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Serie: Israelis in Berlin

Nicht ganz koscher

Mit seinen „Meschugge“-Parties bringt Aviv Netter die deutsch-israelischen Verhältnisse zum Tanzen. Netter gehört zu einer neuen Generation von Israelis, für die sich die deutsche Hauptstadt wieder fast wie Heimat anfühlt.

Von Lukas Grasberger

Aviv Netter packt gern den Hammer aus. Surrend saust das Plastikungetüm in den israelischen Landesfarben durch die Luft und landet federnd auf dem Kopf des Gegenübers. Der blau-weiße Hammer quietscht, Netter lacht. „Ich will mit meiner Party hier eine andere Seite von Israel zeigen“, sagt der 26-Jährige, und lässt seinen Blick durch den Club ZMF in Berlin-Mitte schweifen, wo am Abend seine monatliche „Meschugge“-Party steigen wird.

Aviv Netter kennt den Blick, den viele Deutsche auf Israel haben, verstellt von immer gleichen Bildern und Begriffen: Zuerst der Shoah, dann dem Nahost-Konflikt. „In den Fernsehnachrichten taucht Israel immer nur im Zusammenhang mit schrecklichen Dingen auf.“ Ihm aber gehe es um den „besonderen Witz“, den speziellen Humor der israelischen Gesellschaft, betont der Party-Macher, legt den Hammer beiseite und hängt noch ein paar Plastikwimpel mit Davidstern über sein DJ-Pult.

Hier, im Hinterhof, zwischen den Backsteinmauern des Szene-Bezirks Mitte, hat Aviv Netter einen Freiraum geschaffen für den großen Unernst, für den der Plastikhammer vielleicht das passendste Symbol ist: Ein unverzichtbares Accessoire für die Feste zum Unabhängigkeitstag, bei dem sich junge Israelis auch gern mal ausgelassen mit Rasierschaum besprühen. Der DJ aus Tel Aviv gehört zu einer neuen Generation von Israelis, deren Identität sich nicht mehr zu allererst aus Geschichte und Tradition speist. „The unkosher jewish night“ ist das Motto seiner „Meschugge“-Partynächte, mit denen Aviv Netter bei traditioneller lebenden Juden auch schon mal aneckt. „Ich mache meine Party für die jungen, offenen Israelis“, sagt Netter

Für Israelis, für die, wenn sie die große Reise nach dem Wehrdienst planen, Berlin als Sehnsuchtsort wieder genauso in Frage kommt wie Barcelona oder New York. In seiner Familie sei es üblich, mit Anfang zwanzig für zwei, drei Jahre ins Ausland zu gehen, sagt Netter. Auch er wollte in die USA, wie die meisten seiner fünf Geschwister. Doch dann fand er sich irgendwo in Brandenburg wieder, bei einen Jugendseminar. „Ich habe mich damals sofort in Berlin verliebt“, sagt der Party-Macher. „Mir war damals klar, dass ich hier leben möchte. In Berlin ist einfach Platz für Jedermann.“

Seine Familie konnte die Begeisterung kaum teilen: ,Warum, um Himmel, Berlin?‘ fragte der Vater, der auch noch mit der Entscheidung Aviv haderte, sich um den Armeedienst herumzuwinden. „Bei uns wurden deutsche Produkte boykottiert, jedes deutsche Wort war tabu. Auch wenn mein Vater jiddisch kann und Deutsch sicher verstanden hätte.“ Die Familie wollte Rücksicht nehmen auf Avivs mittlerweile verstorbene Großmutter, die Hitlers Schergen gerade noch entkommen war: Die Zionistin hatte Berlin Anfang der 30er-Jahre verlassen. Sie verlor fast die ganze Verwandtschaft im KZ.

„Letztlich“, glaubt Aviv Netter, habe seine Familie sein Faible für Deutschland und besonders Berlin dann doch akzeptiert. „Sie haben es aber auch akzeptieren müssen“, sagt er mit sanftem Blick, der über die Bestimmtheit seiner Worte hinwegtäuschen könnte. Netter zog schließlich nach Mitte, den alten jüdischen Bezirk Berlins – das Viertel, wo einst auch seine Großmutter lebte. „Für mich war klar: Wenn ich diese Party mache, dann hier in Mitte. Ich sehe meine Feste als Geschenk an eine Stadt, die einst so voll war mit jüdischer Kultur.“ Aber ers sagt auch: „ Ich will Berlin als eine neue Stadt begreifen, als eine andere als die, in der meine Großmutter gelebt hat.“

Es ist mittlerweile kurz vor Mitternacht, die Stimmung im ZMF ist am Kochen, und DJ „Aviv without a Tel“ zappelt hinter seinem Pult. Lässig baumelt eine lose Krawatte um seinen Hals, behände schält sich das schmale Energiebündel aus seinem Hemd, darunter trägt er ein Shirt von Aviv Geffen, dem israelischen Rock-Rebellen und Symbolfigur für einen echten Frieden mit den Palästinensern. Namensvetter Netter fächelt sich mit einer Schallplatte Luft zu, und tanzt schließlich selber zu seinem bunten, verqueren Mix aus Ofra Haza, Pet Shop Boys, israelischem Funk und hebräischen Volksliedern. Bunt gemischt wie auch das Publikum: Coole Clubgänger mit Hornbrillen, Charlottenburger Jüdinnen im eleganten Kleid, russisch sprechende Muskelpakete mit Davidstern-Anhänger um den Hals . Aviv Netter fühlt sich sichtlich wohl im liberalen bunten Clubleben der Stadt, in dem das israelische blau-weiß nur einen weiteren von vielen Farbtupfern darstellt.

Längst hat er Erfolg mit seiner zweiten Techno-Elektro-Partyreihe Cityboy, die er mit einem Freund veranstaltet, der weder israelisch noch jüdisch ist, wie mittlerweile die meisten seiner Freunde. „Jude oder Israeli zu sein, das allein ist mir als Basis für eine Freundschaft zu wenig“.

In Deutschland erst sei ihm seine jüdische Prägung bewusst geworden, sagt der junge Israeli. Hier habe er gemerkt, wenn ihm jüdische Gerichte fehlten, habe gemerkt, wenn ihm bei bestimmten Klezmer-Klängen warm ums Herz wurde. Erst hier wurde aus Aviv Netter ein - wenn auch ironischer - Kultur-Botschafter.

An Antisemitismus kann sich Netter indes kaum erinnern. Der Nationalsozialismus taucht nur manchmal, wie ein Gespenst aus der Vergangenheit auf. Neulich etwa habe er zufällig alte Fotos vom Brandenburger Tor gesehen. „Ein Platz, den ich täglich passiere, der auf den Bildern wie heute aussieht. Nur, dass er voll war mit Nazi-Flaggen. Das war wie ein Schlag ins Gesicht, das kannst du nicht beiseite schieben. Es ist für mich einfach noch immer da.“ Abschrecken lässt sich Aviv Netter von solchen Bildern nicht: “Es ist wichtig, zu wissen, wo man herkommt. Es ist aber genauso wichtig, zu wissen, wie stark du die Vergangenheit dein Leben beeinflussen lässt.“

Wird er in Deutschland bleiben? Kann Berlin so etwas wie Heimat für ihn werden? Aviv zögert, nimmt lieber noch einen Schluck von seinem Wodka-Red-Bull. „Ich kann mir gerade nicht vorstellen, an einem anderen Ort zu leben.“////

03.09.2010
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