Es war ein typischer, kalter Herbstabend – eigentlich die Zeit des Jahres, in der es sich die Berliner in Erwartung eines langen Winters zu Hause gemütlich machen. An diesem Abend aber lag eine fühlbare Spannung in der Luft, die Straßen bebten vor ungläubiger Aufregung. Und überall auf der Welt saßen Millionen gebannt vor dem Fernseher und erlebten mit, wie eine jahrzehntelange Pattsituation zu Ende ging. Die Welt blickte auf Deutschland.
„Natürlich weiß ich noch, wie ich davon hörte“, erinnert sich John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter in Deutschland und Schlüsselfigur der Diplomatie im Kalten Krieg. „Ich saß in einem Auto, war in Belgien unterwegs, und der Fahrer sprach nur Französisch. Ich verstand bloß, dass er etwas über ‚die Mauer, die Mauer’ sagte, und reimte mir zusammen, dass es irgendeinen Zwischenfall an der Berliner Mauer gegeben haben musste. Also schalteten wir auf BBC um, und dort erfuhr ich es: Es war nicht nur ein Zwischenfall; es war das Ende.“ Und es war der Beginn eines neuen Deutschlands: ein bald wiedervereinigtes Land, nicht länger abhängig von den USA, sondern wichtiger strategischer Partner für Amerika und Wirtschaftsmotor Europas. „Es geht nicht mehr nur um ein bilaterales Verhältnis“, sagt Kornblum. „Jetzt geht es um globale Beziehungen. Oder anders gesagt: In dieser neuen globalisierten Welt sind Deutschland und Amerika nun die wichtigsten Länder des Westens.“ Das neue Kräftegleichgewicht in der Welt lässt manche Experten zu der Schlussfolgerung gelangen, dass die Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland, und natürlich der EU, sich nur noch mehr festigen kann. „Beide Seiten haben keine Alternative“, sagt Jürgen Schnappertz, sicherheitspolitischer Berater im Auswärtigen Amt. „Jetzt, wo Länder wie China und Indien immer mächtiger werden, müssen wir unsere Ziele und Werte zusammenarbeiten lassen. Die USA brauchen einen strategischen Partner, und das ist Europa.“
Einigen wichtigen internationalen Fragen werden sich die USA und Deutschland in den kommenden Jahren gemeinsam stellen müssen – genannt seien nur der Krieg in Afghanistan, die angespannten Beziehungen zum Iran, die Weltwirtschaftskrise. Nachdem Deutschland kürzlich als nichtständiges Mitglied in den VN-Sicherheitsrat aufgenommen wurde, sind die Erwartungen entsprechend gestiegen: Das Land wird noch stärker als bisher eine führende Rolle in Europa übernehmen und in globalen Anliegen als Vorreiter auftreten müssen. „Deutschlands Außenpolitik ist vollkommen in die europäische Außenpolitik eingebettet“, sagt Dr. Johannes Thimm, Nordamerika-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). In außenpolitischer Hinsicht sind die USA und Deutschland heute eher einer Meinung als in den letzten zehn Jahren. So verpflichtete sich Präsident Obama zur Reduzierung atomarer Waffen, einem Ziel, das auch der deutsche Außenminister verfolgt; und die USA haben begonnen, mit Russland enger zusammenzuarbeiten, was ganz der Auffassung Deutschlands entspricht, das schon aufgrund seiner offenkundigen geopolitischen Interessen schon lange eine stärkere Einbindung Russlands in den Westen fordert. Auch im neuen Afghanistan-Kurs zeigt sich eine engere geistige Verwandtschaft. „Die Kombination ziviler und militärischer Instrumente ist eines der Schlüsselelemente der europäischen Sicherheitspolitik“, meint Jürgen Schnappertz. „Wir arbeiten jetzt besser zusammen.“ In ihrer historischen Rede vor dem US-Kongress im November 2009 hob auch Kanzlerin Merkel hervor, wie wichtig die Beziehung der beiden Länder sei, und verwies darauf, wie viel Deutschland der Unterstützung der USA bei der Wiedervereinigung verdanke. Neben allen Gemeinsamkeiten und erreichten Erfolgen sprach sie allerdings auch direkt an, was die größte Belastung für die Beziehung beider Länder sein könnte: Es brauche ein gemeinsames Handeln, um die Finanzkrise zu bewältigen und den Interessen Amerikas ebenso zu dienen wie denen Europas. „Um Wohlstand und Gerechtigkeit zu erreichen, müssen wir alles tun, damit sich eine solche Krise niemals wiederholt“, sagte Merkel. „Das bedeutet auch, nicht der Versuchung des Protektionismus zu erliegen.“
Deutschlands unerwartet erfolgreicher Weg aus der Krise, während die USA immer noch zu kämpfen haben, hat einige Experten bewogen, Amerikas Strategie zu überdenken. „Vielleicht können wir etwas voneinander lernen“, meint Dr. Andreas Etges, Professor für Nordamerikastudien an der Freien Universität Berlin, diplomatisch. „Das hat es ja lange nicht gegeben.“ Auch die geopolitische Denkfabrik Stratfor ist überzeugt, dass die deutsche Wirtschaft nur stärker werden wird. „Sehr interessant wird es sein zu beobachten, was im Zeitrahmen der nächsten zwei bis fünf Jahre passiert“, sagt Peter Zeihan, Stratfors Vizepräsident der Abteilung Geopolitische Analyse. „Vielleicht werden wir erleben, dass Deutschland seine Wirtschaftsmacht in politische Macht umwandelt.“ Zeihan schließt auch nicht aus, dass sich die beiden Länder gegenseitig in die Quere kommen könnten. „Wenn die deutschen und die amerikanischen Interessen weiter auseinander streben und Deutschland weniger Hemmungen hat, seine speziellen Interessen zu verfolgen, könnte sich das freundschaftliche Verhältnis ein wenig eintrüben.“ Umfragen aus neuerer Zeit zeichnen allerdings ein anderes Bild. Seit 2003, als die Kontroverse um den Irakkrieg auf ihrem Höhepunkt war und nur 45 Prozent der deutschen Bevölkerung auf der Seite der USA standen, hat sich das Amerikabild der Deutschen signifikant verbessert: Laut einer Umfrage vom Juni 2010 sind es jetzt schon wieder 63 Prozent. Umgekehrt kann sich auch Deutschland hoher Zustimmung in den USA erfreuen: Nach einer Gallop-Umfrage vom Februar 2010 beurteilen 80 Prozent der Amerikaner Deutschland positiv. Auch im kulturellen Austausch können wir einen aussagefähigen Gradmesser für eine sich entwickelnde Beziehung sehen. Die Zahl der Deutschen, die in den USA studieren, hat seit dem Ende der Regierung Bush stetig zugenommen. Auch mehr Amerikaner sehen Deutschland als guten Nährboden für Bildung. „Wir haben inzwischen nicht wenige amerikanische Studenten hier in Berlin an unserem Institut für Nordamerikastudien“, sagt Andreas Etges. „Den Blick auf die Vereinigten Staaten aus europäischer und deutscher Perspektive finden sie interessant.“
Am 20. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung betonte Präsident Obama, wie wichtig das gemeinsame Streben beider Länder nach Freiheit, Wohlstand und Stabilität für die ganze Welt sei. Die Botschaft wurde drei Tage später auf dem Deutsch-Amerikanischen Tag wiederholt, der jährlichen Feier zur Erinnerung an die ersten deutschen Siedler, die am 6. Oktober 1683 nach Amerika kamen. „Deutschland war immer der Mittelpunkt der amerikanischen Aufgabe in der Welt“, sagt John Kornblum. „Jetzt haben sich die deutsch-amerikanischen Beziehungen zu einer Kooperation weiterentwickelt, der es um den Erhalt eines globalen Netzwerks geht.“ Einundzwanzig Jahre nach den Ereignissen an der Berliner Mauer, die er in Belgien am Radio verfolgte, hielt John Kornblum, der Mitorganisator von Reagans berühmter Rede am Brandenburger Tor war und nach seiner Amtszeit als Botschafter im Jahr 2001 in Berlin geblieben ist, in New York eine Rede über „Das Ende der deutsch-amerikanischen Beziehungen“. An deren Stelle, hofft er, wird sich eine Partnerschaft entwickeln, die gewillt und in der Lage ist, in einer im Wandel begriffenen globalisierten Welt zu agieren.////
Die politische TV-Journalistin Jenny Hoff ist derzeit im Rahmen des einjährigen Stipendienprogramms der Robert Bosch Stiftung zur Förderung von amerikanischem Führungsnachwuchs im Auswärtigen Amt tätig.














