Der „Festsaal Kreuzberg“ in Berlin ist brechend voll. In dem Saal mit Bühne, Emporen, langer Bar und rotem Samtvorhang ist jeder der eng stehenden, hölzernen Klappstühle besetzt. Viele der rund 300 Leute haben keinen Stuhl ergattert. Sie müssen stehen. Dem bunt gemischten Publikum, das in dem in rotes Licht getauchten Raum wartet, scheint das egal zu sein. Die Unternehmensberater, Webdesiger und Werbetexter Anfang zwanzig bis Mitte 50 sind gut gelaunt. Sie wollen dabei sein, wenn es im Rahmen der „Pecha Kucha Night“ um Kernseife, Gorillas, Interface-Kunst oder Medizin im 3-D-Internet geht. Wie ernst die Vorträge gemeint sind, ist nicht ganz eindeutig: Die Grenzen zwischen Ernst, Vision und Spaß sind fließend.
Pecha Kucha – das ist eine äußerst kurzweilige Vortragstechnik, in der 20 Präsentationsfolien im 20-Sekundentakt gezeigt werden. Keiner der Vortragenden darf die Sprechzeit von sechs Minuten und vierzig Sekunden überschreiten – eine Stechuhr stoppt mit. Entstanden ist diese superschnelle Powerpoint-Präsentation in Japan: Seit sechs Jahren veranstaltet das Architektenduo Astrid Klein und Mark Dytham Pecha Kucha (jap. für „wirres Geplapper“) in ihrem Tokioter Club „SuperDeluxe“ im Szene-Bezirk Roppongi – Ende Mai zum 62. Mal. Die Deutsche, die in Italien aufwuchs, in Frankreich zur Schule ging und in England studierte, hatte den Briten Dytham am Londoner Royal College of Art kennen gelernt. 1988 gingen beide nach Tokyo und arbeiteten für Toyo Ito, bis sie schließlich 1991 ihr eigenes Büro gründeten, in dem unter anderem Flagshipstores entstehen.
Vor dreieinhalb Jahren exportierte der niederländische Aktionskünstler Iepe Rubingh , die Präsentationsplattform nach Berlin. Er hatte mit den Architekten zusammen gearbeitet und Pecha Kucha in Tokio erlebt. Mittlerweile laden der 33-jährige Rubingh und der 39-jährige Künstler Joachim Stein ihr Publikum vier Mal im Jahr in wechselnde Clubs ein. Erst lief die Veranstaltungsankündigung über Mund-zu-Mund-Propaganda. Heute gibt es einen Newsletter, der schon über 2000 Empfänger umfasst. Außerdem informiert eine Homepage über die Termine. Warum diese Abende so viele Leute anziehen? Pecha Kucha ist ein Teaser für mehr. „Bei uns können Leute ihre Projekte – ob fertig oder unfertig – authentisch und spontan einem großen Publikum vorstellen. Anders als im Fernsehen, geht auch mal etwas schief oder ein Konzept nicht auf. Das hat Charme, das ist es, was die Leute lieben.“
Die 33-jährige Iris Trefflich, Marketingfrau in einem Pharma-Unternehmen, schätzt an den Pecha Kucha Nights, dass man auf unterhaltsame Weise mit so vielfältigen Themen in Berührung komme. Dem 48-jährige Ralf Barsties geht es ähnlich. Der Zahntechniker stand mal selbst auf der Bühne. Eine interessante Erfahrung sei für ihn nicht nur die Reaktion des Publikums gewesen, sondern auch der Kurzvortrag für ihn selbst. Statt wie sonst auf Kongressen lang über sein Fachgebiet zu sprechen, sei ihm der Vortrag „brutal schnell“ vorgekommen.
Um nicht auf eine bestimmte Berliner Szene oder Klientel festgelegt zu werden, wechseln die Veranstalter ständig die Orte: So gastierten sie im „Club der Republik“ in der Pappelallee und im „Ballhaus Ost“ in Prenzlauer Berg, in einem leerstehenden Supermarkt im Wedding, im angesagten „Tape“ am Hauptbahnhof, wo sich gerade eine neue Kunstmeile zu etablieren beginnt, sowie im Festsaal Kreuzberg. Jedes mal führt ein anderer, lokal relativ bekannter Gastkurator durch den Abend, an dem immer rund 12 Vortragende auf die Bühne kommen, die kurz eingeführt, sogleich mit ihrem Vortrag beginnen.
In Köln, Frankfurt am Main, Hamburg und in München steigen ebenfalls Pecha Kucha-Veranstaltungen. Im Frühjahr fand Pecha Kuchas sogar auf der Computermesse CeBIT statt, um Internet-Managern nahe zu bringen, wie effektiv die 20x20-sekündige Kurzpräsentation sein kann. In einigen Werbeagenturen soll sich die Kurzvortragsform eingebürgert haben, wenn sich neue Mitarbeiter den Kollegen vorstellen. Aber auch international können Kreative nicht mehr davon lassen: In 193 Städten kommen Menschen zusammen, sei es in Bangalore, Kuweit oder Zagreb.
Im vergangenen Jahr lernte Joachim Stein auf einer Reise den Pecha Kucha-Organisator aus Porto Alegre kennen, worauf ein Vortrag via Skype aus Berlin nach Brasilien folgte und der Kollege von drüben es ihm gleich tat. Für die Designerplattformen und Initiativen DMY und Create Berlin haben sie Veranstaltungen organisiert, etwa in New York zu einem Event anlässlich des Mauerfalls im New Museum in Soho. Manchmal entstehen aber auch neue Projekte. So habe das Zusammentreffen des weltberühmten Architekturbüros Graft mit Leuten des Künstlernetzwerks Platoon zum gemeinsamen Bau einer Kunsthalle im südkoreanischen Seoul geführt.














