Das Konzert beginnt. Eine junge Pianistin setzt sich an den Flügel. Klänge schweben durch den Salon. Die Besucher der sonntäglichen Matinee im Leipziger Mendelssohn-Haus genießen nicht nur die Musik, sondern auch das Ambiente: Hier lebte Felix Mendelssohn Bartholdy bis zu seinem Tod 1847. Hier komponierte der einstige Kapellmeister des Leipziger Gewandhauses sein bekanntes Oratorium „Elias“. Hier hat sich das Genie, wie ein Mittler zwischen barocker und romantischer Musik, um das Revival des seinerzeit vergessenen Johann Sebastian Bach bemüht.
Dieses spätklassizistische Gebäude und seine Veranstaltungen allein wären Grund genug für einen Leipzig-Besuch. Aber die Stadt in Sachsen hat noch mehr Musikgrößen als Mendelssohn zu bieten: Telemann, Bach, Grieg, Wagner, Schumann, Mahler, Lortzing, Janácek – all diese großen Namen verbinden sich mit der Stadt. Leipzig gilt nach Wien als der Ort, an dem sich die meisten Musikgenies mehrerer Epochen versammelten und an dem auch noch vieles davon erhalten blieb. Das durch die Messe reiche Bürgertum schuf Einrichtungen wie das Gewandhaus und die Oper, ein Konservatorium, Bibliotheken und eine Instrumentensammlung. Bei den Verlegern gaben sich die Komponisten die Klinke in die Hand. Edvard Grieg zum Beispiel. Wer bringt den berühmten Norweger spontan mit Leipzig in Verbindung? Aber hier hat er als junger Mann am Konservatorium Klavier und Komposition studiert. Im nach wie vor für Konzerte genutzten Musiksalon der Beletage – heute Grieg-Begegnungsstätte – spielte der aufstrebende Künstler dem Verlagsleiter des C. F. Peters Verlags seine Neukompositionen vor. In demselben Konservatorium wie Grieg studierte später auch der tschechische Komponist Leoš Janácek.
Um diesen vielfältigen musikhistorischen Schatz zu erschließen, hat Leipzig eine „Notenspur“ durch die Stadt gelegt: Deutschlands erster musikhistorischer Rundwanderweg. Fünf Kilometer Spaziergang verbinden 23 Stationen. Dazu zählen nicht nur die vielen Denkmale und all die „Hier-lebte-und-wirkte“-Stätten. Auch das traditionsreiche Kaffeehaus „Zum Arabischen Coffe Baum“ gehört zu den Fixpunkten der europäischen Musikgeschichte. Hier stand der Stammtisch, an dem Robert Schumann und sein Schwiegervater Friedrich Wieck debattierten, an dem die „Neue Zeitschrift für Musik“ erdacht wurde. Auch Wagner, Grieg, Lehár und Nikisch gingen hier ein und aus. Bislang stehen dem Musik-Reisenden auf der „Notenspur“ neben thematischen Stadtrundgängen aber nur verschiedene Drucksachen als Orientierung zur Verfügung. „Das wird sich 2011 ändern“, sagt Werner Schneider, Vorsitzender des Notenspur-Fördervereins. „Die Spur wird direkt ins Straßenpflaster gelegt und so den Weg zu allem Sehenswerten weisen.“ Hinzu kommen Klanginstallationen und eine Wand, die an die Leipziger Musikverlage und die Entwicklung der Notenschrift erinnern soll.
In Leipzigs Musikgeschichte gilt ein besonderes Engagement Richard Wagner. „Richard ist Leipziger!“, betonen die einheimischen Wagnerianer gerne. Zwar wurde das Geburtshaus des Komponisten nach dessen Tod abgerissen. Der Richard-Wagner-Verband Leipzig hat aber einen Rundgang zu Stationen des Komponisten zusammengestellt: Die Alte Nikolaischule, in der er als Jugendlicher lernte, die Thomaskirche, in der er getauft wurde, die Häuser, in denen er Musikerkollegen besuchte, sind Stationen der Notenspur.
Auch Johann Sebastian Bach hat sich tief in das Musikgedächtnis der Stadt eingeprägt. In Leipzig gründete er den heute weltbekannten Thomanerchor. Dabei hatte es der Kantor mit der Stadt nicht einfach – und umgekehrt. Da der Komponist Georg Philipp Telemann absagte, mussten sich die Ratsherren mit Bach begnügen. Der soll nach seiner ersten Chorprobe geklagt haben: „Ach was für ein krächzend Völkchen übernehm ich da, von den 55 Jungen können höchstens 30 singen!“ Mehr zu Bach erzählt seit Kurzem das nach dem Umbau wiedereröffnete Bach-Museum. Eines von vielen Beispielen dafür, dass in Leipzig Musik in der Luft liegt.////















