Als Ole Kristian Ruud den Abend weit nach 22 Uhr mit einer letzten Verbeugung beendet, sind nicht nur der Dirigent und seine Musiker vom „Ungdomssymfonikerne“, dem norwe-gischen Jugendorchester, ziemlich erschöpft. Auch die Zuschauer brauchen erst einmal eine Pause. Minutenlang haben sie applaudiert, haben zwei Zugaben eingefordert und bekommen, doch noch immer will der Applaus kein Ende nehmen. Schließlich jedoch strömen sie nach draußen: über die breite Freitreppe des Konzerthauses am Gendarmenmarkt, hinaus in die Berliner Nacht. Die Treppe selbst ist von einem blauen Teppich mit gelben Sternen bedeckt: Kein Wunder, denn jedes Jahr im August wird der Gendarmenmarkt für zwei Wochen zum „Ort der Stimme Europas“.
So jedenfalls formuliert es Gabriele Minz. Sie war einst Mit-Initiatorin von Young Euro Classic, heute leitet sie das Festival schon im elften Jahr. „Wir haben das musikalische Sommerloch in Berlin geschlossen“, sagt Minz. Der Erfolg gibt ihr Recht: Rund 26000 Besucher haben die Konzerte an den 17 Festspieltagen in diesem Jahr besucht – nicht schlecht für eine Stadt, in der Kultur nicht gerade als Mangelware gilt.
Doch Young Euro Classic ist nicht nur ein Festival, das auf gute Unterhaltung für Berliner Klassikfreunde zielt. Es öffnet auch einen Begegnungsraum für die jungen Musiker selbst, die nicht nur aus allen Ecken Europas, sondern – wie in diesem Jahr – auch aus China, Israel oder den USA kommen. Dabei müssen Gabriele Minz und ihr Team bei der Vorbereitung von Young Euro Classic oft erst einmal echte Grundlagenarbeit leisten, indem sie nicht nur etablierte Jugendorchester einladen, sondern auch die Gründung von neuen Ensembles anstoßen und begleiten. So hatte in diesem Jahr das Festivalorchester Südosteuropa bei Young Euro Classic seine gefeierte Premiere – ein bunt gemischtes Orchester, paritätisch besetzt mit Nachwuchsmusikern aus den verschiedenen Ländern Ex-Jugoslawiens sowie mit einigen deutschen Kollegen. Bereits im vergangenen Jahr hatte Dieter Rexroth, der künstlerische Leiter des Festivals, die Balkan-Region bereist, um Musiker für das Projekt zu gewinnen. Bald darauf tourten 17 junge Musikerinnen und Musiker über den westlichen Balkan, in diesem Jahr ist die Gruppe mit 49 Mitgliedern auf Orchesterstärke angewachsen.
„So eine Idee habe ich mir schon lange gewünscht“, sagt Martina Filjak. „Nun wird sie endlich umgesetzt.“ Für die international gefeierte Pianistin aus Kroatien war die Arbeit mit dem Festivalorchester Südosteuropa etwas Besonderes: „Leider hat der Krieg die Länder Ex-Jugoslawiens stark voneinander abgeschottet“, sagt sie. „Deshalb war es sehr berührend zu sehen, wie gut sich die Musiker nach zwei Wochen verstanden haben.“ Nach dem Auftritt in Berlin ging das Orchester wieder auf Konzertreise – dieses Mal nach Kroatien und Montenegro. „Wichtig ist, dass die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Ländern gefördert wird“, sagt Festival-Leiterin Minz. „Das versuchen wir mit dem Projekt, das aus der Region selbst heraus kaum entstehen könnte.“
Auch bei der Finanzierung ist Minz neue Wege gegangen – und deshalb zuversichtlich, dass es das Orchester auch in den kommenden Jahren weiter geben wird. Denn während die beiden Tourneen vom Auswärtigen Amt finanziert wurden, haben den Berliner Auftritt der jungen Musiker so genannte Orchesterpaten mit privaten Spenden ermöglicht.
Wer wissen möchte, wie solch eine musikalische Erfolgsgeschichte weitergehen kann, muss mit Fuad Ibrahimov sprechen. Vor zwei Jahren nahm der junge Dirigent mit der Jungen Philharmonie Aserbaidschan zum ersten Mal an Young Euro Classic teil – auch dieses Orchester war erst auf Initiative des Festivals gegründet worden. „Wir hatten damals andere Probleme bei uns im Land“, erzählt Ibrahimov. „Ich konnte mir deshalb anfangs gar nicht vorstellen, dass wir ein ganzes Orchester zusammenbringen würden.“ Umso größer war seine Freude, als es anders kam: Nach vierwöchigen Proben und einem erfolgreichen Festivalkonzert in Berlin fand sich eine Schweizer Stiftung, die die Finanzie-rung übernahm – und dabei half, dass das 70-köpfige Orchester in diesem Jahr zum zweiten Mal nach Berlin reisen konnte.
Für Ibrahimov ist das Projekt längst eine Herzenssache: Regelmäßig fährt der Dirigent, der seit 2002 in Deutschland lebt und studiert, nach Baku, um dort mit der Jungen Philharmonie Aserbaidschan zu proben. „Ich will eine Brücke zwischen beiden Ländern sein“, sagt Ibrahimov. „Was ich hier in Deutschland lerne, will ich an die jungen Musiker in Aserbaidschan weitergeben.“ In Gedanken ist der Dirigent allerdings längst viel weiter: So wie er selbst aserbaidschanische Musik und Kompositionen in Deutschland bekannt gemacht hat, will er auch deutsche Orchestermusiker nach Aserbaidschan einladen. „Das braucht noch viel Zeit“, sagt Ibrahimov. „Aber ich weiß, dass es möglich ist.“////















