Die Zahl klingt erschreckend: Mit rund 66 prozentiger Wahrscheinlichkeit wird sich in den nächsten 30 Jahren ein Beben der Intensität sieben oder stärker in der Region Istanbul ereignen. Zu diesem Ergebnis kam eine immer noch aktuelle Studie des United States Geological Survey (USGS) und der Technischen Universität Istanbul bereits im Jahr 2000. Die Untersuchung folgte auf das verheerende Erdbeben vom 17. August 1999 bei Izmit, das fast 20000 Menschen tötete. Damals reagierten die Verantwortlichen des Großraums Istanbul und der Marmara-Region mit dem Aufbau eines Erdbeben-Frühwarnsystems. Die Region an der die Schnittstelle zwischen der Anatolischen und der Eurasischen Platte soll jedoch künftig noch besser auf potentielle Beben in der Nähe von Istanbul vorbereitet sein.
Zurzeit beginnt der Ausbau des Frühwarnsystems mit innovativer Technik. Das Sensorennetzwerk, das im Rahmen des Projektes EDIM (Earthquake Disaster Information System for the Marmara-Region) unter Leitung der Universität Karlsruhe aufgebaut wird, ergänzt das bereits existierende Überwachungsnetz. Die bisherigen zehn seismologischen Stationen zur Erfassung von Erdbeben werden in den kommenden Monaten durch weitere zehn Instrumente verstärkt. Beteiligt an dem Ausbau ist auch das Kandilli Observatorium und Erdbeben-Forschungszentrum (KOERI) an der Universität Istanbul. Ein zusätzliches so genanntes selbstorganisierendes Netzwerk von Sensoren wurde an verschiedenen Orten Istanbuls installiert. Sie sind untereinander drahtlos verbunden, so dass selbst beim Ausfall einiger Stationen noch ausreichend Informationen zur Verfügung stehen. Diese innovative Kommunikationstechnologie wurde in Kooperation mit dem Helmholtz-Zentrum Potsdam, Deutsches GeoForschungsZentrum (GFZ) und der Humboldt-Universität Berlin entwickelt.
Im Fall eines Erdbebens werden alle Messdaten an ein Lagezentrum übertragen und dort analysiert. Dieses innovative Informationsmanagement erlaube es den Verantwortlichen, sich ein vollständiges Bild der Lage zu machen und effektive Entscheidungen schnell zu treffen. So sollen Folgeschäden wie Großfeuer durch zerrissene Gasleitungen und unterbrochene Stromleitungen minimiert werden. Der öffentliche Verkehr kann angehalten, Brücken und Tunnel gesperrt und die chemische Produktion gedrosselt werden. „Die Behörden werden zudem in die Lage versetzt, schnell Ort und Art der Schäden eines Bebens abzuschätzen“, sagt Professor Friedemann Wenzel vom Zentrum für Katastrophenmanagement und Schadensreduktion CEDIM an der Universität Karlsruhe. Der Wissenschaftler ist auch Projektkoordinator von EDIM.
Ähnliche Systeme werden bereits mit großem Erfolg in Japan eingesetzt und für Taiwan und Kalifornien entwickelt. Erstmals werden die Sensoren in Istanbul nun aber kabellos unter einander und mit dem Lagezentrum kommunizieren. Für den Fall, dass mehrere Stationen im Netz, die Stromversorgung oder die Telekommunikation der Region ausfällt, sind so immer noch genügend Daten abrufbar, die eine umfangreiche Analyse der Situation erlauben. Von 2010 an soll das Sensoren- und das Kommunikationsnetz funktionsfähig sein.














