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Eine Berliner Initiative engagiert sich gegen Antisemitismus unter jungen Muslimen

Mehr Wissen, weniger Vorurteile

Die Initiative KIgA setzt dem Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen Bildungskonzepte entgegen – mit Erfolg

Katja Winckler

Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus beginnt bei der „Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus“ (KIgA e.V.) vor der Haustür: In den Bürgersteig der Oranienstraße in Berlin sind messingfarbene „Stolpersteine“ eingelassen, die an drei im Nationalsozialismus deportierte und in KZs ermordete Juden erinnern. Im KIgA-Büro informiert eine Ausstellung über das jüdische Mädchen Lore Cohn, die damals in diesem Haus lebte, bis sie als 18-Jährige mit ihren Eltern nach Schanghai emigrieren musste. Der Verein KIgA richtet sich an Jugendliche und Pädagogen aus Schulen und Jugendeinrichtungen des Berliner Bezirks Kreuzberg und anderer Stadtteile, in denen besonders viele türkisch- und arabischstämmige Familien leben. Im Vordergrund steht dabei für die Leiter Aycan Demirel und Mirko Niehoff die Arbeit mit muslimischen Jugendlichen. „Wir wollen mit unserer Bildungsarbeit antijüdische Stereotype aufbrechen“, sagt der 30-jährige Mirko Niehoff.

In den vergangenen zwei Jahren wurden deshalb pädagogische Bildungsmodule zunächst für Haupt- und Realschulen zu den Themenfeldern „Islamistischer Antisemitismus“ und „Nahost-Konflikt“ entwickelt, mit denen in den Schulen vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund erreicht werden sollen. Zudem wurden gerade 15 angehende Pädagogen, die größtenteils selbst aus türkischen oder arabischen Elternhäusern kommen, in einer Fortbildungsreihe ausgebildet, um aktiv gegen Antisemitismus vorgehen zu können. Gefördert wird die Initiative im Rahmen des Bundesprogramms „Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie“ des Bundesfamilienministeriums sowie von der Stiftung „Erinnerung – Verantwortung – Zukunft“ (EVZ).

Die Initiative entstand kurz nach den antisemitischen Terroranschlägen gegen Synagogen in Istanbul 2003. Die Ereignisse hatten den heute 42 Jahre alten Aycan Demirel so erschüttert, dass er sich spontan entschloss, mit Gleichgesinnten die „Migrantische Initiative gegen Antisemitismus“ ins Leben zu rufen. Daraus entwickelte sich die KIgA. Wichtig ist den Initiatoren, dass das Team selbst zum Teil ausländischer Herkunft ist. „So kommen wir in Schulen mit hohem Migrantenanteil schneller an die jungen Leute heran, da wir – auch im übertragenen Sinne – eine Sprache sprechen“, sagt Demirel, der in der Türkei geboren wurde. Ein weiterer Grund für den Erfolg der Initiative ist, dass die Pädagogen den muslimischen Kontext der Einwandererkinder in ihre Bildungsarbeit einbeziehen: So versucht die KIgA in einem der Unterrichtsmodule die vielfältigen Facetten jüdischen Lebens in der islamischen Welt zu veranschaulichen. Die 28-jährige Yasmin Kassar, die ehrenamtlich bei KIgA arbeitet und einen syrischen Vater hat, ist immer wieder erstaunt über die produktiven Diskussionen, die dabei entstünden. Sie selbst, eine studierte Islamwissenschaftlerin, hat an der KIgA-Fortbildungsreihe teilgenommen und sich mit dem Thema „islamistischer Antisemitismus“, den verschiedenen Facetten jüdischen Lebens in Berlin und der Holocaust-Erziehung auseinandergesetzt. „Mit meinem jetzigen Wissen kann ich viel besser als früher argumentieren.“ Ähnlich geht es dem pädagogischen KIgA-Mitarbeiter Mehmet Can, 28, der türkische Wurzeln hat. Seit Jahren engagiert sich der Geschichtsstudent in der politischen Jugendbildung und nimmt an Gedenkstättenfahrten teil. „Auch wenn meine Eltern das nicht so verstehen können: Die Shoah hat für mich eine sehr große Bedeutung.“

Seit 2006 wurden die Kreuzberger Konzepte in anderen Bundesländern vorgestellt. Derzeit sind die Leiter der KIgA auf der Suche nach Konfinanzierungsmöglichkeiten, um bundesweite Lehrerfortbildungen zu ermöglichen, So ist bereits eine überregionale Auftaktveranstaltung in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung für 2010 geplant. Doch im Juni 2009 geht es erst mal mit einer Gruppe aus migrantischen Schülern und Studenten auf eine neuntägige Reise nach Israel. Im Oktober reisen auch die 15 Pädagogen nach Israel - unter anderen werden sie den Leiter der Gedenkstätte Yad Vashem treffen. Ein Blick über den Tellerrand, der beim Kampf gegen den Antisemitismus vor der Haustür helfen soll.

14.05.2009
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