Willkommen in Löhne, der „Weltstadt der Küchen“. So steht es schwarz auf grün nur wenige Meter hinter dem Ortseingangsschild auf einer modernen Stele. Ein großer Name für eine 40000-Einwohner-Stadt in Ostwestfalen-Lippe (OWL), einer ländlichen Region im Nordosten des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Tatsächlich sind hier aber im Jahr 2010 mit gut 2,5 Milliarden Euro fast zwei Drittel des Gesamtumsatzes der deutschen Küchenmöbelindustrie erzielt worden. Ostwestfalen-Lippe ist damit weltweit der bedeutendste Fleck im Küchenmöbeluniversum. Giganten wie Nobilia, die 2200 Küchen pro Tag produzieren, sind dort zu Hause. Oder das Traditionsunternehmen Poggenpohl, das mit seinen Innovationen im Laufe der gut 120 Jahre dauernden Firmengeschichte immer wieder Trends gesetzt hat. Oder Zulieferer wie die Firma Danielmeyer. Das Geschäft des Mittelständlers sind Arbeitsplatten. 1200 Stück verlassen die Werke in der Nähe von Hameln und am Muttersitz in Löhne jeden Tag. „Als wir 1990 von der Herstellung von Profilleisten auf Arbeitsplatten umstiegen, haben wir 40 Stück pro Tag hergestellt“, sagt Geschäftsführerin Regina Danielmeyer. Heute gehören ein großer schwedischer Möbelkonzern zu den Abnehmern und die Küchenbauer der Region.
Dass sich Ostwestfalen-Lippe zum Möbelzentrum Deutschlands entwickeln konnte, hat historische Gründe. Zwei wesentliche Aspekte werden immer wieder angeführt: die Nähe zum Rohstoff und die Nähe zu großen Absatzmärkten. Die Wälder Ostwestfalens und des Sauerlands lieferten in der Zeit der Industrialisierung ausreichend Holz und die Köln-Mindener-Eisenbahn ermöglichte die Anbindung an das Ruhrgebiet, das in dieser Zeit eine wahre Bevölkerungsexplosion erlebte. Heute gelten die Autobahnen 2 und 30 als wichtige Verkehrsadern für die ostwestfälische Möbelindustrie. Allerdings wird ein Großteil der Möbel nicht mehr ins Inland, sondern über den gesamten Globus verschickt. Poggenpohl etwa hat eine Exportquote von 75 Prozent und ist inzwischen in mehr als 70 Ländern vertreten. Produktionsheimat ist und bleibt aber Ostwestfalen. „Das Siegel ,Made in Germany‘ ist auf internationaler Ebene extrem wichtig. Wir erfahren im Ausland eine hohe Wertschätzung der Manufaktur-Qualität“, sagt Thomas Oberle, Leiter Public Relations von Poggenpohl. Regina Danielmeyer schätzt die kurzen Wege, die persönlichen Kontakte zu den Entscheidungsträgern der Unternehmen. „Für uns hat das Möbelcluster entscheidende Bedeutung. Die Mitarbeiter sind gut ausgebildet, ein Großteil der Zulieferer liegt im Umkreis von 50 Kilometern“, sagt Oberle. Poggenpohl hat seinen Sitz in Herford. Wenn man so will, der Hauptstadt der deutschen Möbelindustrie. Hier haben die wichtigen Verbände ihre Büros. Nicht in Berlin.
Leo Lübke, der Chef von Interlübke und COR, sitzt hinter seinem wuchtigen schwarzen Schreibtisch in Rheda-Wiedenbrück. Das Büro ist nur wenige Hundert Meter von der Produktion von Interlübke, einem sogenannten „Kastenmöbelhersteller“, entfernt. Lübke mag dieses Wort nicht so gern. Die Ostwestfalen bauen Betten, Kommoden, Regalsysteme, Raumtrenner und Schränke im Hochpreissegment, mit klarem Design und in allen denkbaren Farben. Besucher des Unternehmens lernen schnell, dass Weiß nicht gleich Weiß ist. Die Töne heißen Kristallweiß, Schneeweiß, Wollweiß oder Perlmutt. Doch bevor sie auf die Span-, MDF- oder Spandeckplatten kommen, müssen diese erst einmal auf Maß gebracht werden. Das besorgt eine grüne Riesenmaschine, die die Rohlinge zurechtsägt und anschließend die entsprechenden Kanten aufbringt. Auf den Bruchteil eines Millimeters genau. „Wenn der Übergang vom Brett zur Kante nicht perfekt ist, sieht man das später bei der lackierten Platte umso mehr“, sagt Harald Boffenmeyer. Er führt regelmäßig Gruppen durch die Produktion. Einen Arbeitsschritt weiter bohrt Peter Böhm mit Hilfe einer computergesteuerten Maschine Löcher in die Platten. Er ist Spezialist für Bohrungen. Fast 300 verschiedene Bohrer hat er in seiner Schublade. Die Kombinationen, die das Design vorgibt, sind schier unendlich. Seine Arbeit sieht man später nicht. Dennoch macht sie ihn stolz. „Die Kunden zahlen gutes Geld für Möbel mit dem Interlübke-Logo. Da können sie auch gute Verarbeitung erwarten“, sagt Böhm.
Im ersten Teil der Produktion riecht es nach Schreinerarbeit. Dazu lagert sich an einigen Stellen der feine Holzstaub ab. Ein paar Arbeitsschritte weiter verdrängen Lacke den Holzduft aus der Luft. Die Farben heißen hier nicht „Kristallweiß“, sondern M02. Dort hat Staub keine Chance. Mit feinen Bürsten, Saugern und Luftdruck-Bläsern rücken ihm die Arbeiter zu Leibe. Staub ist der größte Feind der Lackierer. In mehreren Schichten tragen sie Grundierungen und Lackierungen auf. „Jedes Staubkorn würde das Ergebnis verschlechtern“, sagt Boffenmeyer. Damit nur Platten mit bester Lackqualität die Produktion verlassen, nimmt sie Helmut Döinghaus noch einmal in die Hand. Bis zu 600 verschiedene Platten tastet, putzt, poliert und betrachtet er täglich. Über sich selbst sagt er, dass er „pingelig“ sei. Ein westfälisches Wort für „sehr genau“. „Ich kontrolliere gewissenhaft, um den Standard zu halten“, sagt der ausgebildete Lackierer.
Es sind Mitarbeiter wie Böhm oder Döinghaus, die für Leo Lübke den Unterschied ausmachen. Zuverlässig und hochqualifiziert seien sie. Das liege an den Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, die in Ostwestfalen besser seien als anderswo. Mit der Tischlerfachschule in Detmold, der Schule für Holztechnik in Beckum und den umliegenden Hochschulen in Paderborn und Bielefeld gibt es sehr gute Angebote. „Ein weiterer Vorteil des Möbelclusters ist das enge Netzwerk“, sagt Lübke. Er schätzt den Kontakt zu anderen Unternehmen der Branche. Er nutzt die regelmäßigen Treffen – etwa des Verbands in Herford – für den Erfahrungsaustausch. Eine Produktion anderswo käme für ihn daher gar nicht in Frage. Aber warum wirbt er nicht mit dem Standort? „Das machen wir ja“, sagt Leo Lübke. Aber eben mit dem Standort Deutschland. International ist „Made in Germany“ dann doch die bessere Botschaft als „Made in Ostwestfalen-Lippe“.///














