen.














