Herr Gruppe, wie kam die deutsch-chinesische Raumfahrtkooperation zustande und was beinhaltet sie?
Mit China arbeiten wir schon seit Längerem auf wissenschaftlichem Gebiet zusammen – ein guter Nährboden, um die Zusammenarbeit von der Erde in den Weltraum auszudehnen. Im Mai 2008 haben dann das Raumfahrtmanagement des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und sein Partner, das chinesische Büro für bemannte Raumfahrt CMSEO (China Manned Space Engineering Office), eine Projektvereinbarung unterzeichnet und damit den offiziellen Startschuss zum Weltraumprojekt „Simbox auf Shenzhou-8“ gegeben. Bei diesem Projekt bringen beide Partner ihre jeweiligen Kernkompetenzen ein: Das DLR stellt das für die Forschung notwendige Experimentiergerät, die Simbox, bereit. Es handelt sich dabei um einen speziellen Wärmeschrank mit Zentrifuge, ein miniaturisiertes Hightech-Labor für biologische und medizinische Experimente. Die chinesische Seite stellt etwas mehr als die Hälfte der Experimente, sorgt für den Mitflug und den Betrieb auf dem Raumschiff Shenzhou. Nebenbei: Jeder Partner kommt für seine Aufwendungen selbst auf. So ist der Mitflug von Anlage und Experimenten auf Shenzhou für uns kostenlos.
Was für Experimente beinhaltete die Simbox?
Während der Mission Simbox wurden Pflanzen, Fadenwürmer, Bakterien und menschliche Krebszellen für eine Dauer von 17 Tagen der Schwerelosigkeit und der Strahlung des Weltraums ausgesetzt. Die 17 Experimente beschäftigten sich mit fundamentalen biologischen und medizinischen Fragestellungen: Wo genau greift die Schwerkraft in biologische zelluläre Prozesse ein? Und wie kann man das Immunsystem, das unter Weltraumbedingungen nur eingeschränkt funktioniert, stärken? Wie effizient arbeitet ein miniaturisiertes künstliches Ökosystem im Weltraum? Die Ergebnisse sind auch für die Menschen auf der Erde von großer Bedeutung. Die Experimente sollen beispielsweise detaillierten Aufschluss geben über die Mechanismen, wie die Schwerkraft in die Prozesse des Immunsystems und des Nervensystems eingreift und wie die Schwerkraft die Entwicklung, die Gestalt und den Stoffwechsel von Organismen beeinflusst.
Welche deutschen Forschungseinrichtungen waren beteiligt und was versprechen sie sich von den Experimenten?
Wissenschaftler der Universitäten Erlangen, Hohenheim, Magdeburg, Tübingen, Hamburg, Freiburg sowie der Charité Berlin waren an den Untersuchungen beteiligt. Neben sechs rein deutschen Experimenten haben die Universitäten Erlangen und Wuhan ein gemeinsames Experiment durchgeführt: In einem Mini-Ökosystem mit Algen und Schnecken haben die Forscher Stoff- und Energieflüsse im geschlossenen System untersucht. Im zweiten deutsch-chinesischen Experiment haben Wissenschaftler der Universität Hamburg und des Instituts für Biophysik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking medizinisch relevante Proteine in Schwerelosigkeit kristallisiert. Die Forscher erhoffen sich davon wichtige Ansatzpunkte, um Wirkstoffe gegen ein heute bereits weitgehend antibiotikaresistentes Bakterium (MRSA) und gegen den die Malaria verbreitenden Parasiten zu entwickeln.
Wann ist mit Ergebnissen zu rechnen?
Mit detaillierten wissenschaftlichen Ergebnissen ist in der Regel nach 3-6 Monaten zu rechnen. Erste vorläufige Analysen deuten aber bereits an, dass die meisten Experimente sehr erfolgreich waren. So liegen bereits erste Bilder von Proteinkristallen vor, die im Weltraum gezüchtet wurden. Das Mini-Ökosystem hat funktioniert – Schnecken und Mikroalgen haben den 17-tägigen Ausflug in die Schwerelosigkeit unbeschadet überstanden. Bei einem anderen Experiment bildeten Schilddrüsenkrebszellen in Schwerelosigkeit wie erwartet Sphäroide, kugelige gewebsähnliche Gebilde, die in der pharmakologischen Forschung eingesetzt werden können. Langfristig können dadurch Tierversuche in der Krebsforschung reduziert werden.
Welchen Stellenwert hat die Kooperation mit China?
China ist neben den USA und Russland zu einer der führenden Raumfahrtnationen aufgestiegen und gehört seit einigen Jahren zum exklusiven Club der drei Länder, die eigenständig Menschen in den Weltraum befördern können. Auf der anderen Seite nimmt Deutschland in der Forschung in Schwerelosigkeit weltweit eine Spitzenstellung ein. Die neue Partnerschaft erweitert unsere Möglichkeiten. Ich hoffe sehr, dass wir sie ausbauen können.///














